200 Jahre Rad fahren

Das Verkehrszentrum des Deutschen Museums hat sich dem Thema „200 Jahre Rad fahren“ mit einer Sonderausstellung gewidmet. Wir sprachen mit Bettina Gundler über die Ausstellung und wie sich ein Museum heute positionieren muss, um Besucher zu begeistern.

Frau Dr. Gundler, wie hat sich die Bedeutung des Fahrrades für den Verkehr gewandelt?

Das Fahrrad hat historisch manche Auf- und Abschwünge erlebt: vom Eventmobil und Sportgerät für eher Wohlhabende über eine Phase als Volksverkehrsmittel und eine Phase des relativen Abschwungs in den 1960er/70er Jahren bis hin zur seiner heutigen Renaissance. In unserer Ausstellung gehen wir diesen Konjunkturen und wechselnden Bedeutungen des Radfahrens für die Menschen nach: in drei großen Bereichen, die sich mit der Technik, Sport und Kultur des Fahrrads und dem Radverkehr befassen. Wir laden unsere Gäste auch zu Beteiligung ein. An unserem „Besucher-TED“ kann man Fragen dazu beantworten, was man für ein Typ Radler oder Radlerin ist und wie man den Radverkehr in München einschätzt.

Inwiefern spiegelt das Verkehrszentrum auch die industriellen Revolutionen wieder, die es bereits gab? Welche Bedeutung hat die Digitalisierung und das autonome Fahren, also der Blick auf künftige Entwicklungen, bei der Konzeption Ihrer Ausstellungen?

Die Ausstellungen im Verkehrszentrum beruhen auf einer recht umfänglichen Sammlung zum Thema Landverkehr, die schon gleich nach Gründung des Deutschen Museums begonnen wurde. In unserer Sammlung dokumentiert sich tatsächlich die technische Entwicklung der verschiedenen Verkehrsmittel von der vorindustriellen Zeit bis in die Gegenwart. Sie finden in unserer Ausstellung natürlich auch wichtige Exponate, die die Rolle der Eisenbahn in der Industrialisierung abbilden. Von deren Anfängen erzählt beispielsweise die Dampflok „Puffing Billy“ (1813/14), die sich in Bewegung setzen lässt, von der Rolle der Eisenbahn als erstes Massenverkehrsmittel im 19. Jahrhundert die Galerie der Eisenbahn in unserer Halle II. Und die verschiedenen Phasen der Verbreitung individueller Verkehrsmittel veranschaulichen Kutschen, Fahrrädern, Automobilen in verschiedenen Inszenierungen und Themeneinheiten unser drei Hallen. Wie sie richtig sagen, widmen wir uns aber auch aktuellen Themen. In unserer Ausstellung befindet sich bereits eines der ersten autonom oder besser automatisiert fahrenden Autos – ein Mercedes mit einem Kamera-Seh-System und großem eingebauten Rechner. Er wurde im Rahmen des Forschungsprojektes „Prometheus“ entwickelt und fuhr bereits 1995 von München nach Kopenhagen und zurück, meist ohne Zutun eines Fahrers auf der Autobahn!

Wir hatten auch eine Sonderausstellung über Elektromobilität und planen derzeit für die nächsten Jahre eine Dauerausstellungseinheit über aktuelle Verkehrstechnologien, dazu gehören natürlich auch automatisiert fahrende Autos und Bahnen, aber auch die smarten und intelligenten Technologien und Dienstleistungen, die für die Verkehrsleitung wichtig sind oder uns individuelle Anwender in Stand setzten, auch ohne eigenes Auto schnell und bequem unterwegs zu sein.

Was ist das Besondere des Verkehrszentrums, warum sollten Besucher ein Ticket kaufen? Welche intellektuellen Erkenntnisse erwarten die Besucher? Worauf sind Sie besonders stolz?

Ich denke, das Verkehrszentrum bietet schon manche Besonderheit. Das ist zum einen, wie schon erwähnt unsere einzigartige Sammlung, die vor über 100 Jahren begonnen wurde und sich dadurch auszeichnet, dass wir nicht nur Autos oder Eisenbahnen zeigen, sondern einen Querschnitt durch die ganze Welt der Fortbewegungsmittel – vom frühchristlichen Knochenschlittschuh bis zum Hightech LKW. Besonders ist aber auch unser Konzept. Wir sehen uns als Museum für Verkehr und Mobilität und bemühen uns, nicht nur die technische Seite unserer Exponate sichtbar zu machen, sondern auch deren Verwendungszusammenhänge. Wir betrachten das Verkehrsgeschehen auch aus der Nutzerperspektive. Automobile und Eisenbahnen existieren ja nicht um ihrer selbst willen, sondern sind Grundlage unserer Mobilität. Wir haben unsere Sammlung deshalb nicht chronologisch-technisch geordnet, sondern präsentieren sie, teilweise mit szenischen Elementen, in größeren Zusammenhängen wie dem Stadtverkehr oder der Geschichte des Reisens oder der sportlichen Nutzung. Besonders ist schließlich auch der Ort, an dem sich das Verkehrszentrum befindet: drei historische Messehallen, die 1908 gebaut wurden und die Keimzelle des damaligen Ausstellungsparks und der späteren Messe München wurden.

