Äthiopien - Reise mit Menschen für Menschen

An der Entwicklungshilfe scheiden sich die Geister nicht mehr. Weitestgehender Konsens besteht darin, dass ihre Wirksamkeit zu hinterfragen ist, indem ihr Langzeitnutzen wissenschaftlich untermauert werden sollte. Es gibt unzählige Institute und Start-up-Unternehmen, die sich auf die Suche nach einer solchen Wirksamkeitsanalyse begeben haben und durchaus erfolgreich Erkenntnisse gefunden haben. Wir sprachen mit dem Vorstand von Karlheinz Böhm’s Äthiopienhilfe Menschen für Menschen, Dr. Sebastian Brandis. Auch er kritisiert die NGOs und will es besser machen.

Herr Brandis, was kritisieren Sie an der Entwicklungshilfe? Da gibt es vier große Bereiche. Erstens die Korruption und fehlende Good-Governance.

Was meinen Sie damit? Ich meine damit die Frage, wo das Geld der NGOs versickert und ob verabredete Regeln eingehalten werden? Zweitens gibt es die Überheblichkeit der Geberländer. Wir wissen besser, was die bedürftige Welt braucht. Und drittens den Kritikpunkt namens Nachhaltigkeit.

Sie meinen, was passiert, wenn die NGOs wieder draußen sind? Richtig.

Und was ist mit dem Thema Abhängigkeiten schaffen? Das wäre mein vierter Kritikpunkt. Wie süchtig macht unsere Hilfe wirklich?

Das sind valide Punkte, Herr Brandis, was tun sie denn dagegen, damit sie sich guten Gewissens davon ausschließen können? Wir geben das Geld selber aus. Es geht durch keine fremden Hände. Wir suchen vor Ort nach Lösungen gemeinsam mit der Bevölkerung. Wir achten peinlichst darauf, keine Abhängigkeiten zu schaffen.

Sie setzen von Anfang an auf eine Form der Eigenverantwortung? Genau. Und wir haben auch eine Auslaufphase, in der wir nach über 10 Jahren die Projekte übergeben. Dann ist die Bevölkerung zur Selbsthilfe befähigt. Und mit diesem Prinzip fahren wir sehr gut.

Aber woher wollen Sie schließlich wissen, ob ihr Plan am Ende aufgegangen ist?Das kann man nicht hundertprozentig wissen, aber wir fragen die Äthiopier-innen immer, was sie eigentlich brauchen. Wir positionieren uns nie als die Allwissenden vor Ort.

Und Sie analysieren Ihre Projekte doch sicher auch am Ende der Laufzeit? Ja, wir haben eine ganze Reihe an Evaluationen, mit denen wir rund fünf Jahre nach Projektende schauen, inwiefern die Entwicklungen ohne uns weitergegangen sind.

Sind Sie zufrieden? Bis jetzt ja!

Herr Brandis, wo sehen Sie Ihre Stiftung im heiß umkämpften Markt der Entwicklungshilfe, wohin steuern Sie Ihr Schiff? Sie haben recht, der Markt ist eng. Wir haben in Äthiopien bis heute rund sechs Millionen Menschen bessere Lebensbedingungen ermöglicht. Aber es gibt noch immer rund 50 Millionen Menschen, die keinen Zugang zu Wasser haben und weitere rund 30 Millionen, die nicht lesen und schreiben können. Deshalb sehe ich für die Stiftung auch weiterhin ein riesiges Potential.

Um das zu erreichen Herr Brandis, muss sich die Arbeitsweise von NGOs noch besser an die Bedarfe vor Ort anpassen? Genau so ist es! Und das werden wir künftig noch mehr in den Vordergrund unseres Agierens stellen.

Weniger ländliche Entwicklung? Nein, das machen wir auch weiterhin, um die lokalen Ökosysteme aus- und aufzubauen. Unser Schwerpunkt liegt dabei auf der Schaffung von Arbeitsplätzen, um die Jugendarbeitslosigkeit zu reduzieren. Wir wollen eine Region so aufbauen, dass dadurch auch Jobs für junge Leute entstehen.

Warum denken Sie, dass Äthiopien nicht alleine zurechtkommt? Weil das Geld nicht da ist.

Diese seine Einschätzung teilt auch das Berlin-Institut. Die Ressortleiterin für Internationale Demografie beim Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Alisa Kaps, verweist auf den verabschiedeten Haushalt der äthiopischen Regierung von 11 Milliarden Euro. „In diesen 11 Milliarden sind Entwicklungshilfegelder und Kredite im Ausland schon drin. Davon müssen Schulen, Krankenhäuser und Straßen gebaut werden, um die wachsende Bevölkerung zu versorgen.“

Und sie betont noch dazu, dass die Arbeitslosigkeit eines der vordringlichsten Probleme für die äthiopische Jugend sei. Ihrer Meinung nach liege der Grund dafür schlicht und ergreifend in der rasant ansteigenden Bevölkerung, die traditionell von der Landwirtschaft lebt. Nun habe jeder Kleinbauer aber nur durchschnittlich zwei Hektar Land und rund fünf Kinder. Kaps fragt: „Wie soll das aufgeteilt werden?“

Es müssen also Alternativen her. Und die will Brandis mit seiner Neuausrichtung helfen zu schaffen – zumindest in seinen Projekten. Das Green-Innovation-Center nennt er als Beispiel und also als richtungsweisend für MfM: Hier entstehen Kooperativen, die regionale Arbeitsplätze für die Jugend bieten.

Aber Herr Brandis, mal ehrlich. Knabbern Sie sich mit diesem Anspruch nicht selbst die Glaubwürdigkeit an? Schließlich weist Ihr Geschäftsbericht 2018 aus, dass Sie rund 50 Arbeitsplätze vor Ort abgebaut haben. Sie daselbst fungieren ja als Jobanbieter in Äthiopien? Richtig, so ist es. Das beißt sich, wenn ich ehrlich sein darf. Und das ist ein Dilemma. Aber das kommt ja daher, weil wir ein Projekt abschließen. Das gehört zu unserem Konzept dazu. Unsere Leute sind gut ausgebildet und wir wissen, dass sie auf dem äthiopischen Arbeitsmarkt gute Chancen haben.

Das Problem der NGO-Welt sei, findet Brandis übrigens, dass einige meinen würden, sie müssten sich immer selbst erhalten. Und auch als NGO Jobs kreieren. Das sei nicht sein Verständnis. MfM ist in der heutigen Form eine Übergangsgeschichte, die sich im Projekt immer selbst obsolet machen muss. „Wir müssen neue Jobs kreieren, die sich langfristig durch die lokal entstehenden Märkte selbst tragen.“

Wahrscheinlich hat der Mann recht und wahrscheinlich hilft keiner immer richtig. Wer mit diesem Anspruch Dinge bewegen will, sich primär als NGO zu erhalten, hat vielleicht gar keine Chance, überhaupt etwas nachhaltig zu bewegen. Fest steht aber, dass Äthiopien ein Hoffnungsträger in Afrika ist, so zumindest fasst es das Berlin-Institut zusammen. Wenngleich es noch immer ein sehr armes Land ist: Gesundheitssektor, Bildungsbereich und Arbeitsmarkt erfordern noch große Anstrengungen. Zwar hat das Netz der so genannten Extension-Health-Services Fortschritte gemacht, aber es teilen sich rund 10.000 Menschen lediglich sieben Gesundheitsexperten wie Ärzte, Schwestern und Pfleger. Laut WHO müssten es 20 Mal so viele sein. Und der Gesundheitssektor steht hier stellvertretend für viele andere Bereiche.