Wer ist eigentlich die Freundin von unserem Gutzkow? Was für eine Type ist sie und wie hat sich ihr Wesen ausgebildet. Ihre Tante und der Bauer Lai haben sie beeinflusst. Und natürlich TÜTE, der Busfahrer und die kleine Waltraud.

Zum ersten Mal zurück kam sie nach fast fünfzehn Jahren. Und als der Bus, in dem sie saß, da am Bahnhof vorbeifuhr, und sie diesen hinter dem Wäldchen hervorlugen sah, meinte sie, ihren ersten Beweis gefunden zu haben, dass hier noch alles beim alten war. Seine beiden Flügel, der eine im Westen, der andere im Norden, umarmten immer noch jeden Besucher. Einzig, die Fassade war bröckeliger geworden. Sogar das Kurzwarengeschäft gegenüber seinem Eingang gab es noch, dabei musste der alte Brenders doch jetzt über 80 sein.

Sie saß in einem Bus mit geöffneten Fenstern. Nicht, dass es Sommer war. Es war Winter, aber die Fenster im Bus standen das ganze Jahr über offen. Wie damals. Das war ihrer Meinung nach der zweite Beweis dafür, dass hier noch alles beim alten war. Der Wind kroch ihr von hinten in den Nacken. Bis zu ihrem Vater hatte sie noch zwölf Haltestellen abzuwarten. Sie musste an der letzten Station aussteigen. Und der Bus stotterte jede einzelne ab wie früher, auch wenn gar keiner an ihnen wartete. Der Busfahrer hielt an. Sie kannte den Busfahrer sehr gut. Mit Tüte war sie  zur Schule gegangen, und jetzt saß Tüte augenscheinlich endlich da, wo er immer hin wollte. „Im Bus kommste rum“, hatte Tüte ihr in der 9. Klasse prophezeit. Das war die letzte Konversation, die sie und Tüte geführt hatten. Dabei sollte es auch bleiben.

Derweil zog das Feld vom Bauer Lai rechts am Bus vorbei. Der erste Schnee bedeckte es. Im Sommer steht das Korn mannshoch. Und dies versperrt einem dann die gute Sichte aus dem Bus heraus auf das Dorf. Im Sommer konnte man vom Bus oder vom Mofa aus die Ausläufer des Dorfes, die sich ums Anwesen vom Lai schlängeln, gar nicht sehen. Sie fuhr als Jugendliche oft mit ihrem Mofa durch die Gegend. Damit wollte sie die Jungs beeindrucken.

Es hatte geheißen, wegen des absichtlich herbeigeführten Sturzes vom Lai durch ihren Vater in den Bach habe sie die Ausbildung beim örtlichen Baustoffhandel Smid bekommen. Den Zusammenhang glaubte sie aber bis heute nicht. Ja, sie wusste, dass ihr Vater und der Lai zusammen bei den Soldaten gewesen waren, aber im Dorf munkelten die Leute, dass beide noch mehr verband als nur diese gemeinsame Zeit. Die alte Eierfrau Lisl, ihre Tante, schwatzte besonders gerne davon, wie sie beide (ihren Vater und den Lai) im Frühsommer 49 habe sich streiten hören. Die Lisl wollte verstanden haben, dass der Lai sein Versprechen nicht einlösen wollte, und ihr Vater ihn deswegen den Hang in den Bach runter gestoßen habe. Wenn Baustoffhändler Smid nicht zufällig an Ort und Stelle gewesen wäre, wäre der Lai ertrunken. „Wär der net g’wesen, wärste zum Lai gekommen und hät ‚te Kühe und Zicklein melken können, dein restliches Leben lang.“ Dabei hatten ihr Vater und der Lai sich angeblich schon darauf geeinigt als sie 10 war, dass sie beim Lai und nirgend woanders in die Lehre gehen würde, wenn sie die Hauptschule zu Ende hätte. Das besiegelten Vater und Lai per Handschlag als sie noch mit ihrer Puppe spielte. Doch die Ereignisse haben anderes für sie gewollt. Sie sollte den Gutzkow kennen- und lieben lernen.

