Sterben in Deutschland

Neue Wege in der Hospizversorgung geht die Ricam Hospiz Stiftung in Berlin. Deutschlandweit als erste Einrichtung wird hier ein Tageshospiz für Erwachsene eröffnet. Aus der geriatrischen und psychiatrischen Versorgung bekannt, soll dieses Konzept nun auch auf die Hospiz- und Palliativversorgung übertragen werden. Warum? Reicht die bestehende ambulante und stationäre Hospizversorgung etwa nicht aus?

Die Ricam Hospiz Stiftung findet nicht. „Es braucht zusätzlich ein Angebot, das schwer kranke Menschen nach Bedarf nutzen können. Es kann Tage geben, wo man ein stationäres Setting braucht, weil es zu Hause nicht gut funktioniert, um im Anschluss wieder tagelang zu Hause gut zurechtzukommen“, sagt Maik Turni*.

Was sind die Gründe für ein Tageshospiz? Die meisten Schwerkranken wollen zuhause bleiben und dort auf ein funktionierendes Netzwerk aus Familie, Nachbarn und Feunden zurückgreifen. Der Idealzustand. Der kann aber sehr fragil sein. Geht es den Betroffenen nämlich schlechter – sei es aus psychosozialen Gründen oder medizinischen – passiert es häufig, dass das Netzwerk, das Stabilität vermittelt hat, von jetzt auf gleich überfordert ist. Im schlimmsten Fall wird aus dieser Überforderung heraus die Feuerwehr gerufen. Dann geht’s ins Krankenhaus.

„Krisenartige Verläufe sind aber üblich. Nicht immer müssen diese Patienten deshalb unbedingt ins Krankenhaus. Ein Tageshospiz kann auch dazu beitragen, eskalierenden Krisen vorzubeugen, Angehörige darauf besser vorzubereiten und Strategien zu vermitteln, was im palliativen Notfall zu Hause zu tun ist“, sagt Maik Turni*.

Tageshospize helfen die häusliche Situation und Angehörige zu entlasten und sind ein Zwischenweg für schwer kranke Menschen, deren häusliche Versorgung fragil ist. Mit dem Tageshospiz will die Stiftung die bestehenden Angebote der palliativen Versorgung ergänzen. Der Blick nach England zeigt: Tageshospize füllen dort nicht nur Versorgungslücken auf, sondern sind fester Bestandteil in der Palliativversorgung, weil Patienten und Angehörige sie gleichermaßen brauchen, sei es aus medizinischen oder psychosozialen Gründen. Auch das Tageshospiz der Ricam Hospiz Stiftung wird ein breites Programm bieten. „Hier gibt es Therapien und die Möglichkeiten, Mahlzeiten zu sich zu nehmen, auch wenn die Patienten abends wieder nach Hause zurückkehren. Wir werden mit Pflegekräften, Physiotherapeuten oder Psychoonkologen zusammenarbeiten“, sagt Turni. Und so begreift sich das Ricam als Vermittler zwischen zwei Welten: Der palliativen und der rehabilitierenden, was neu ist in Deutschland.

Städtische Gebiete wie Berlin beobachten eine steigende Nachfrage nach ambulanter Hospizversorgung. Das Ricam Hospiz hat im Jahr rund 1400 Anmeldungen, kann aber nur 150 bis 200 Patienten aufnehmen. Turni sagt, dass man noch weitere stationäre Hospize eröffnen könnte: Belegungsprobleme gäbe es nicht. Aber stationäre Hospize seien das falsche Angebot für Menschen, die zuhause bleiben möchten. Deshalb braucht es die Möglichkeit, dann ins Hospiz zu gehen, wenn es erforderlich ist, ohne das eigene Zuhause in dem Bewusstsein zu verlassen, nie wieder zurückzukehren.

Betrieben wird das künftige Zentrum von der Ricam Hospiz gGmbH, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft der Ricam Hospiz Stiftung. Finanziert wird der Bau des Hospizzentrums mit einem Darlehen der GLS Bank, realisiert von der GNEISE Planungs- und Beratungsgesellschaft mbH. Knapp 200.000 Euro wurden bislang von Bürgern und Unternehmen für den Aufbau des Zentrums gespendet. Weitere Spenden sind erforderlich für die Inneneinrichtung und Außenanlagen.

Die Eröffnung des Ricam Hospiz Zentrums ist für Ende 2019 geplant. Im teilstationären Hospiz wird es 12 Tages- und vier Nachtplätze geben; im vollstationären Hospiz acht Einzelzimmer.

*Maik Turni ist Pressesprecher der Ricam Hospiz Stiftung

Über die Website www.ein-augenblick-leben.de kann jeder für dieses Pionierprojekt online spenden. Weitere Lesetipps aus der Rubrik Soziales.