Wie nachhaltig muss ein Schokoladenmuseum sein? Diese Frage haben wir Annette Imhoff gestellt, der Geschäftsführerin des Kölner Schokoladenmuseums im Rheinauhafen. 2016 hat sie das Museum übernommen. Sie hat für diese Aufgabe auch was mitgebracht, nämlich einen feinen Sinn für Nachhaltigkeit. Und den will sie hier nun unter Beweis stellen.

Eigentlich kommt sie ja aus dem Wäschedienstleistungsgeschäft. Sie hatte von Hans Imhoff, ihrem Vater, die Firma La Rosé geschenkt bekommen. „Nachhaltiges Wirtschaften ist mir quasi in die Wiege gelegt worden.“ Und so wichtig wie dem Wäschemetier der ressourcenschonende Einsatz ist, ist dem Schokoladenmetier die Frage nach umweltfreundlicher Produktion, fairen Preisen und fairen Arbeitsbedingungen und natürlich die Gretchenfrage: Kinderarbeit ja oder nein?

20 lange Jahre konnte sie sich also selbst auf die Probe stellen und ihren guten Riecher für Nachhaltigkeit sensibilisieren. Offensichtlich mit Erfolg. Denn es ist ihr gelungen, das Museum komplett klimaneutral zu bewirtschaften. Wahrscheinlich auch zur großen Freude der jährlich 550.000 Besucher, denn „die fordern umweltschonendes Handeln“, sagt sie.

Annette Imhoff ist keine Träumerin. Sie kennt den Unterscheid zwischen Wäsche und Schokolade sehr gut. Sie weiß, dass beide Industrien unterschiedlicher nicht sein könnten. Ihr ist bewusst, dass es auch der Kakaoanbau ist, der für massive Umweltzerstörungen verantwortlich ist, ebenso wie die Textilindustrie mit all ihren Wäschedienstleistungen. Sie kennt die Herausforderungen. Und das System Kakao sei sehr komplex, einfacher werde es trotz ihres Erfahrungsschatzes im Gepäck nicht.

Sie weiß was sie will: anfangen! Und nicht verharren in Möchte-gerne-mal oder Wir-sollten-endlich-doch! „Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir alle angefangen und uns wirklich ernsthaft damit beschäftigen. Und wir müssen alle endlich anerkennen, dass der Weg verdammt weit ist.“

Imhoff hat jedenfalls schon mal 36.000 Bäume gepflanzt, also pflanzen lassen. Das will sie nun jedes Jahr tun – in dieser Saison in Mexiko. „Denn auch Bäume entziehen der Atmosphäre Stickstoff. Das müssen wir unterstützen. Ich will unseren Kindern Hoffnung geben“, sagt sie. Hofft sie etwa auf ein Siegel? „Nein, das brauchen wir nicht, wir haben zwar ein Zertifikat bekommen, aber das ist zweitrangig.“

Sie will was anderes: Nämlich wissen lassen, dass der Rohstoff Kakao aus einem sensiblen Gebiet der Erde kommt – aus den Tropen. Sie will zeigen, dass die Kakaoindustrie ein komplexes Geflecht aus unendlich vielen Mitspielern ist. Ein weltumspannendes Netz macht sie aus, das nicht einfach mal umgeknüpft werden kann. Und hierin bestehe die Herausforderung aller Nachhaltigkeitsbemühungen für die gesamte Schokoladenindustrie.

Und jetzt kommts, sie nennt eine Zahl, die verwirrt: „Man möge sich mal vorstellen, dass die Firma Lindt 30.000 Kleinbauern als Lieferanten für ihren Kakao hat. Das sind alles Nebenerwerbslandwirte, die vor Ort sicherstellen, dass es keine ausbeuterische Kinderarbeit gibt oder dass eben nicht der Regenwald abgeholzt wird. Das ist wirklich nicht leicht, auch nicht für die Konzerne, damit umzugehen.“

„Die großen Schokoladenkonzerne reden nicht wirklich über ihre Nachhaltigkeitsbemühungen in der Öffentlichkeit, auch wenn sie sehr aktiv sind. Die haben nämlich Angst, dass irgendeiner ihnen nachweisen könnte, dass irgendein Sack Kakao dann doch ein Makel anhaftet.“

Das Museum im Rhein

Sie, die neutrale Instanz der Szene, kann sich eine solche Offenheit gut leisten. Sie bezeichnet sich als inaktiv in diesem Geschäft, weil sie eben „nur“ ein Museum geerbt habe. Lindt ist zwar Partner Nummer eins, der die Schokolade liefert, ist aber auch nicht mehr. Früher war Hans Imhoff sein eigener Schokoladenlieferant mit dem Stollwerck-Konzern (Alpia und Sarotti). Als dieser nach 175 Jahren an die belgische Baronie-Gruppe verkauft wurde, sprang Lindt & Sprüngli ein. 

