Orgelmanufactur Vleugels
Orgelmanufactur Vleugels

Wie hat sich der Orgelbau verändert und womit muss sich ein Orgelbauer heutzutage auseinandersetzen? In Hardheim bei der Orgelmanufactur Vleugels bekommen wir einen Blick auf dieses Traditionshandwerk. Hans-Georg Vleugels erzählt leidenschaftlich von seinem Beruf, der für ihn wie ein Hobby ist – dem Orgelbau; auch wenn er sich als Teil einer kleinen Randgruppe ohne Lobby fühlt.

Übergabetermin im Vatikan

Der illustre Orgelbauerkreis ist eine Welt für sich. Auch wenn die Meisterpflicht im Orgelbau (noch) aufgehoben ist und jeder als Orgelbauer selbstständig werden könnte, verlangen doch die, die etwas auf sich halten, den Ritterschlag der bestandenen Meisterprüfung. Und Vleugels ist so einer. Schließlich hat er sogar Papst Benedikt XVI. eine Orgel geschenkt. Und Joseph Aloisius Ratzinger hatte sie 2006 für gut befunden und ihn und seine Familie zur Privatdanksagung in Rom empfangen.

Vleugels darf gerne als Orgelexperimentierer betrachtet werden. Er will keine Nullachtfünfzehn-Orgeln bauen. So wie es erhaltene gotische Orgeln gibt oder interessante Barockorgeln und beeindruckende romantische Werke, sollen seine Instrumente zu den interessanten seines Jahrhunderts zählen. Und so betrachtet er seine Orgeln manchmal als große Leinwände, die, wenn Kunden das wollen, von Künstlern bunt bemalt werden.

Sein Wunsch ist, dass man in einhundert Jahren sagt: „Wow, das ist eine interessante Orgel aus der Jahrtausendwende.“

Orgel als Leinwand – Diese gewagte Idee wurde erstmals an der Orgel der Kitzinger Stadtkirche bei Würzburg umgesetzt. Vleugels hatte den geheimen Wunsch, die Orgel bemalen zu lassen. Aber nicht von einem Handwerker, sondern von einem echten Künstler. Der Kunstreferent der Diözese Würzburg muss der einzige gewesen sein, der Vleugels bei einer der Besprechungen richtig verstanden hatte und machte es Vleugels also leicht. Er wies fragend auf das moderne Altarbild gegenüber der neuen Vleugels-Orgel, ob er denn mit Bemalen etwas wie dieses zeitgenössische Kunstwerk meine. Die Sache war schnell klar, und damit war seine Idee Wirklichkeit geworden.

Lampertheim

Seitdem sind ungefähr 15 Orgeln von echten Künstlern der Malerei bearbeitet worden. Dennoch – von über 100 neuen Orgeln, die Hans-Georg Vleugels bis jetzt gebaut hat, ein sehr geringer Anteil. Die meisten bleiben klassisch. Oft wissen die Entscheider nämlich gar nicht, was ihnen entgeht. Sie können sich ihre bestellte Orgel nicht künstlerisch bearbeitet vorstellen. Das sei eine allzu komplexe Visualisierungsarbeit.

Und weil sich das keiner vorstellen konnte, steht seit gut 10 Jahren in Lampertheim Vleugels große Blaue wie der halbe Ort ihr Schmuckstück jetzt liebevoll nennt. Da fiel die Entscheidung für Bunt auch erst in letzter Sekunde. Dann nämlich, als eine Architektin der Landeskirche bei der Schlussbesprechung in die Runde gefragt hatte, warum ihre Orgel nicht auch so schön bunt werden würde wie die in dem Prospekt, in dem sie gerade blättert? So wurde aus einem kategorischen Nein ein kategorisches Ja – in wenigen Minuten.

Eine neue Orgel entsteht
Eine neue Orgel entsteht

Grob fahrlässig wäre allerdings, Hans-Georg Vleugels auf zeitgenössische Malereien an seinen Orgeln zu reduzieren! Er ist wie sein Vater Hans Theodor und sein Sohn Johannes D. C. ein echter Orgel-Spezialist mit sehr vielen Qualifikationen. Orgelbauer sind Allrounder; vor allem er, der auch Restaurator ist. Das ist seine eigentliche Passion in Sachen Orgeln. Er kennt sie alle: Die Klangfarben, die Formen, die Ansteuerungen, wie sich jede für sich mit den Jahrhunderten verändert hat. Er weiß, wie man vor einhundert und vor zweihundert Jahren restaurierte.

