Geheimnis Geld
Jeder hat Geld, keiner hat genug davon. Man hasst es, wenn es fehlt, man empfängt es mit offenen Armen. Man spricht nicht gern davon, man denkt stets daran. Es ist das Blut der Wirtschaft, Werkzeug für alles, Instrument des Erfolges, Symbol der Macht, die Macht schlechthin. Es heilt, es macht krank, es rettet, es tötet. Es schlägt, es zirkuliert, es macht fruchtbar, es verschwindet, es korrumpiert, es macht groß, es geht von Hand zu Hand. Es ist verdient, es ist unrein. Man gebraucht es, man träumt davon, man versteckt es, verachtet es, betet es an. Man häuft es an, es wird zum Schatz. Dann aber wird es unproduktiv. Man verleumdet es, schwört ihm ab, man meidet es. Die Menschen betrachten Geld mit ihren geheimsten Gefühlen, ihren Rivalitäten, Erfolgen, Frustrationen, ihren Ehrgeiz, ihrem Groll. Nachts steht es auf, nimmt Gestalt an, dominiert, erleuchtet,

beschützt, vernichtet. Es ist ein Truggott, den man anfleht und den man fürchtet. Es ist der Sündenbock für unsere Übel und ist überall zur Hand, es bewegt ständig das Gemüt. Es ist das Maß, man hat es zum Objekt gemacht. Jeder gebraucht es, jeder will es.

Geld unterscheidet sich von allen anderen Dingen des Lebens dadurch, dass es sich in alle Dinge des Lebens verwandeln kann. Aus Geld wird Brot, Stein (Haus, Schloss, Brücke, Fabrik etc.), Kleidung, Auto, Luxus. Aus Geld wird Aufmerksamkeit, Hochachtung, Attraktivität, Enttäuschung, Neid, Hass und Krieg. Geld hat Macht, die es jenem verleiht, der es besitzt und jenem nimmt, der es verliert. Diese Macht beruht auf der weltweit seit langem gültigen Überzeugung, dass Geld einen Wert hat. Wo diese Überzeugung schwach ist oder ins Wanken gerät hat es weniger Wert oder verliert ihn. Wenn morgen früh alle Menschen aufwachen und in Geld nichts anderes sehen als den realen Wert, den der bedruckte Schein oder das gestanzte repräsentiert, wäre die Weltordnung vermutlich zerstört.

(c) Olaf Lüken (2018)

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