Mich freuen – Abschlussarbeit

Viel zu spät fuhr mich das Taxi vor das Eingangsportal. Es war mir unangenehm, schließlich wollten mir Habsburger, Prangl und Trämmer endlich sagen, wie es mit mir weitergehe. Zittrig gab ich dem Fahrer irgendeinen Geldschein, stieg hastig aus und schon von draußen waren die drei geschliffen scharf zu erkennen. Der Architekt des Hotels musste ein Liebhaber des Lichts gewesen sein, er hatte als Fenster nicht einfach nur Glasluken in der Wand vorgesehen, ihre Größe und das Material waren wirklich beeindruckend. Und so entging mir nicht, dass Habsburger lebhaft mit einem Fremden sprach. Ich war verwirrt, denn Habsburger interessierte sich sichtlich für den Fremden. Auch Prangl und Trämmer hingen mit ihren Blicken am Mund des Unbekannten und beobachteten genau jede Neigung des Kopfes, die der Fremde brauchte, um seinem Gesagten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, jetzt eintreten zu müssen.

Eng aneinander gedrängt um einen kleinen runden Tisch saßen die vier. Der Tisch glich einem Beistelltischchen, einem filigranen Stück aus dem vorigen Jahrhundert, die Gesellschaft aber, die passte nicht zu seiner Zierlichkeit. Prangl musste seine Beine übereinanderschlagen und war sehr bemüht, sich Habsburger nicht von rechts zu nähern. Jeder von ihnen achtete genau darauf, dem Nachbarn nicht zu nahe zu kommen. Fast jeder.

Nicht so der Fremde: Er nahm sich nach und nach immer mehr vom knappen Raum um das Tischchen und das immer dann sehr gerne, wenn er laut auflachte. Dabei klopfte er zuerst bestätigend mit seinen Fingern auf das Tischchen, die Kaffeetassen vibrierten auf ihren Tellerchen, und nachdem er dann mit seinem Ellbogen so beiläufig die Tischkante berührt hatte, wie ich es nur von Eichenlaub kenne, das auf seinem Weg zu Boden noch sacht eine winterkalte Mauerkante streift, wies er mit der darauf folgenden rückwärts gerichteten Bewegung seines Oberkörpers zurück zur Stuhllehne den Prangl jedes Mal um ein weiteres Stück seines sicherlich schwer errungenen Territoriums zurück; er mag dies unbewusst getan haben.

Wie gerne hätte ich kehrtgemacht, aber ich musste die Eingangstür nun ins Innere des Raumes stoßen und eintreten. Mit bemüht lockerem Schritt wog ich mich quer durchs Foyer vorbei an schwatzenden Gesellschaften und einem schlafenden Hund, eilenden Kellnern ausweichend, die mir mit ihren in der Luft balancierenden Tabletts aus dem Weg sprangen, und ging beherzt auf das Tischchen zu. Ich sah dabei nicht ganz zufällig in die Augen des Fremden, der aber schaute schnell weg, vielleicht, weil er nicht wahrhaben wollte, dass die Gesellschaft, deren Sonne er offensichtlich war, sich nun vergrößern würde.

Ich stand vor dem Grüppchen. Habsburger begrüßte mich zurückhaltend – auch Prangl und Trämmer gaben sich mäßig. „Friesmann, setzen Sie sich. Ich möchte Ihnen Herrn Gutzkow vorstellen“, eröffnete Habsburger und wies mit seiner offenen rechten Innenhand auf den Fremden. Prangl und Trämmer rückten ein wenig zusammen als mir der Ober einen Stuhl brachte. Habsburger blieb, wo er war, auch der Fremde bewegte sich nicht.

Nein, ich erinnere mich falsch. Herr Gutzkow rückte augenblicklich auf das bisschen Platz, den Prangl und Trämmer zuvor für mich freigegeben hatten, so dass mir nichts anderes übrigblieb, als mich mit meinem Stuhl in die zweite Reihe zurückzuziehen nämlich hinter Prangl und Trämmer. Von hier aus verfolgte ich die Ausführungen des Herrn Gutzkow durch die Lücke schauend, die Prangels linke und Trämmers rechte Schulter mir ließen. Habsburger war verdeckt hinter Trämmer. Ihn sah ich nur dann, wenn der Fremde etwas sagte, das Habsburger faszinierte und der dann wachsam lauschend  das kommende  bestaunend seinen Kopf schräg in die Lücke wog und in dieser dann zum Vorschein kam als könne sein Ohr die Schallwellen so besser empfangen.

