Beesharing - Bienensterben

Jobsuche – Das ist manchmal sehr frustrierend. Sydra ist der Protagonist dieser kurzen Geschichte. Sydra ist ein junger Mann, der am Anfang seiner beruflichen Laufbahn steht. Nach dem ersten Rausschmiss bewirbt er sich erneut.   

Jobsuche

Noch immer nichts, dabei war es schon Ende September. Sydra saß am Fenster und sah wie die Regentropfen die Scheibe herunter kullerten. Im Hintergrund hörte er seine Freundin herumkrosen. Sie sprachen seit gestern kein Wort mehr miteinander, denn die Freundin warf ihm vor, sich treiben  zu lassen. Und weil Sydra keine Lust mehr hatte, sich zu verteidigen, zog er seit neuestem einem Gespräch das Schweigen vor. Die Freundin ärgerte sich natürlich über sein Verhalten, so auch Sydras Vater. Auch er hatte seine eigene Meinung über seinen Sohn, wenn es um das Thema Arbeitsstelle finden ging. Der Vater vertraute Sydra nicht. Er hielt ihn für zu phlegmatisch, zu faul, zu unangepasst, zu überheblich. Dass er die richtige Wahl für sein Leben würde treffen können, traute ihm der Vater nicht zu. Auch Sydras Abschluss machte ihm Sorgen, denn der Vater sah eine glatte Eins für den beruflichen Weg als weitaus bessere Voraussetzung. Diese Haltung gegenüber Sydra verband die Freundin mit dem Vater.

So saß Sydra am Fenster und beobachtete, wie ein Eichhörnchen über das nasse Kopfsteinpflaster von einem zum nächsten Baum hopste und er gab sich einer Phantasie hin, wie es wäre, wenn ihm die Firma, die ihn heute morgen endlich zu einem Gespräch eingeladen hatte, ein Angebot machen würde. Er hatte ein gutes Gefühl, ein sehr gutes sogar. Aus der Phantasie wurde schließlich Realität. Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Denn ein paar Tage später unterschrieb er seinen ersten Arbeitsvertrag in einer Firma, die Technologien der Zukunft herstellte. Heute war Ende Februar und am ersten Mai sollte es losgehen. Sydra war begeistert und freute sich schon sehr auf diesen Tag.

Die ersten drei Monate vergingen wie im Flug, zwar war sein Vorgesetzter sehr streng und Sydra wusste nie so recht, was der von ihm hielt, dennoch hatte Sydra sich gut eingelebt. Die Probezeit sollte sechs Monate dauern. Eine Zeit, in der Sydra selbstverständlich auf alles genau achtete, dass er keinen Fehler macht, dass er nett zu seinen Kollegen war. Nach fünf Monaten jedoch verdunkelte sich irgendetwas. Sydra nahm etwas wahr, das ihm nicht gefiel. Er sprach mit seiner Freundin und seinem Vater darüber. Aber beide taten es ab. „Du bildest dir das ein. Streng dich halt an. Warum sollten das schief gehen?“ Zum ersten Mal sagte er, dass er glaube, dass er bald ohne Arbeit dastehen werde. Was beide als Sydras Spinnerei kategorisierten, bewahrheitete sich kurz nach Ende seiner Probezeit und nachdem er aus seinen Weihnachtsferien zurück an seinem Platz war. Schon am Morgen machte er sich mit einem mulmigen Gefühl auf an seinen Schreibtisch.

„Herr Lorrat, sie und die Firma werden künftig getrennte Wege gehen.“

Plötzlich klingelte sein Telefon und es war sein Vorgesetzter dran: „Herr Lorrat, sie und die Firma werden künftig getrennte Wege gehen.“ Und damit war er für Sydra zu Ende, der Traum der ersten Arbeitsstelle – nach noch nicht einmal zehn Monaten. Sydra packte die paar Sachen zusammen, die sich im Büro angesammelt hatten und machte sich auf den Heimweg. Er war frustriert, denn er konnte die Gründe nicht verstehen. Zu Hause angekommen gab seine Freundin ihm die Schuld. Sie sah in seiner mangelnden Disziplin die Ursache für den Rausschmiss. Sein Vater war der Meinung, dass er zu wenig angepasst sein, deshalb habe man die Reißleine gezogen. Er müsse sich ändern. „Sowas passiert nicht einfach mal.“ Er ermutigte ihn zwar, weiterzusuchen und nicht aufzugeben, doch Sydra fühlte sich unter Druck gesetzt. Doch die Macht von Vater und Freundin war so stabil, dass er nach drei Monaten einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieb.

