Saure Pflege

Pflege – Gute Besserung! Unser Pflegesystem bedarf der Pflege. Reichen Mullbinden, Tupfer und Pflaster oder muss das System mal gehörig überdacht werden? Oder vielleicht gleich die Reset-Taste drücken? Seit dem 3. August 2018 zumindest gilt ein gesundheitsministeriales Sofortprogramm, mit dem die Pflegesituation verbessert werden soll. Ab 1. Januar 2019 werden für die stationäre Altenpflege 13.000 neue Stellen geschaffen. Und in den Krankenhäusern soll jede zusätzliche oder aufgestockte Stelle refinanziert werden. Krankenhäuser werden belohnt, wenn sie neue Pflegekräfte einstellen und diejenigen, die es nicht tun, fast schon bestraft. Und Lohnerhöhungen? Ja, die soll es auch für Pflegekräfte geben. Überhaupt: Die Unart, an der Pflege zu rationalisieren, soll ab übernächstem Jahr komplett der Vergangenheit angehören. Schöne neue Welt?

Kann sein, es gibt Experten, die diesen Vorschlag irgendwie gut finden. Doch auch sie geben zu bedenken, dass es ja gar keine willigen Deutschen gebe, die diese neuen Stellen ausfüllen könnten, eben weil der Pflegeberuf hierzulande ein so schlechtes Image habe. Der Beweis: Laut Bundesregierung fehlt es an 36.000 Fach- und Hilfskräften. Hilfe aus dem Ausland – ist das eine Lösung? Professor Dr. Beate Blättner vom Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda findet, dass dies nur zum Teil so sein kann.

„Internationale Pflegekräfte können unser deutsches Problem reduzieren helfen, aber auf keinen Fall alleine lösen. Ohne eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für alle Pflegekäfte geht es nicht“. Zugleich gebe es viele Dinge und Aspekte zu berücksichtigen, damit die Integration glücke.

Das sieht Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Gesamtverbandes, ähnlich. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes kommentiert er als Stückwerk. Er zweifelt an einer belastbaren Finanzierung, um den Notstand an Fachkräften zu beheben. Er spricht von 100.000 Pflegekräften, die fehlen. Auch die Ankündigung von 13.000 neuen Stellen sei für ihn Symbolpolitik. Doch Lösungen müssen gefunden werden. Die Hochschule Fulda und vier Versorgungseinrichtungen aus der Kranken- und Altenpflege haben dafür ein gemeinsames Projekt namens Integration Internationaler Pflegekräfte ins Leben gerufen.

Es ist auf fünf Jahre angelegt. Die Frage aller Fragen lautet nämlich: Wie können internationale Kräfte in unsere bestehenden Pflegeeinrichtungen für beide Seiten zufriedenstellend integriert werden? Geht das überhaupt? Schließlich treffen hier unterschiedliche Ausbildungssysteme und Kulturen aufeinander. Und vor allem: Die Internationalen müssen eingearbeitet werden. Das erfordert zusätzlichen Zeitaufwand für die, die schon da sind. Und die Internationalen haben – leider, muss man sagen – schon Erfahrungen mit unserem System sammeln dürfen. Ergebnis: Sie sind eher unzufrieden und suchen lieber das Weite.

Wieso denn das? mag sich die deutsche Pflegekraft jetzt fragen.

Ganz einfach – Weil Uneinigkeit in Sachen Tätigkeiten an sich und in Sachen Wissensstand herrscht. Was hier ein Ausbildungsberuf mit einem Sonderstatus in der Bildungslandschaft ist, genießt bei unseren europäischen Nachbarn akademischen Ruf. So lässt sich leicht erahnen, wo die Schwierigkeiten auf den Stationen anfangen und dass sie schwerlich enden. Das bestätigt auch Stefan Schwark vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe: „Oftmals sind die Kollegen enttäuscht, weil sie mit besseren Rahmenbedingungen gerechnet hätten. Viele gehen sogar wieder in ihre Länder zurück. Denn sie sind oft hochqualifiziert und es gewohnt, mehr Berechtigungen in der Pflege zu haben und eigenständiger arbeiten zu können als beruflich Pflegende in Deutschland. Bei uns dürfen nicht einmal alle Pflegenden Blut abnehmen.“