Den Fremden sah ich ganz und gar. Ein untersetzter Herr mittleren Alters. Dunkelhaarig mit freundlichem Lächeln und offenen Augen, die aufblitzten, wenn er in Richtung der Fenster sah – sein Doppelkinn wackelte. Herr Gutzkow war vertraut mit dem Gespräch vor Publikum, denn immer bezog er mit seinen Blicken jeden ein. Er schaute zu Trämmer, dann zu Prangl, zu mir und wieder zurück zu Habsburger. Diese Reihenfolge missachtete er nie. Und wenn Habsburger ihm eine Frage stellte, nahm er diese ruhig auf, wiederholte sie, bedankte sich für das Interesse seines Zuhörers, schwieg kurz und versicherte, er werde diesen Punkt später aufgreifen. Habsburger bedankte sich Kopf nickend und lauschte dann schweigend weiter.

So saß ich da und wartete, ob der Fremd nun bald aufstehen  möge. Gespannt beobachtete ich jede einzelne Geste des Fremden, um einen nahenden Aufbruch abzulesen oder zumindest abschätzen zu können, wann damit zu rechnen sei. Aber ich wartete vergebens auf ein solches Zeichen. Unruhig besah ich mir Habsburger, der dem Fremden am wenigsten vermittelte, das Gespräch möge nun bitte bald ein Ende finden. Im Gegenteil ja sogar. Er war es, der Herrn Gutzkow mit seinen Fragen immer wieder aufs Neue anstachelte.

Dann plötzlich, ganz und gar vereinnahmt von meiner eigenen Aufgeregtheit, stieß mich Prangl mit einem Lachen in der Stimme von links vorne an und fragt mich: „Herr Gutzkow möchte wissen, wie sie unsere Führungseliten bewerten, Friesmann. Herr Gutzkow ist ein Modernist.“ Gleichzeitig stand Habsburger auf, kam herum und stellte sich hinter mich, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Friesmann, von Herrn Gutzkow können wir uns alle eine Scheibe abschneiden. Harad-Absovent. Solche Leute braucht unser Land mehr denn je. Wissen sie, Friesmann, was das bedeutet?“ Ich sagte kleinlaut und heiser in Richtung des Fremden: „Darf ich fragen, welche Titel sie zu den ihrigen Errungenschaften zählen dürfen, Herr Gutzkow?“

Er lehnte sich zurück und warf Habsburger einen bedeutenden Blick zu, der immer noch hinter mir stand. Habsburger übernahm und sprach zu mir herunter, ließ dabei aber seine rechte Hand auf meiner linken Schulter liegen: „Nun lieber Friesmann, Herr Gutzkow beherrscht die Kunst der Unternehmensführung auf allen Ebenen. Führung,“ wendete Habsburger sich dann höflich wieder an Herrn Gutzkow: „Führung ist ihr Spezialgebiet, nicht wahr?“ Dann sagte er mir von oben auf den Kopf herunter: „Mit Herrn Gutzkow werden Sie sich, lieber Friesmann, ab morgen die Räumlichkeiten teilen.“ Ich sah erstaunt nach oben, doch Habsburger stand in meinem toten Winkel, und als  ich ihn zu fixieren versuchte, schaute ich wie ein Hase, dem ein Mensch den Kopf in den Nacken zieht, in Herrn Gutzkows Gesicht. Und der grinste breit. Stand auf, reichte mir seine ausgestreckte rechte Hand zum Gruße über die Zierlichkeit aus dem vorigen Jahrhundert und begleitete seine Bewegung mit den Worten: „Lieber Herr Friesmann, ich habe schon viel von ihnen und ihren Fähigkeiten gehört. Herr Habsburger schwärmt in den wohlklingendsten Tönen von ihnen. Ich freue mich sehr auf unsere Zusammenarbeit.“ Wir schüttelten uns die Hände, er setzte sich wieder und auch ich tat das.

Prangl und Trämmer beobachteten alles von ihren Logenplätzen aus still. Habsburger ging wieder zurück zu Herrn Gutzkow und beide unterhielten sich. Trämmer flüsterte mir zu: „Und wie finden sie ihn?“ Ich zuckte mit den Schultern, weil ich überfordert war. „Wer ist er?“ fragte  ich nervöser werdend leise zurück. Prangl, der dies hörte, lachte höhnisch und warf die Antwort hin zum Fremden quer über den Tisch: „Sie sind Herrn Gutzkows neue rechte Hand, Friesmann. Und Herr Gutzkow ist der neue Friesmann. Was sagen sie nun?“ Darauf dürfen wir uns alle freuen, Friesmann.“ „Ja“, bestätigte Habsburger. Herrn Gutzkow dabei gepflegt auf die Schulter klopfend: „Wir sind sehr stolz, Herrn Gutzkow gefunden zu haben. Freuen sie sich!“

Ich konnte es nicht glauben. Habsburger und Prangl gaben mir eine Anweisung, mit der ich zum ersten Mal etwas anfangen wollte.

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