Ausflug ins All

Urlaub in der Heimat kann auch schön sein. Vor allen Dingen, wenn man ganz hoch hinaus will. Mein Ausflug ins Weltall beginnt an einem wettermäßig milchigen Donnerstagvormittag in der Eifel. Ziemlich entspannt folge ich der Ruckelpiste über die Hügel des Ahrgebirges, die die wunderbar geteerte Bundesstraße abgelöst hat. Eine kostenfreie Massage zu Beginn meines Ausfluges kommt mir doch gerade recht, wenngleich die Federn meines Vehikels da anderer Meinung sind.

Der Weg zum Besucherparkplatz ist erstklassig ausgeschildert, den können sogar navigationsmäßig minderbegabte Homo sapiens wie ich mit Leichtigkeit finden. Mitten in einem kleinen Dorf namens Effelsberg steht es plötzlich: Ein Schild mit der Aufschrift „Radioteleskop“. Im Hintergrund grüßt mich der Kirchturm des Ortes.

Ohne Probleme erreiche ich den Besucherparkplatz, der zwar weder besonders luxuriös noch groß ausfällt, aber immerhin kostenlos ist. Groß muss er an diesem Morgen auch nicht sein, denn außer einem verrückten Siegburger (das bin ich) parkt dort bereits lediglich ein Fahrzeug mit belgischem Kennzeichen. War ja klar, dass die Belgier wieder vor mir hier sein mussten.

Für All-Experimente sind Handys nicht geeignet.

Mit Blick auf mein Handy merke ich schnell: Das wird nichts mit dem Empfang. Wo Eifel draufsteht, muss eben auch Eifel drin sein und ehrlich gesagt: Ich finde es großartig! Außerdem weist mich eine Infotafel bereits am Parkplatz darauf hin, dass ich mein Handy doch bitteschön aus oder in den Flugmodus schalten solle. Als Grund dafür wird mir die Strahlung genannt, die die Radiowellen stören könne, und die sollen ja schließlich hier gemessen werden. Eine handyfreie Zone also, das muss ein Traum für jeden Lehrer sein.

Bevor ich das große Ziel meines Ausfluges erreiche, muss ich allerdings noch den so genannten „Planetenweg“ vom Besucherparkplatz bis zum Teleskop entlangwandern. Dabei handelt es sich um einen Weg, der die Planeten unseres Sonnensystems auf Infotafeln maßstabgetreu darstellt und zum Glück keine Ich-weiß-nicht-was-Millionen-Kilometer, sondern bloß 800 Meter lang ist. Außerdem geht es bergab, das schaffe ich locker.

Gleich nach der ersten Infotafel, die den Zwergplaneten Pluto als winziges Staubkorn abbildet, folgt eine Imbissbude. Das ist jetzt ein kleiner Exkurs, denn bei der Imbissbude handelt es sich um einen Bestandteil des Planeten Erde. Nach Pluto folgt aber erst mal Neptun, der blaue Gasplanet. Die Erde ist erst später an der Reihe. Dafür ist es hier natürlich wärmer, wir sind ja auch näher an der Sonne dran als so ein frostiger Neptun. Trotzdem merke ich mir die Imbissbude für den Rückweg.

Die Sonne

Nach Uranus, Saturn, Jupiter, Mars, Erde, Venus und Merkur erreiche ich endlich den Mittelpunkt unseres Sonnensystems, unsere Sonne höchstpersönlich. Sie besitzt ungefähr die Maßen eines Fußballs, wenn ich das so richtig überschlagen habe. Und plötzlich stehe ich davor. Ich erschrecke fast ein wenig angesichts der Größe dieses weißen Etwas, das irgendwie unwirklich inmitten der bewaldeten Landschaft thront wie das Vermächtnis einer außerirdischen Zivilisation.

Ich befinde mich gerade vor dem zweitgrößten beweglichen Radioteleskop der Welt, einer gigantischen Salatschüssel im Durchmesser von einhundert Metern. 29 Jahre lang war es sogar das größte seiner Art, bis die Amerikaner hingegangen sind und noch einen draufgesetzt haben. Die Lage in diesem Tal der Eifel ist jedenfalls perfekt gewählt, denn die umliegenden Hügel ermöglichen dem Teleskop einen gewissen Schutz vor Störstrahlung, lerne ich dort. Die Radiowellen aus dem Weltall müssen nämlich einen ganz schön weiten Weg zurücklegen und erreichen buchstäblich mit letzter Kraft unsere schöne Erde.

Sehen Sie sie? Neptun & Co verstecken sich geschickt in diesem Wimmelbild

Überhaupt hat man sich an dem kleinen Besucherpavillon große Mühe gegeben, dem ahnungsarmen Laien ein bisschen Faszination für die Astronomie abzugewinnen. Wer sich bis hierhin gefragt hat, wozu es überhaupt so einen Blödsinn wie ein Radioteleskop geben muss, erhält Antworten. Radiowellen sind einfach großartig! Im Gegensatz zu gewöhnlichen Lichtwellen können Radiowellen auch bei bewölktem Himmel empfangen werden, wenn Petrus es mal nicht so gut mit uns meint.

Mit Radioteleskopen kann man Strahlung aufspüren, die für andere Teleskope und erst recht für das menschliche Auge nicht sichtbar ist. Man kann Schwarze Löcher beobachten, Gas- und Staubwolken, explodierende Sterne oder auch gucken, wo gerade neue Sterne entstehen, sich also auf die Suche nach Sternbabys machen. Daraus ergibt sich nach und nach eine Karte unseres Universums, in dem wir leben.

Nachdem ich mich fertig fasziniert habe, kraxele ich noch den kleinen Erdpfad hinunter, der direkt in den so genannten „Milchstraßenweg“ übergeht. Gleich auf der ersten Infotafel sieht man unsere Sonne (!) als winzigen Stecknadelkopf inmitten unserer Milchstraße, die aus Abermilliarden von Sternen besteht. Wir befinden uns angeblich im Orion-Arm der Milchstraße. Komisch nur, dass ich noch nie jemanden getroffen habe, der gesagt hat:

„Ich komme aus dem Orion-Arm! Und wo kommst du so her?“

Da kann man doch kaum zu einem Holländer „Du Ausländer!“ sagen, das klingt ziemlich unglaubwürdig. Nun ja, jedenfalls ist mir das mit der Milchstraße eine Nummer zu groß, sodass ich mich entschließe, den Berg wieder hinaufzusteigen.

Nach diesem Aufstieg (der für einen Fan des Ersten Effzeh Köln ja nicht selbstverständlich ist) habe ich mir mein Essen redlich verdient. Die Sonne lacht auf mein Jägerschnitzel und mein Blick fällt noch einmal zurück auf die Spitze des Teleskops, die über die Baumwipfel der Eifel hinausragt. Zu mir setzen sich zwei Mitarbeiter des zugehörigen Max-Planck-Institutes und unterhalten sich über schreiende Babys.

Definitiv wieder geerdet mache ich mich glücklich und zufrieden auf den Weg zum Parkplatz, auf dem inzwischen schon ein paar Autos mehr stehen.

Kurz vor der Ausfahrt des Parkplatzes wünscht mir ein Schild „Gute Fahrt“. Danke, die kann ich bei dem Straßenbelag auch gebrauchen.

Aber was hier in diesem beschaulichen Eifeltal astronomisch geboten wird, ist wirklich großes Kino!

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