Berlins Klöster

Es geht in einem Kloster ums Datensammeln. Um Nullen und Einsen denkt der Informatiker. Indes, um Gedachtes, um Gesagtes, Gehörtes, um Verhasstes, Geliebtes, Gemochtes, Verlorenes und um Wiedergefundenes sagt der, der sich dem Leben auf spirituelle Weise versucht zu nähern, eben ein Mönch wie Ajahn Piyadhammo. Unser Redaktionsdienst hat sich nach Berlin aufgemacht, um ihn zu sprechen.

„In Deinem Fall bin ich mir nicht sicher, ob schulische Bildung so sinnvoll ist.“

Das Kloster Wat Sacca liegt versteckt in Berlin Lichtenberg. Wer schon mal in Asien war und buddhistische Klöster besucht hat, ihre Größe und Weite geatmet hat, wer die Gärten gesehen hat, die vor den Eingängen gepflegt werden, wer den Duft der Räucherstäbchen gerochen hat wie ihre Rauchwolken jedes einzelne Zimmer durchtränken, der wird enttäuscht sein von den Ausmaßen des Lichtenberger Wat Sacca, denn hier ist es eng. Das Kloster ist ein Zweizimmer Kloster, eines unten, eines in der ersten Etage. Und auf dem Hinterhof, wo sich der Eingang zum Inneren der beiden Räumlichkeiten befindet, können höchstens drei PKW quer parken, wenn dort nicht gerade die Fahrräder der Klosternachbarn, weltliche Deutsche, zum Stehen gekommen sind. Auch die Kochnische ist klein, die Treppe nach oben ist klein, das Bad ist klein, der Schreibtisch ist klein, der Altar ist klein, die blauen Buddhafiguren sind auch klein, und ebenso so kitschig, es gibt keinen Flur und keinen Stauraum auf den 26 Quadratmetern Kloster. Wir scheinen hier in einer Berliner Ecke zum Stehen gekommen zu sein, so wie die Räder der weltlichen Nachbarn.

Doch erfreulicherweise täuscht dieser Eindruck. Denn hier ist nichts zum Stehen gekommen, schon gar nicht die Datensammlerei und damit die buddhistische Suche nach Wahrheit. Vielleicht ist die Wohnung gerade deshalb der ideale Ort, denn „in der ersten Mail an uns, als wir uns beworben hatten, schrieb der Vermieter, die Wohnung sei nur für Singles und leidensfähige Paare geeignet.“ Denn hier könne man keine Türe knallen, weil es keine gebe, hier gebe es kein Zimmer für einen, der mal Abstand brauche. Und deshalb, so Ajahn Piyadhammo, seien alle Paare jetzt getrennte Paare, die es hier einmal gemeinsam versucht haben.

„Vielleicht“, schaut er wissend hinaus auf den Hof und schmunzelt in sich hinein. Ja, vielleicht ist das so.

„Zur Wahrheitsfindung braucht man aber noch weit mehr als nur ein Kloster. Nämlich die Daten seines Lebens.“

Daten aus seiner Vergangenheit, um die eigene Zukunft bestmöglich zu prognostizieren. Um schließlich frei zu werden und die Lektionen dieses Lebens nicht ins nächste schleppen zu müssen. Seine Form der Leidensminderung.

Daten sammeln zur Glücksuche? Das hört sich sehr technisch an. “Ist es auch. Aber man kann ja nur erkennen, wenn der Blick unverstellt ist. Dazu muss man wissen, was den Blick verstellt. Das können zum Beispiel Dinge sein, die uns den falschen Halt oder dem Leben eine zweifelhafte Stabilität geben. Es gilt, diese Dinge zu erkennen und loszulassen. Auf der anderen Seite müssen wir das Haltgebende in unserem Dasein erkennen. Alles Vergängliche gibt dem Leben keinen Halt“, schlussfolgert Ajahn schon gleich zu Anfang unseres Gesprächs. Und so lässt er jeden Tag aufs Neue los. Bindet sich an nichts und niemanden bis zur Selbstauflösung. Er hat auch keinen persönlichen Besitz, der ihn verharren lässt in einer für ihn zweifelhaften Sicherheit.