In diesen Bach ist der Lai gestürzt und ertrank beinah.

Nach dem absichtlich herbeigeführten Sturz in den Bach durch ihren Vater hielt sich der Lai verständlicherweise nicht mehr an beider Abmachung für die 10 Jährige. Der Lai erzählte im Dorf dann Lügen, wie ihr Vater auf jedem Fest und bei jedem Erntedank zu verbreiten pflegte: „Der lügt bis sich die Balken biegen, sag i eu.“ Der Lai behauptete nämlich, er habe dafür gesorgt, dass sie ihre Ausbildung beim Baustoffhandel Smid machen konnte. Und nicht der Besitzer selber. Nein, er habe sich an die Abmachung von 49 gehalten! In diesem Punkt ist sich die Dorfgemeinschaft bis heute uneinig. Die Eierfrau List sagt, dass der Baustoffhändler Smid ihrem Vater auch was schuldete, und dass das Bachereignis nur ein Vorwand für den Baustoffhändler Smid gewesen war, um gut bei ihrem Vater dazustehen. Denn in Wahrheit habe der Baustoffhändler Smid so eine uralte Familienfehde mit ihrer Familie beglichen. Ihm soll es demzufolge ganz recht gewesen sein, dass der Lai nichts mehr von der Abmachung mit ihrem Vater wissen wollte, nachdem der Baustoffhändler Smid ihn halb tot halb lebendig aus dem Bach gezogen hatte.

Jedenfalls konnte der Lai nach dem Vorfall im Bach weder ihren Vater noch sie leiden. Und nach dem Tod ihrer Mutter begann der Lai ihren Vater regelrecht zu hassen. Und die Lisl, ihre Tante, wusste auch wieso: „Der Lai haddä anjehalten um ‚me Händchen vonna Soffi, damals nach dänne Kriech. Der hoddö wirklich geliebt.“ Aber ihre Mutter hatte sich für ihren Vater entschieden. Der Lai war der festen Überzeugung, dass die Soffi, also ihre Mutter, auf das Konto vom Lai ging. Er muss das Bacherlebnis als Grundlage für seine Schlussfolgerungen genommen haben. Tüte (der Busfahrer) war übrigens der Sohn vom Lai, und weil der nach dem Bachereignis niemals mehr auch nur die kleinste Gelegenheit ausließ, Tüte gebetsmühlenartig vom schlechten Charakter ihrer gesamten Familie zu erzählen, grüßten sich beide auch heute jetzt im Bus nicht. Auch nicht nach fast fünfzehn Jahren. Sie war ja mittlerweile – dank ihres Gutzkows – auch wer. Tüte nicht wie sie fand.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit jetzt wieder in den Bus und was sich dort abspielte, nachdem Tüte am Feld vom Bauer Lai vorbeifuhr, dessen Stoppeln schneebedeckt waren. In dem Bus, in dem ihr der kalte Wind von hinten in den Nacken zog, weil die Fenster nie geschlossen wurden, saß Tüte diesmal vorne und schaukelte umhüllt von seinem Traumarbeitsplatz seine alte Klassenkameradin über die winterliche Tangente, die den Ostteil mit dem Westteil des schwäbischen Dorfes verband. Als er das tat und sein großes Lenkrad zufrieden und stolz nach links und nach rechts schwenkte, besah er sie sich heimlich im Rückspiegel. Zuerst hatte er sie nicht erkannt. Doch dann kam Tüte wieder sein altes, vom Vater Lai anerzogenes Denkmuster in den Sinn. Sein Hass auf sie und ihre ganze Familie entflammte in ihm spontan. Und diesem Hass ließ er an der letzten Haltestelle namens Weihers Grund (hier musste sie raus) als er anhalten musste freien Lauf.

Der Weihers Grund war eine Art Wendehammer für die Linie 58. Am Weihers Grund musste Tüte seinen Zweitürer mit 60 Steh- und 30 Sitzplätzen wenden, um danach in entgegengesetzter Richtung zurück zu fahren. Hier am Weihers Grund endete die Tour und sie begann zugleich. Seine Bustour war kein Kreis, sondern eine verschnörkelte Gerade.