Sydra unterschreibt seinen zweiten Vertrag bei der Firma Kraie

Die Firma Kraie wollte  Sydra unbedingt haben. Er spürte zwar, dass der Vorgesetzte absolut nichts Besseres war, als der vorhergehende, aber er unterschrieb. Denn Sydra stand unter Druck. Er brauchte Geld und zu Hause sackte die Stimmung immer weiter ab. Also willigte er ein und freute sich knapp auf die Aufgaben, die ihm allzu leicht zu lösen schienen. Er ahnte es: Sein beruflicher Alltag würde so seicht wie die Oberfläche des erwachenden Ozeans daliegen, die in der Sonne funkelte. Aber unter ihr wurden kraftvoll die Gezeiten erwartet. Und so es brodelte in ihm. Seine Kollegen merkten nichts, ihnen mimte er den Zufriedenen, aber in Gegenwart seiner Freundin platzte es allabendlich aus ihm heraus. „Sei froh, dass dich noch jemand genommen hat“, konterte sie regelmäßig. Sydra nahm Tag für Tag die Demütigungen der Kollegen hin. „Du wusstest von Anfang an, worauf  du dich einlässt“, schalt ihn die Freundin zuhause und befahl ihm, Ruhe zu bewahren. Die Erfahrungen eines jeden neuen Tages legten sich Mal für Mal oben auf den Berg des Erlebten drauf und erdrückten ihn. Und all die Unzufriedenheit überflutete seine Seele ausgerechnet an dem Tag, an dem er zehn Jahre mit seiner Freundin zusammen war.

An diesem Tag war sein Nervenkostüm so zart wie ein Schmetterlingsflügel. Weil beide ihr Jubiläum gebührend feiern wollten, verabredeten sie sich zum Abendessen, fuhren jedoch getrennt an. Sydra nahm den Bus und als der plötzlich unvermittelt stehen blieb, kippte er nach vorne und stieß sich den Kopf am Haltegriff, der auf seiner Augenhöhe hing. Dann wunderte er sich zum ersten Mal bewusst über diese zehn Jahre und über sein Leben, das er für andere zu leben schien. Er identifizierte sich nicht mit den Umständen, die er Alltag nannte. So erinnerte ihn dieses Durchgeschütteltwerden auch an die Fährfahrt, als sie zum ersten Mal miteinander sprachen, er und sie. Die Stärke des Seegangs hatte wohl die Freundin seiner späteren Partnerin ermutig, Sydra anzusprechen. Er ließ es geschehen, denn er wollte die Übelkeit mit einem Gespräch vertreiben. Sich mit der rechten den Kopf abtastend und mit der anderen Hand am Busgriff festhaltend empfand er seinen Lebensentwurf plötzlich als höchst absurd. Er erinnerte sich daran, dass ihm das Gemüt von ihr von Anfang an viel zu einfach war, und dass er niemals vorgehabt  hatte, eingesperrt in einer Firma als Angestellter sein leben zu fristen.

