(c) Olaf Lüken 2018

Sonnenstrahlen streicheln in diesen Tagen die blasse Haut und verströmen ein wohliges Gefühl im ganzen Körper. Die Seeluft schmeckt nur leicht nach Salz. Nicht weit entfernt rauschen die Ostseewellen. Endlich mal an nichts denken müssen, endlich mal richtig abschalten können. Urlaub an der See mit Sonne, Sand und Strand.

Über mir einige auf Krawall gebürstete Heringsmöwen, unter mir – mein gemütlicher Strandkorb, für viele Urlauber auch eine Art Reihenhaus in den Dünen. Der knapp 140 Jahre alte Strandkorb ist ein typisch deutsches Möbelstück, für den einst so mondänen Badeurlaub, halb Sitzmöbel, halb Paravent und ein Ruhemöbel für den Strand. Der Korb ist vor allem ein Kompromiss zwischen Laissez-fairez und Contenance. Der korbgewordene Besitzerstolz eines Häuslebauers: „Liebling, ich habe die Hütte geschrumpft.“ Es ist nich so, dass wir deshalb komatös in der Sonne dösen, damit wir uns von den cholerischen Chefs erholen können oder Abstand zum Dauergepiepe unserer Handys und dem plärrigen Klang unserer Smartphones finden. Meistens verschwinden die Köpfe hinter einer Zeitung oder einem Magazin, damit die Gedanken weit wegfliegen können, wohin auch immer sie wollen. Wussten Sie, dass die Vorläufer der Strandmöbel aus den Niederlanden stammen und bereits im 17. Jahrhundert bekannt waren, wenn auch in ihrer einfachsten Form ?

Der blau-weiße Strandkorb ist ein Relikt aus der Kaiserzeit. Eine alte Mär weiß zu berichten, dass eine rheumakranke Dame, Elfriede von Maltzahn, auch in der kalten Jahreszeit nicht auf ihren Urlaub verzichten wollte. 1882 beauftragte sie den Hofkorbmacher Wilhelm Bartelsmann, ihr aus Weiden eine Sitzgelegenheit für den Strand zu flechten, der sie auch vor Winden und Stürmen schützen kann. Einen „stehenden Wäschekorb“ nannten Spötter den Prototyp. Seine Vorzüge sprachen sich jedoch schnell herum.
Bis zur Jahrhundertwende (1900) setzte sich das Möbelstück an der Ostseeküste durch. Der Urlaub hieß damals noch „Sommerfrische“ und war ein Privileg derer, die es sich leisten konnten, im Automobil an die See zu reisen. Erst kam Kaiser Wilhelm II., anschlieißend der Adel und die Großbürger und mit dem Ausbau des Straßennetzes auch das „gemeine“ Volk. Der Kaiser liebte Strandkörbe inniglich und verbrachte seinen Urlaub bevorzugt in Norwegen, aber auch auf Usedom und in den Kurbädern Heringsdorf und Ahlbeck. Von Badekultur war in jenen Zeiten noch keine Rede, und FKK war der Ungeist, den erst das sozialistisch eingestellte Proletariat aus der Flasche lassen wollte. Kaiserliche Sprösslinge behielten ihre Matrosenanzüge an, wenn sie am Strand spielten oder auf der Sitzfläche des Strandkorbes thronten. Vornehme Blässe prägte das Schönheitsideal adeliger Blaublüter, und der Korb schützte seine Insassen vor Sonne, Wind und Regen.
Die Strandkörbe haben sich über den Globus verbreitet, ob an der Copacabana oder an den Sunshine-Coasts in Australien. Dort, wo sich deutsche Auswanderer niederließen, hatten sie ihr Luxusmöbel dabei. Und Strandkorbinhaber neigen stets zur Bequemlichkeit. Das war nicht immer so. 1911 ließ sich ein Lübecker Tüftler einen Prototyp patentieren, der sich bei Bedarf in ein Rettungsboot verwandeln konnte. Es kam nie in Serie.
Der echte Strandkorb-Freak verlässt seine gebuchte Unterkunft in der Morgendämmerung und zieht in seine gepolsterte Bretterbude um.Hier erfrischt er sich beim frühen Bad in der Brandung und verbringt den restlichen Tag mit schnacken, gucken, eincremen, Strandkorb ausrichten, Mittagsschlaf halten und Möwen zählen. Die Strandkörbe haben ihre Logenplätze an See und Meer zum Teil verlassen und stehen selbst in den Bergen und auch dort, wo man sie nicht vermuten würde. Vor kurzem sah ich ein Exemplar mit Sitzheizung im Wintergarten eines mit mir befreundeten Ehepaares. Panta rei – hätte Heraklit einmal mehr gesagt.