Foto: eivaisla- adobe.stock.com
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Die meisten Stadthunde sind nutzlose Geschöpfe. Sie müssen nichts bewachen, hüten, führen oder jagen. Im Gegenteil, sie wollen ausgeführt, gefüttert und gestreichelt werden, verdrecken die Wohnung und kosten Geld. Das einzige Angebot der Hunde an die Menschen ist Liebe; sie lassen sich lieben und lieben wieder.
Mit einem kurzen Schwanzwedeln kann ein Hund mehr Gefühle ausdrücken als so mancher Mensch mit stundenlangem Gerede. Hunde halten Herrchen  und Frauchen  sportlich fit, gesund und vertreiben deren Einsamkeit. Hunde geben Frauchen auch in gefährlichen Situationen ein gutes Gefühl und Sicherheit und steigern bei anderen Gelegenheiten die Kontaktfreudigkeit. Bei der Auswahl des passenden Begleiters nimmt kaum jemand den Taschenrechner zur Hand, um die laufenden Kosten zu überschlagen. Forscher der Universität Texas sagen, wir wählen Haustiere geeignet zu unserem Charakter. Geselligere Menschen etwa umgeben sich eher mit dem Rudeltier Hund, vorsichtigere Menschen mögen bevorzugt zurückhaltende Katzen. Bei aller Tierliebe erinnere ich daran, dass Jahr für Jahr 70.000 treue Hunde, Katzen und andere Haustiere würde- und rücksichtslos ausgesetzt werden, bevorzugt zu Beginn der Sommerferien.
Immer wenn ich einen hyperaktiven Kläffer begegne, ahne ich, wie es bei Frauchen und Herrchen zu Hause zugeht. Mir ist aber auch der eine und andere Hundehasser (Canophobe) begegnet. Das sind Menschen, die schon bei der Erwähnung „Hund“ Schaum vor den Mund kriegen. Dabei wurden Hunde mit der Bereitschaft geboren, Menschen relevant zu finden. Mein Motto heißt: „Mein Hund gehört zu mir wie mein Name vor der Tür.“
Vor einiger Zeit habe ich mir einen feministisch eingestellten Hund mit Migrationshintergrund angeschafft. Er heißt Janik, trägt einen Bart, hat lange Haare und kam in Polen zur Welt, war von Anfang an freundlich, sanft und gelehrig, mit einem Hang zum Vegetarischen. Er liebt Harzer Roller mehr als Fleisch. Nach einigen Tagen stellte ich fest, dass Janik bissig ist. Erst bekommt Janik Wutanfälle, dann beißt er zu. Mein tierischer Begleiter bevorzugt große, stattliche Männer und Männer in Uniform. Kaum hat er einen dieser Spezies ausgemacht, rastet er aus. Lautes und dominantes Verhalten steigert seine Angriffslust. Uniformen können ihn in einen wahrhaften Blutrausch versetzen.
Dabei ist der Hund aus tiefstem Herzen ein Antimilitarist und gegen jede nur denkbare Form hegemonialer Männlichkeit eingestellt. Ein einziges Mal hat Janik eine Frau gebissen, interessanterweise die polnische Zugehfrau meines Nachbarn. Zuerst wollte ich den Hund wieder ins Tierheim bringen, aber ich mag Janik und nehme ihn so wie er ist. Welcher Partner ist schon perfekt? Einige hundert Euro habe ich in mehrere Hundetherapien gesteckt. Janik beißt noch immer am liebsten in den Unterschenkel.
Mein Hundeflüsterer meint: Er würde halt gern an die Kehle springen, erreicht aber nicht die dafür erforderliche Höhe, deshalb bevorzuge er den Unterschenkel.“ Ich habe so einiges über Hunde gelernt und und ein wachsames Auge auf Janik geworfen. Der Hund ist immer an der Leine. Nur im Garten auf der Tiefgarage und in den menschleeren Gegenden am Rotter See darf der frei laufen. Sogar dort trägt er meistens einen Maulkorb. An der Eingangstür meines Schrebergartens habe ich ein Schild angebracht: „Vorsicht bissiger Hund“.
Ein gutes Gefühl ist das nicht.
Eines Tages kam ein stattlicher Herr in den Garten, ohne sich vorher bemerkbar zu machen. Da hat es Janik sogar zum ersten Mal bis zum Oberschenkel geschafft, knapp vorm Schritt. Vielleicht will er gar nicht an die Kehle. Sogleich habe ich die Versicherungssumme für Hunde auf eine Million Euro heraufsetzen lassen. Ich glaube, wenn Janik unseren Bürgermeister oder den Stadtdirektor beißt, müsste die Summe ausreichen. Beißt er eines Tages den Gottschalk, bin ich finanziell ruiniert.
Die Welt ist ein Paradoxon. Wenn ich mit Janik am See spazieren gehe und er einen Maulkorb trägt, werde ich von Sparziergängern und Tierhaltern böse angeschaut und angeranzt. Unisono heißt es: Das arme Tier. Ich stehe da wie ein begossener
Pudel, der Tiere quält. Dann folgen Sprüche wie: ich respektiere nicht die Autonomie, die Würde, das Karma oder die Bedürfnisse des Hundes. Jeder glaubt, dass ich den Hund böse gemacht habe. Wir sind ein Team. Der böse Mann mit dem Männer hassenden Hund. Sollte ich aber den Maulkorb entfernen und der feministische, antimilitaristische, vegetarische Janik, beißt alle hegemonialen, großen und lauten Männer, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, dann wäre es den Leuten auch wieder nicht recht.
Mein Hund hat mir seine Sicht der Dinge geschildert. Ich glaube ihm. Machos sind für mich out, vielleicht liegt es ausschließlich an mir, und der Hund will mir nur gefallen. Mein Unterbewusstsein kann mit dem Schwanz wedeln und frisst Harzer Roller. Viele Monate geschah nichts. Neulich war ich aber im Kaufhof und betrachtete ein paar CDs im Regal. Janik war an der Leine. Ein menschlicher Hüne, groß wie ein Schrank, stellte sich neben uns und Janik biss zu. All das geschah in zwei oder drei Sekunden.
Es war mein Fehler, keine Frage. Ein Menschenauflauf war die Folge. Ich log, als ich sagte, dass mein Hund solches nie tun würde. Ich wollte mein Versagen vertuschen. Und wahrlich, ich bin kein guter Mensch, aber auch nicht hegemonial eingestellt, das nun wirklich nicht, sonst hätte mich Janik längst gebissen.
(c) Olaf Lüken