Hier am Weihers Grund dreht er, um den Weg, den er gekommen war wieder zurück zu fahren. Zurück ist da, wo er seine Runde vor 2 Stunden zum zweiten Mal für heute in Bahnhofsnähe begonnen hatte. Er wusste, dass sie hier am Weihers Grund aussteigen musste. Nun ließ Tüte das Lämpchen am Türknopf aber nicht aufblinken, und um das Öffnen der Türen herbeizuführen, musste sie Tüte darum bitten, sie kam nicht umhin. Tüte freute sich auf ihr jämmerliches Flehen. Doch Tüte hatte leider eine Kleinigkeit übersehen, dass nämlich draußen die Witwe Haporzki mit der Enkelin den Bus zurücknehmen wollte, also in die Richtung, aus der er gerade gekommen war. Die Witwe Haporzki war mit ihrer toten Mutter sehr gut gewesen und die Witwe hatte mitgeholfen, sie damals auf die Welt zu bringen. So können wir uns jetzt denken, dass die Witwe Haporzki sich sehr darüber freute, sie wieder zu sehen. Und ihr selber entging das Schauspiel nicht. Ihr war klar, was Tüte vorhatte, und sie freute sich auf diese Demütigung, die sie ihm gleich präsentieren würde.

Sie freut sich sehr auf die Demütigung von Tüte

Nun, Tüte hielt die Türen verschlossen, er ließ niemanden rein und niemanden raus. Und die Witwe Haporzki wunderte sich draußen stehend, dass Tüte die Türen nicht sofort öffnete. Also klopfte und bollerte sie aufgeregt von außen an den Bus, und als die aber nicht aufging, lief sie rüber zu Fahrer Tüte und schrie ihn an „Mensch, mach d‘ Tür auf“. Tüte grinste und murmelte: „A gä ihr leuts do oll ihr könnts mich amal aal“.

Aber Tüte hatte in seinem Wahn völlig vergessen, dass die Witwe war auch sehr dicke mit seiner Mutter war, die noch lebte. Beide Damen bereiteten jedes Jahr die Feierlichkeiten für den Erntedank mit der Küsterin vor und bald war es wieder soweit. Die Witwe Haporzki kam gerade zurück von der Schule, hatte Enkelin Waltraud abgeholt und dann gleich auch die neuen Kerzen für den Hochaltar vom Schlosser Fritz mitgenommen. Die Frau vom Fritz war eine begnadete Kerznerin.“Die kann besser Kerzen als Schwatzen“, so sah das auch der Pfarrer und  wollte in seinem Gotteshaus nur und ausschließlich den Wachs von der Honiggerti, so nannte man sie im Dorf, aufgestellt sehen, denn der verbreitete einen lieblichen Duft in der ganzen Kirche, weil sie den Wachs ausschließlich den Bienen abrang.

Tüte hörte die Haporzki draußen sehr sehr laut schimpfen. Er bleib noch ein paar Sekunden standhaft. Doch dann bekam er es mit der Angst zu tun. Er fürchtete, die Dorfwut auf sich zu ziehen, wenn er jetzt nicht nachgab. Und er war in einer misslichen Lage. Und sie? Was tat sie derweil? Sie hatte sich wieder hingesetzt und das Treiben an der Tür beobachtet. Süffisant grinste sie den Tüte an. Anstatt dies zu lassen, befeuerte sie quasi seine Wut noch mehr. Er gab sich geschlagen und öffneten die Türen, ohne dass sie auf einen Knopf drücken musste. Sie stieg aus und die Witwe sprach: ,,Ah, mei Madl, schön dich zu sehn, wallst zum Vadda? Fein hast dich g’macht„. Und so hielt sich die Witwe Haporzki noch am Rahmen der Bustür fest, um sich hineinzuhieven samt Enkelin.