Welche Lösungsansätze in Sachen „Grenzen der Mobilität und nachhaltige Mobilität“, die sie präsentieren, halten Sie für tragfähig?

Wichtig ist meines Erachtens vor allem zu sehen, dass es für eine nachhaltige, zukünftige Mobilität nicht nur einen Lösungsansatz gibt, sondern dass Veränderungen und Verbesserungen viele Technologien und Ebenen betreffen. Verbesserung bekannter Technologien vom Auto bis zur Bahn. Hier können z.B. verbesserte Antriebe, reduzierte Reibungswiderstände und viele kleine Optimierungen sowie ein höheres Automatisierungslevel zur Ressourcenschonung und Sicherheit beitragen. Eine besondere Rolle spielt in der Entwicklung natürlich derzeit die E-Mobilität, wobei man dabei nicht nur an Autos denken sollte.

Wenn wir über Elektromobilität reden, denken wir dennoch meistens an Elektroautos. Wie sehen Sie das?

Welche Rolle die genau spielen werden, ob sich in Zukunft eher Stromer oder Brennstoffzellenfahrzeuge durchsetzen, in welchem Umfang sie herkömmliche Autos ersetzen werden, hängt allerdings von vielen Rahmenbedingungen ab. Bislang sind die deutschen Käufer und Produzenten ja eher zögerlich in diese Technologie eingestiegen. Wichtig für eine andere Art Mobilität sind und werden natürlich auch alle Arten von Dienstleistungen sein, die es den Menschen ermöglichen, leicht und fast bis zur Haustür mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, Dienstleistungen, die es ermöglichen, auch ohne eigenes Auto einfach und umstandslos unterwegs zu sein und zum Ziel zu kommen: Mietrad- und Carsharing-Angebote, Apps, die  über die besten Fahrtrouten geben, vielleicht autonom bewegte Sammeltaxis, die auch auf dem Land den öffentlichen Verkehr verbessern könnten.

Und das Thema Nachhaltigkeit?

Wenn Sie auf Nachhaltigkeit abheben, muss jedem bewusst sein, dass wir unser Mobilitätsverhalten individuell reflektieren können und öfter mal umsteigen: Das Zauberwort heißt hier „Multimodaltät“  – oder salopp formuliert: wenn wir die Möglichkeit haben, sollten wir nicht automatisch immer in ein Auto steigen. Entschleunigung kann in der Stadt auch eine tolle Erfahrung sein, wenn man nicht genervt in einem Auto oder einer U-Bahn feststeckt, sondern mit Spaß „umsattelt“.

Herr Professor Heckl – Leiter des Museums – hat mal gesagt „Der Mensch muss wissen, woher das kommt, was er täglich benutzt. Das Verständnis dafür bleibt hängen, indem er mitmachen, experimentieren und anfassen kann. Er sollte von den grundsätzlichen Zusammenhängen wissen.“ Wie wird und wurde das Verkehrszentrum dem in den vergangenen 15 Jahren und auch weiterhin gerecht?

Wir bemühen uns diesem Anspruch des Deutschen Museums auf verschiedenen Ebenen gerecht zu werden. Zum einen in unserer Dauerausstellung, die einen deutlichen historischen Schwerpunkt hat. Ich denke unsere Ausstellungen bieten ein gutes Überblickswissen über die Geschichte des Landverkehrs. Bewegte Exponate und ein Hands-on-Bereich ermöglichen es auch bei uns das Museum zum Anfassen und Begreifen zu erleben. Dann produzieren wir regelmäßig Sonderausstellungen zu besonderen Themen – vom Pilgerreisen bis hin zu aktuellen Technikthemen, die den Besuchern dann schon eine vertiefendes Wissen zu einem besonderen Aspekt der Fahrzeug-, Verkehrstechnik oder Mobilitätsentwicklung anbieten. Last but not least bieten wir regelmäßig Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen Themen.

Welche sind Ihre nächsten Projekte, auf die Sie die Menschen schon heute hinweisen möchten? Wichtig werden für uns in den nächsten zwei Jahren zum einen der Einbau einer gläsernen Restaurierungswerkstatt, die auch Besuchern Einblick bieten soll. Und danach die Überarbeitung der Dauerausstellung, wo sich ein neuer Bereich den aktuellen Trends ins Sachen Mobilität widmen wird – inklusive E-Mobilität und automatisiertem  Fahren.

Wie viele Besucher registriert das Verkehrszentrum jährlich?

Im letzten Jahr haben wir etwa 125.000 Besucher verzeichnet. Ein großer Teil unserer Besucher sind Familien mit Kindern unter 12 Jahren, dann Schüler und Senioren. Bei den Einzelbesuchern überwiegt bei uns der Anteil der männlichen Besucher, bei den Familienbesuchern haben Frauen aber deutlich aufgeholt, und wir arbeiten daran, sichtbar zu machen, dass Verkehr und Mobilität keineswegs nur für Männer ein interessantes Themenfeld bieten.

Frau Dr. Bettina Gundler ist promovierte Historikerin und arbeitet seit 1993 im Deutschen Museum, zunächst als Kuratorin in der Luftfahrtabteilung, später im Projekt Verkehrszentrum. Seit 2015 leitet sie die Landverkehrsabteilung und das Verkehrszentrum.