Dabei würden sie alle wirklich viel tun, ist sich Imhoff sicher. Da wurden Stiftungen noch und nöcher gegründet, die sich mit nachhaltigem Kakaoanbau beschäftigen. Doch es sei keine einfache Angelegenheit, dieses nachhaltige Wirtschaften auch konsequent sicherzustellen. „Und deshalb halten sich viele eher bedeckt. Man spricht nicht drüber.“

Wie kamen Annette Imhoff und ihr Mann eigentlich zum Museumsglück? Es war ein Zufall, wie vieles im Leben. Sie hatten La Rosé verkauft und wollten bloß ein Büro im Gebäude haben, um sich neu zu (er)finden. Dann erst sahen sie, dass das Museum seit zehn Jahren in einem Dornröschen Schlaf lag. Es gab viele Prozesse, die nicht mehr zeitgemäß waren. Der Funke sprang über, sie wollten was Schönes machen, warum auch nicht? Sie hatte nicht gedacht, dass es so viel Arbeit mit sich bringen würde. „Aber es nimmt einen dann wirklich mit und es ist etwas völlig anderes.“ Um’s Überleben muss sie da nicht kämpfen, anders als bei La Rosé, das ein sehr wettbewerbsintensives Geschäft gewesen sei. Nun kann sie in einer entspannten Situation gestalten, das mache ihr wirklich großen Spaß. Sie sei sich ihres Glücks natürlich durchaus bewusst und möchte mit ihren Aktivitäten auch andere daran teilhaben lassen. „Jetzt gerade sind wir dabei, die gesamte Ausstellung neu zu machen. Im März wird die gläserne Schokoladenfabrik komplett neu eröffnet.“

Und da sind sie wieder, die gelernten Lektionen aus ihrer Zeit bei La Rosé. Über die eigene reine Wäsche zu reden, macht einen schlechten Eindruck. Man lässt sprechen. Und weil Schokolade Annette Imhoff’s Lieblingsthema ist, spricht eben sie aus, was sich ihre Kollegen nicht trauen zu sagen. „Sie sind alle gut und engagieren sich sehr. Das muss mal gesagt werden, denn jeder kennt die Zerbrechlickeit des Ökosystems und die des Rufes dieser Branche.“

So in die Bresche zu springen, kann sie sich durchaus leisten. Denn sie genießt ein hohes Maß an Vertauen. Wenn sie spricht, weiß jeder, das hat Hand und Fuß. Sie sieht sich als Kommunikationsplattform für die, die selber lieber still sein wollen.

Was sind denn die größten Herausforderungen, um diese geforderte Nachhaltigkeit überhaupt zu leben, Frau Imhoff? „Das sind die komplexen Strukturen in den Anbauländern. Und wenn dann noch Korruption und fehlende Rechtsstaatlichkeit dazukommen, können sie es vergessen.“

Ups: Nun stellt Imhoff uns eine Frage: „Was denken Sie, ist ein fairer Preis?“ Wir überlegen und sind überfordert. Sie fragt nochmal: „Wenn die Anbaufläche eines Bauern nur so groß ist, dass er 20 Prozent seiner Zeit darauf verbringen kann. Wäre es dann fair, dass der Preis so hoch ist, dass er trotzdem sein ganzes Leben damit bestreiten kann? Verstehen Sie, was die Schwierigkeit ist?“ Ja, wir verstehen das.

Dann spricht sie vom Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste. „Viele Menschen waren in den Urwald geflüchtet, haben dort Wald abgeholzt und Kakao angebaut. Ein paar Jahre später kamen dann plötzlich Kakaomengen auf den Markt, die in diesen abgeholzten Gebieten angebaut worden waren. Mit dem Resultat, dass der Kakaopreis in den Keller gerauscht war. Es gab ein totales Überangebot und der Kakao war nur noch die Hälfte wert. Was ist jetzt also ein fairer Preis?“

Und auf alles das macht sie aufmerksam. Dazu nutzt sie auch eine internationale Fachkonferenz die im Schokoladenmuseum stattfindet und eher ein Branchentreff ist. Vertreter der Schokoladenindustrie, des Handels und vieler NGO’s reden dann zwei Tage über Effizienz in den Projekten und vieles mehr. „Ich finde, dass die Marktteilnehmer miteinander ins Gespräch kommen sollen und über das, was erfolgreich ist und das, was nicht erfolgreich ist, reden müssen.“

A propos Siegel: Nicht alles, was Bio ist, ist auch fair. Das lernt man bei den Nachhaltigkeitsführungen ihres Museum. Da wird alles auf den Tisch gelegt, mit manchem Märchen Schluss gemacht, zum Beispiel, dass nicht alles glänzt was ein Siegel trägt. „Bio bedeutet nicht immer gleich fair . Aber wir schärfen auch das Bewusstsein von Konsumentinnen, was sie auslösen, wenn sie dieses oder jenes Schokoladenprodukt kaufen.“

HISTORY – Warum ein Schokoladenmuseum? Hans Imhoff hatte durch die Übernahme von Stollwerck eine riesige Menge an historischen Materialien vor der Vernichtung bewahrt: alte Maschinen, Sammelbilder, Akten, ein riesiges Archiv, Stollwerck-Automaten. All das sollte vernichtet werden. Sollte – wohlgemerkt. Seine Mitwerber Sprengel und Ludwig hatten schon Museen und so hat er 1989 in Gürzenich für sechs Wochen eine Ausstellung zu Schokolade gemacht. Die schlug ein wie eine Bombe. Die Leute standen Schlange. Das Interesse war riesengroß. Nicht nur, weil der Eintritt frei war. Er hatte eine komplette Produktionsstraße aufgebaut. In diesen Wochen kamen weit mehr als 100.000 Besucher.  Das animierte ihn dazu, tatsächlich ein Museum zu eröffnen. „Jeder war dagegen, meine Mutter, seine Berater, wir Kinder. Es gab niemanden, der gesagt hat, tolle Sache!“ Dann hat er an der Spitze des Rheinauhafens ein Grundstück gefunden, über 50 Millionen D-Mark aus seinem Privatvermögen in den Bau investiert und los ging’s. Hans Imhoff hat ein gutes Gespür gehabt. Noch immer sei das Schokoladenmuseum als zertifizierte Bildungseinrichtung das erfolgreichste Museum der Stadt Köln.

Natürlich auch am Baum möglich!