Doch dazu kam es nicht mehr, weil Tüte einfach losfuhr. Ohne Witwe und ohne Waltraud. Oh, da echauffierte sich die Witwe aber ob der Ungehörigkeit: „Als er den gemacht hat, war der Herrgott wirklich nicht großzügig“ und versuchte ihm hinterher zu brüllen, aber vergebens. „Die Mutter von dem kriegt’s gleich erzählt von mir. Na, der wird’s noch reuen.“ Dann fing die kleine Waltraud an zu weinen, weil es kalt war und sie Hunger hatte. Die Oma tätschelte ihr den Kopf, aber beruhigen konnte sie sie nicht. Erst als die drei den Weg runter gingen, freute es sich wieder, denn der Bäcker kam ihnen entgegen. Man grüßte sich, blieb stehen und tauschte kürzer als sonst die neuesten Neuigkeiten aus, bei welcher Gelegenheit der Bäcker los werden konnte, dass unten am Weiher heute morgen ein Hemd gefunden worden war.

„Die Gundi hats aufgehoben als sie auf dem Weg zur Schule war“, mehr verriet der Bäcker nicht. „Kennst die Gundi, Waltraud? Kennst doch die Gundi, was hat die denn gesagt? Kennst das Hemd?“, wurde das Kind von der Alten gelöchert. Aber das Kind wusste von nichts, es fing wieder an zu weinen. Doch die Alte ließ nicht locker „Sag schon Waltraud, kennst doch die Gundi. Wem gehört das Hemd, sag schon. Kriegst auch Klumpen soviel du willst gleich im Haus.“ Die Haporzki konnte eines wirklich gut: Den Tratsch im Dorf anzufeuern und immer wieder neue Geschichten in Umlauf zu bringen. Und ihr gefiel das. Sie hatte auch dieses Gen in sich. Schlechtes erzählen, Unfrieden schüren. Mag sein, dass sie das mit ihrem Gutzkow verband. Und das Kind war auch nicht blöd. Es verstand, worauf es in diesem Dorf ankam. Eben solche Geschichten weiter zu spinnen. Und wenn die Omi schon mit Klumepen lockte, na dann überlegt auch eine kleine Enkelin nicht lange. Und so plauderte das Kind und sagte Fatales, was nicht stimme.

So dürfen wir uns die Witwe Haporzki vorstellen. Ohne Mofa selbstverständlich

Und das Kind sprach: „Dem Lehrer Meu.“ Sie, die Witwe und der Bäcker waren entsetzt. „Dem Meu, ja sagstes nochmal. Bist dir ganz sicher,  Waltraud, dem Lehrer Meu!?“ Und die Kleine nickte heftig mit dem Kopf: „Krieg ich jetzt fünf Klumpen?“ und es wähnte sich schon im Klumpenhimmel, da war sogar noch was für die Puppe Lotte drin, ihrer Lieblingsdolly. Aber die Alte nahm das Kind noch fester bei der Hand, sprang auf den die Kutsche drauf, ließ sich vom Bäcker zum Pfarrer bringen, geradewegs und ohne Umweg. Da oben auf dem Wagen erinnerte sie sich auch gleich an den komischen Meu, dass er ihr schon als immer aufgefallen war und komische Sachen gesagt hatte. Und als seine Schwester vor acht Jahren den Johann geheiratet hatte, da war der Meu lange nicht zu sehen. Daran erinnerte sich die Witwe jetzt wieder ganz genau und sprach das auch offen an, da oben auf dem Bock neben dem Bäcker. Keiner wusste damals, wo er war, so kurz vor der Einnahme des Leibes Christi. Der Witwe Haporzki schien nun so manches klar zu werden.

Waltraud lutschte derweil genüsslich ihre Klumpen und hatte schon längst vergessen, dass sie den Lehrer Meu kennt. Und sie? Was tat sie derweil? Wie reagierte sie? Sie freute sich darüber, dass sie hiermit den dritten Beweis gefunden zu haben schien, dass hier noch alles beim alten war. Das Kind zwinkerte ihr zu als es von der Witwe auf den Bock gezogen wurde. Aber auch sie freute sich darüber, dass nun ein anderer dumm da stand.

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