Die 26 Quadratmeter sind gelebter Verzicht, nicht nur auf persönliche Dinge, sondern auch auf den persönlichen Raum. Ajahn ist schon fast erschrocken bei der Frage, was zu seinem privatesten Umfeld innerhalb der 26 gehöre. Seine Stimme verliert abrupt an Lautstärke, seine dunklen Augen fixieren mein Gesicht und forschen fragend nach, was mit dieser Frage gemeint sei. Erneut erfolgt eine Erklärung, aber eher diffus, plötzlich sind Fragende und Antwortender gleichermaßen verwirrt. „Die Tür ist nie abgeschlossen. Hier kann jeder rein wie er will.“ Ihm fühlt sich also kein Fleckchen des Zimmers als persönlicher Raum zugehörig und er sich auch keinem Fleckchen dieses Zimmers.

Die Kunst des Trennens

Das Vergängliche vom Nichtvergänglichen zu trennen, das Haltgebende vom Nichthaltgebenden unterscheiden zu können, Leiden mindern, das hat sich Ajahn zur Aufgabe in diesem Leben gemacht. Um herauszufinden, ob ein Ereignis dauerhaft glücklich macht, sprich Halt zu geben in der Lage ist, muss ein Mensch langfristig denken. „Weisheit ist Langfristigkeit.“ Sein Modell lautet, die Vielheitswahrnehmung zu vergröbern und zu verallgemeinern, um genau die richtigen Daten zu filtern, die letztendlich für ihn die größte Leidensminderung bedeuten. „Ein sehr individueller Prozess ist das.“ Letztlich müssen gerade die heilsamen Elemente einer ganz persönlichen Anschauung extrahiert werden, um sich langfristig als glücklichen Menschen zu empfinden. „Da braucht man eben ein gesundes Datenverarbeitungsmodell“, lacht er. Die Parameter eines solchen Datenmodells lauten: Stabilität und Langfristigkeit.

Ajahn Piyadhammo
Ajahn Piyadhammo

Nennt mich einfach Philipp

Doch zurück zum Anfang der Geschichte. Das Kloster Wat Sacca liegt versteckt in Berlin Lichtenberg. Hier kommt Ajahn ursprünglich her. Das Gespräch begann mit großer Ehrfurcht, endete auch mit derselbigen, aber auch um das Wissen, dass hier ein Mensch und kein Heiliger sitzt. Die Fotografen haben ihn gefragt, wie er anzusprechen sei – für weltliche Deutsche ein echtes Problem. „Nennt mich einfach Philipp.“ Und eigentlich ist es genau dieser Satz, der Ajahn charakterisiert. Ein Weltenbummler, der im Buddhismus seinen Weg gefunden hat. Und den geht er nun schon seit über 25 Jahren. Er stammt aus gutbürgerlichem, evangelischem Hause, der Vater Pastor. Jugendliches Interesse brachte ihn schließlich nach Asien. Insgesamt hat er fast 15 Jahre dort gelebt. Angefangen hatte alles mit dem Rat seines Psychologen als er 16 war: „In Deinem Fall bin ich mir nicht sicher, ob schulische Bildung so sinnvoll ist.“ Gehört, abgebrochen, aufgemacht in andere Dimensionen. Also Finger auf den Globus und es wurde Thailand. Einmal dort angekommen gab es kein Zurück mehr, Schule war ausgeschlossen, also ab ins Spirituelle. Und heute ist er Bettelmönch, lebt nur von dem, was ihm die Laienunterstützer schenken oder auch andere. Jeder kann das. Ajahn hat nichts, nur seinen Geist. Dennoch gibt es etwas, das abschließend erwähnt werden sollte. „Was ärgert Dich?“ Und diesmal denkt er nicht lange nach: “Dummheit, die sprechen kann. Ja, ich muss sagen, das ärgert mich bis heute.“ Und so sucht er weiter nach dem, was hinter sprechender Dummheit für ihn doch stecken könnte.

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