Angler
(c) Olaf Lüken 2018
Ich habe einen Freund. Er heißt Georg, ist um die 70 Jahre alt, verheiratet, hat zwei bildhübsche Töchter und mit Leica und Alice, zwei treue und brave Hundedamen. Georg lebt im rheinländischen Troisdorf, eine Mittelstadt vor den Toren Kölns.
Sein Lebensmotto ? „Wer nicht angelt, kann auch keinen Fisch fangen“. Und – alle Fische legen Eier, russische sogar Kaviar. Ob am Troisdorfer Rotter See oder mit Freunden in Norwegen. Einmal im Jahr heißt es Angeln zwischen Fjord und Fjell oder Angeln vor der Küste und auf hoher See. Und das Meer fordert den ganzen Mann. Erst wenn die hohe See so richtig rau ist und der Wind Wellen und Wogen durch die Gegend peitscht und die geangelten Fische in Hülle und Fülle aufs Deck purzeln und in die Höhe springen, um wieder abzuhauen, dann heißt es auch hier „Petri Heil!“
Georgs große und stille Liebe gilt dem Angelsport und daher dem Fisch, jenem aquatisch lebenden Wirbeltier, das einen Kiemen hat Dort, wo es Natur gibt, lockt auch ein entsprechendes Gewässer Wurmbader und andere Rutenfreunde an. Für Angler ist es nie zu kalt oder zu warm, um die Angelleine auszuwerfen. Ganz gleich, ob der Luftdruck steigt oder fällt, ob in der Frühe oder in den trüben und lauwarmen Abendstunden. Kein Ufer ist zu steil oder zu nass. Für den Angler – wie für den Fisch – gibt es kein Wetter. Kann es vielleicht sein, dass nicht der Angler den Fisch, sondern der Fisch den Angler sucht ? 5 Millionen Angler sind es in Deutschland. Und jeder Rutenwerfer holt durchschnittlich 13 Kilogramm Fisch an Land. Jahr für Jahr. Das entspricht dem gesamten Fangergebnis
der beruflich ausgerichtete deutschen Binnenfischerei (2017).
So manches Mal sah ich Georg beim Angeln am Rotter See zu, auch dann, wenn die glatte Wasseroberfläche des einstigen Baggerteichs unter dem Ansturm der Mücken wie eine Pferdehaut zu zucken schien. Angler wie er sind die eigentlichen Helden, zumindest in den Sommermonaten. Man findet sie an Flüssen, Teichen und Bachläufen, inmitten von Parkanlagen oder in Wäldern und an in Beton verkastelten Kanälen, nahe der großen Industriegebiete.
Neulich kam zu Georg eine alte Frau ans Ufer des Rotter Sees und fragte: „Na, beißen die Fische heute ?“ Georg: „Heute wohl nich, Sie können sie ruhig streicheln.“ Die Alte lachte laut und zog von dannen.
Große Reden sind seine Sache nicht. Lieber eine Pulle Bier aus der Kühlbox nehmen, köpfen und einen kühlen Schluck durch die trockene Kehle fließen lassen. Angler wie Georg zählen sich eher zu den introvertierten Persönlichkeiten. Oft ist er so still, als hätte er sich in sich selbst hineingestülpt. Man könnte an ihm vorbeigehen, ohne ihn gleich zu bemerken. Angler können mit dem Gestrüpp verschmelzen, auf dem sie sich niedergelassen haben, falls sie ihre Schultern nicht hochziehen. Die einen Rutenhalter, wenn sie in ihre faltbaren Campingstühle versinken, die anderen, weil sie in ihren kleinen und grünen Halbzelten abgetaucht sind, um sich herum eine Batterie von Stöcken liegend. Ausgelegt sind oft Bierdosen und aufgeschraubte Plastikgefäße, in denen sich Maden zu molligen Halbmonden kringeln, Konservendosen, aus denen blanke Messer ragen. Plastikeimerchen leer, dazwischen Handys, die mehr achtlos abgelegt wurden.
Gelegentlich frage ich mich, ob der Angelsport vielleicht auch eine Art archaische Achtsamkeitsübung ist, um dem ganzen Wahnsinn unserer Gegenwart zu entfliehen. Wie dem auch sei: die Welt wäre entspannter, würden mehr Männer wie Georg ihre Angelruten in die Hand nehmen und über das Wasser halten, statt mit Nationalhymnen aufzumarschieren. Kleinde Maden aufs Häkchen stecken, statt Kinder in Käfige. Auch mal die Klappe halten, statt ständig wie Donald Trump durch die Gegend zu twittern. Georg kann das alles und einiges mehr.