Christine Straßer

von Christine Straßer, Mittelbayerische Zeitung

Alle sind jetzt weg. Oder zumindest viele. Die Schüler sind verschwunden und die Pendler-Ströme ausgedünnt. Selbst die sonst so vollen Autobahnen rund um Regensburg sind im Berufsverkehr deutlich leerer. Sommerferienzeit ist Urlaubszeit. Mallorca platzt aus allen Nähten und in Ägypten wird es an den Stränden von Hurghada voll. Im August verreisen die Deutschen wie die Weltmeister. Dieses Aufbrechen bringt die Gesellschaft voran, weil es den Horizont öffnet. Wer reist, lernt fremde Welten kennen. Andererseits ist der ursprüngliche Gedanke des Reisens vielen Urlaubern heute fremd.

Das ist kein Aufbruch ins Unbekannte mehr. Das Chaos auf dem Münchner Flughafen am ersten Ferienwochenende hat gezeigt, wie selbstverständlich Flugreisen geworden sind. Sie sind Alltag. Diese Art zu reisen sollte man trotzdem hinterfragen, nicht nur weil Fliegen so umweltschädlich ist. Eine Sicherheitspanne legte das Terminal 2 lahm. Tausende Reisende hingen fest, etliche mussten die Nacht auf Feldbetten verbringen. Eine Gepäckkontrolleurin sagte später: „Wir haben nur darauf gewartet, dass so etwas passiert.“ Der Druck sei zu hoch, die Zeit pro Reisendem zu knapp. Rund 78 Prozent der Bundesbürger werden dieses Jahr laut Statistik mindestens eine Urlaubsreise unternehmen, die fünf Tage oder länger dauert. Vom Münchner Flughafer fliegen täglich etwa 120 000 Passagiere ab.

Ein Fehler bei einer Kontrolle brachte alles zum Erliegen. Dass sich Reisende in München geärgert haben, ist verständlich. Sie freuten sich auf Strand und Entspannung. Haben dafür schließlich auch bezahlt. Schön durchgebräunt und erholt zurückzukommen, das ist das Ziel. Für eine solche Urlaubsreise in den Flieger zu steigen, gehört heute dazu. Zumal Fliegen so billig geworden ist. Wer sich günstig neu einkleiden will, bucht einfach den Billigflieger in die Türkei. Übers Wochenende nach Barcelona? Nichts ist einfacher als das. Ozeane sind keine Hürde für die Globetrotter. Umwehte beispielsweise die Karibikinseln einst ein Hauch von Exotik, sind sie heute ein Schnäppchen im Angebot der Reiseveranstalter. Im 800 Stundenkilometer schnellen Flugzeug kommt man zügig, bequem und sicher überall hin.

An Bord gibt es warmes Essen und zur Ablenkung den neuesten Hollywoodstreifen. Ein Abenteuer ist das nicht. Der Venezianer Marco Polo war jahrelang unterwegs, ehe er chinesischen Boden betrat. Das ist mehrere Jahrhunderte her. Sein Reisebericht wird trotzdem noch heute von Lesern verschlungen. Er ist so spannend, weil der Weg so mühevoll war. Heute gilt schon eine Passkontrolle als nerviger Zeitverlust. Das reicht für einen verärgerten Tweet. Worüber könnten Vielflieger auch sonst schreiben? Was liefert Stoff für mehr als 280 Zeichen? Geschichten über Bonusmeilen und die besten Spartarife der Autovermieter ergeben eher kein mitreißendes Buch. Am gebanntesten lauscht man heute denjenigen, die ohne Geld loszogen oder auf dem Fahrrad die Welt umkurvten. Vor wenigen Jahrzehnten war das Besteck-Mäppchen, das Papa von einem Flug mitgebracht hatte, etwas Besonderes.

Selbst in der Businessclass gab es für die Passagiere Messer, Gabel und Löffel aus Stahl. Im Griff war das Zeichen der Fluggesellschaft eingraviert. Kinder stritten sich, wer das Besteck beim nächsten Zeltlager mitnehmen durfte und weinten bitterlich, wenn nach dem Abspülen die Gabel fehlte. Heute wird im Flugzeug das gleiche Plastikgeschirr gereicht wie an der Imbissbude um die Ecke. All das bedeutet nicht, dass man sich über ausgefallene Flüge freuen muss. Aber vielleicht nimmt man schon den Rückflug, der wieder reibungslos verläuft, als etwas Besonderes wahr. Weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass man sich zwischen Kulturen und Kontinenten – obendrein so komfortabel – hin und her bewegt. Urlaub an sich ist nicht selbstverständlich. Für manch andere ist er unbezahlbar. 39 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland können sich zum Beispiel gar keine Urlaubsreise mit ihren Kindern leisten.

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