„Ein Orgelbauer ist immer auch Schreiner, Metaller, Mechaniker, Pneumatiker, Elektriker, Architekt, Designer, Kunsthistoriker, Klangspezialist und, und, und …“

Vleugels hat auch Betriebswirtschaft studiert und sich erst neulich noch zum Sachverständigen für Schimmelpilzbewertung zertifizieren lassen. Heutzutage gehe es zunehmend um massiven Schimmelpilzbefall in den Kirchenorgeln: Ein neues Phänomen unseres letzten Jahrzehnts, das unterschiedliche Gründe hat. Vleugels sagt, das sei zum einen eine Folge der Klimaveränderung – weg vom Kontinentalklima hin zum atlantischen Klima. Vor zwei Generationen bestimmten lange trockene Sommer und sehr kalte schneereiche Winter unser Wetter. Diese Regel weiche auf und die Feuchtigkeit nehme zu. Nur ein, zwei Prozent mehr davon im Jahresdurchschnitt hätten gravierende Auswirkungen auf die Orgeln in den Kirchen.

Zum anderen gebe es immer weniger Kirchgänger. Früher war fast täglich jemand in einer Kirche und hat nebenbei gelüftet – nicht nur zu Messen oder Gottesdiensten. All das falle zunehmend weg und die schlechte feuchte Kirchenluft hänge sich in allen Orgelecken fest. Und wenn dann aber mal ein Gottesdienst stattfindet, kommen gleich 100, 200 oder mehr Menschen, die ausdünsten würden. Doch dieser Dunst bleibe oft bis zum nächsten Ereignis in der Kirche hängen und begünstige den Schimmel.

„Orgeln leiden unter den neuen baulichen Errungenschaften in Sachen Decken-, Fenster- und Türenisolierung. Früher gab es immer Ritzen und Spalten, durch die der Wind zog. Heute ist alles abgedichtet und isoliert, da wirbelt nichts mehr um die Orgel. Und dieser natürliche Luftaustausch muss heute durch Nachrüstungen in den Kirchen kompensiert werden. Da sollten bei einer Renovierung Belüftungs-, Luftaustausch- und Querlüftungssysteme eingebaut werden, um das Klima in den Kirchen zu steuern.“

Hans-Georg Vleugels weiß, dass gute Leute schwer zu finden und genauso schwer zu halten sind. Wer durch seine Manufactur schlendert, bemerkt irgendwie, dass er mit Kolleginnen und Kollegen spricht und nicht mit „seinen“ Angestellten. Auf das familiäre Verhältnis im Betrieb ist er stolz und legt sehr großen Wert darauf.

Hier wird restauriert
Hier wird restauriert

Die Geschichte mit dem Flugzeug steht symbolisch für diese Einstellung. Da charterte er einst ein ganzes Flugzeug für seine Orgelbauexpertinnen und -experten, um sie nach Görlitz zur Restaurierung der dortigen Stadthallenorgel zu transportieren. Das Projekt dauerte monatelang. Es wäre zu öde und zeitaufwendig gewesen, jede Woche mit dem Auto alle Fachleute nach Görlitz fahren zu lassen.“

Ein altes Stück
Ein altes Stück

Mit Walldürn liegt ein Flugplatz gleich vor seiner Haustüre – dadurch inspiriert, hat er inzwischen selbst eine Privatpilotenlizenz erworben. Vleugels findet übrigens, dass seine Kolleginnen und Kollegen alle zwei Wochen ein verlängertes Wochenende haben sollten. Sie arbeiten zwar 40 Stunden, sind aber frei, sich diese so einzuteilen, dass auch die Familien nicht zu kurz kommen. Und wer einmal von jetzt auf gleich frei nehmen muss, bekommt das auch. A propos Kolleginnen: Vleugels war einer der ersten Orgelbauer, der auch Frauen eingestellt hatte. Bei ihm liegt der Anteil manchmal Hälfte/Hälfte.