Trotzdem: Es muss sich etwas ändern. Wer einmal mit deutschem Pflegepersonal zusammengearbeitet hat, bekommt schon nach drei Minuten einen adäquaten Überblick über den emotionale Zustand, nicht nur der Pflegekraft, sondern auch der zu Pflegenden, die auf das ganze System sprachlos reagieren.  „All diese Erfahrungen fließen jetzt in unsere Lösungsstrategien ein, die wir entwickeln,“ so Blättner. Die Expertin weiß, dass die Ausgangsposition für alle nicht leicht ist. Denn einerseits sollen die Arbeitsbedingungen verbessert werden, damit der Beruf attraktiver wird. Andererseits werden aber ohne internationale Kräfte diese Verbesserungen gar nicht stattfinden, weil zu wenig Personal da ist. „Diese Ausgangslage macht das Vorhaben nicht einfacher. Die Einheimischen nehmen wahr, dass die Internationalen umsorgt werden, und bemerken, dass sie selber über Jahre gar nicht beachtet worden sind. Auch diese Grundkonstellationen erschweren das Vorhaben.“

Trägheit eines Systems
Institutionen haben ein gewisses Beharrungsvermögen. Da soll am besten nichts verändert werden und wenn, dann bitte nur nach deutschem Geschmack. „Doch das ist fatal“, meint Beate Blättner. Denn auch die internationalen Pflegekräfte bringen bestimmte Erfahrungen, Vorstellungen und Qualifikationen aus ihrem Land mit. „Wenn man nun auf deutsche Vorstellungen trifft, an denen nichts verändert werden soll, ja, die als die richtigen gelten, entsteht bei den Internationalen Frust.“

Integration sei eben eine Integrationsleistung auch der hiesigen Pflegekräfte und der Institution als Ganzes.

Die Wissenschaftlerin rät, dass auch die hiesigen Experten in den Institutionen diesen Anlass nehmen sollten, um zu überdenken, ob nur die eigenen Routinen die richtigen seien. Denn die neuen Pflegekräfte seien woanders sehr gut ausgebildet worden. Ihre Erfahrungen und ihr Wissen sollten unbedingt beachtet werden.

Professor Dr. Beate Blättner, Hochschule Fulda
Professor Dr. Beate Blättner, Hochschule Fulda

Eine Strategie mancher Einrichtungen ist, international um Kolleginnen und Kollegen zu werben, die noch nicht ausgebildet sind. Diese entwickeln ihre Berufsidentifikation dann so, wie sie auf den Stationen in Deutschland benötigt werden. Was bleibt, ist die Tatsache, dass Grundpflege im Ausland nicht Teil der Krankenpflege ist. „Wenn Sie in manchen Ländern ins Krankenhaus müssen, bringen sie am Besten Ihre Angehörigen mit. Sie bringen ihnen das Essen und waschen sie. All das übernehmen dort in der Regel Angehörige“, erläutert Blättner.

Altenpflege als Beruf wie wir ihn in Deutschland haben, gibt es international gar nicht beziehungsweise in einer völlig anderen Form. Wirbt man nun ausgebildete Krankenpflegekräfte aus dem Ausland an, dann wirbt man um Fachleute, die in ihrem eigenen Land ein Studium abgeschlossen haben. Und diese Experten sind in Deutschland damit konfrontiert, dass sie Tätigkeiten übernehmen sollen, die gar nicht Gegenstand ihrer Ausbildung und ihrer Erwartungen waren. Zwei konträre Philosophien stoßen auf den Stationen aufeinander.

„Und Sie können sich vorstellen, dass einige Internationale sich das anschauen, den Kopf schütteln und denken, nichts wie weg aus der Altenpflege.“

Projekte wie das zur Integration Internationaler Pflegekräfte der Hochschule Fulda mit den vier Versorgungseinrichtungen als Partner sind wichtig, damit unsere Gesellschaft adäquat auf ein Problem reagieren kann, das schlimmer wird. Die Abwärtsspirale ist aufzuhalten, da ist sich Professort Blättner sicher. Eine Art Reset-Knopf müsste gedrückte werden. Kopf hoch lautet ihre Devise.

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