Er kam herunter – Als Hans-Georg Vleugels die Leitung der Firma damals übernahm, ist er auf dieselbe Ebene wie seine anderen Kolleginnen und Kollegen gezogen. Das Büro seines Vaters im oberen Stockwerk wollte er nicht, weil er die alten Strukturen aufbrechen wollte. Und auch sein Sohn scheint aus diesem Holz geschnitzt zu sein. Ihm gehört seit Jahren die Hälfte der Firma. Doch das hatte er lange verschwiegen. Er wollte einer von den anderen bleiben. Trotzdem ist Vleugels auch Betriebswirt und weiß, dass sich der Betrieb rechnen muss. Die Träumereien, die er sich beim Design und der Klanggebung seiner Orgeln erlaubt und die Fantasie und Großzügigkeit, die er sich bei seiner Mitarbeiterführung gestattet, sind Tabu bei allen betriebswirtschaftlichen Belangen seiner Manufactur.

Die Kunst des Rechnens 

Der Markt ist umkämpft; das Produkt Orgel aber soll unvergänglich bleiben. So wird konstruiert, gebaut und intoniert – und so wird kalkuliert. Die Kunst des Rechnens müsse beherrscht werden. Die Orgel koste immer zu wenig, sagt er. Denn es gibt von jeder Orgel nur eine Variante. Es gibt nicht den Vleugels-Katalog, aus dem man sich sein Modell  bestellen kann. Jede Orgel sei individuell und einzigartig.

Limbach

Eine kleine Schrank-, Zimmer- oder Truhenorgel oder eine für den Chorraum in einer Kirche fange bei vierzig- bis fünfzigtausend Euro an. Nach oben gibt es keine Grenzen. Eine normale Kirchenorgel koste ein paar Hunderttausend. Aber es gibt auch die eineinhalb Millionen und mehr teuren Stücke. Nun sind Orgeln aber nicht in zwei Monaten gebaut, sondern eher in zwei Jahren. Pro Jahr baut seine Manufactur zwei neue und restauriert vielleicht bis zu drei – neben Hunderten von Wartungsarbeiten und Stimmungen.

Ein Weltbürger sucht im heimischen Wald
Es muss unbedingt noch erwähnt werden, dass sich Liebhabereien auch entwickeln können. Denn Hans-Georg Vleugels wollte nie Orgelbauer werden. Unangenehme Erfahrungen in seinen jüngeren Lebensjahren vor 20 haben ihm diese mögliche Zukunft als Schüleraushilfe schwarz erscheinen lassen. Die rosafarbene Assoziation kam erst später. Er selbst sagt, es habe irgendwann Klick gemacht. So, als habe einer in seinem Kopf den Orgelbauerschalter umgelegt. Bis dahin allerdings hatte er viele Jahre unangenehme Erfahrungen mit Ausreinigungen gemacht. „Sie haben eine alte Orgel mit 20 Jahren Staub. Und das müssen sie alles sauber machen. Sie sehen dann aus wie ein Schornsteinfeger. Und das in den Sommerferien; bei großer Hitze war das nicht das Angenehmste.“ Aber auch als Tastenhalter fühlte er sich anfangs gar nicht wohl, bis – wie gesagt – der Schalter in seinem Kopf umgelegt worden war und er sich seitdem mit Leib und Seele dem Bau von Königinnen verschrieben hat.

Weltbürger Vleugels ist der Region verpflichtet. Er verbaut nur europäisches Holz, weil er nachhaltig denkt. Er nimmt lieber das, was nachwächst und nachgepflanzt wird. Jede seiner Königinnen bezeichnet er noch immer als die seine. Und die seinen stehen hauptsächlich in der unteren Hälfte Deutschlands. Hier ist er und sein Experten-Team bei Störungen in Notsituationen mit einem Stimm- und Reparaturservice innerhalb von 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche für seine Kundschaft zur Stelle. Doch nicht nur unter dem deutschen Äquator wird gestimmt, auch international im südkoreanischen Seoul und in Moskau, in Norwegen oder Tschechien, in Österreich oder auch in Spanien.

Herr Vleugels, wo genau steht denn die Orgel, die sie dem Papst Benedikt damals gescheinkt haben? Zurzeit ist ist das nicht bekannt. Ich denke, irgendwo im Vatikan oder in einer Privatkapelle des ehemaligen Papstes.

Weiter Impressionen aus der Werkstatt und aus dem Archiv mit vielen alten Stücken, die schon Jahre darauf warten, auf Vordermann gebracht zu werden.