Mit diesen Gedanken setzte er sich im Restaurant angekommen an den reservierten Tisch, bestellte  einen Schnaps und wartete auf seine Partnerin, die nach 30 Minuten eintrudelte. Da war Sydra schon beim dritten Gläschen, was sie zu einer ihrer Predigten veranlasste. Das Ende dieser Predigt verstand er sofort, begriffen  hatte er es aber erst viele Monate später. Sie würde ihn verlassen, hatte sie karg zu ihm gesagt. Sie hätte sich genau diesen Tag heute ausgesucht, um die Sache rund zu machen. Augenblicklich war er wieder nüchtern und hellwach, brachte es aber nur zu einem knatternden Lallen. Klar hatte  auch er eben im Bus kopfschüttelnd über diese zehn Jahre mit ihr nachgedacht. Sicher, auch er war nicht zufrieden, aber deshalb musste man sich doch nicht gleich verlassen. Man hatte gemeinsame Freunde, die Eltern waren per Du, ihr Neffe war sein Patenkind, die gemeinsame Wohnung, das gemeinsame  Konto und die Lebensversicherung, die auf beide Namen lief. Was sollte nun aus ihm werden? Es wurde leer in Sydras Kopf. Er war zutiefst verwirrt als sie schließlich aufstand und wir sehen uns gleich noch zuhause sagend  abzischte.

Allein blieb er zurück am Tisch sitzen, bestellte sich weitere Schnäpse und legte dann aus lauter Verzweiflung seinen Kopf auf seine verschränkten Arme und Tränen tropften auf die weiße Tischdecke. Er fühlte  sich ausgenutzt und ausgelaugt und er war wütend, auf alles und jeden. Vor allem darauf, dass er die ganzen Jahre doch eigentlich nur ihretwegen versucht hatte, ein ordentliches leben zu führen, wozu ihrer Meinung nach eine feste Anstellung gehörte. Nur wegen ihr hatte er die Demütigungen und Unterdrückungen am Arbeitsplatz ertragen, jede einzelne an jedem neuen Tag. Er empfand in diesem Moment sein ganzes Leben als vertan. Der Alkohol machte ihn jetzt mutig. Sydra hatte nichts mehr zu verlieren und tat einen folgenschweren Schritt.

Futter für den Anrufbeantworter

Dort auf die weiße Tischedecke sich stützend, im Suff und mit benelbelten Sinnen wählte die Nummer der Buchhaltungsabteilung der Firma Kraie. Heute war Zahltag, jetzt rechnete er ab. Natürlich ging um diese Zeit niemand mehr dran, Frau Müller, die Assistenz, lag sicherlich schon im Bett. Sydra besprach also den Anrufbeantworter der Buchhaltung, der sich ohne Ansage gleich einschaltete, und er richtete sich direkt  an seinen Vorgesetzten. Und so teilte er ihm das mit, was ihn belastete. Alles ging ihm leicht von den Lippen. All das, was er in den letzten Wochen runtergeschluckt hatte, ließ er nun raus auf den Anrufbeantworter, den Frau Müller tagsüber so sehr und innig behütete. Sydra gab dem Apparat üble Beschimpfungen zu fressen. Wahrheiten und mittelmäßige Eindrücke ließ er diesen Kasten wissen. Er sagte zum ersten Mal in seinem Leben, was er wirklich dachte.

Plötzlich setzt lautes Getöse im Restaurant ein. Sydra erinnerte sich daran, wo er war. Musiker spielten eine italienische Melodie. Sydra hielt eine Sekunde inne, um ihr zuzuhören. Er wollte weiter machen mit seinen Beschimpfungen, doch die Melodie schnürte ihm die Kehle zu. Er sagte noch schluchzend ins Telefon Ich habe alles verloren, beendete schließlich seine Litanei und legte auf. Die Bedienung beobachtete ihn mitleidig, ging zu seinem Tisch und fragte, ob er noch etwas wünsche. Er bestellte nur die Rechnung und verließ das Lokal, in dem er ursprünglich ein Jubiläum feiern sollte. Er schlich durch die Gassen ohne Erinnerung. Er kam zu Hause an. Dort war es leer.

Er setzte sich auf einen Stuhl im Flur, um die Schuhe auszuziehen, torkelte durch die Küche ins Schlafzimmer und da wurde ihm die Situation klar. Ihn beschlichen Gefühle von Angst und Einsamkeit, die er ignorierte. Sich selber zu ignorieren, darin war er Meister und also legte sich schlafen. Er stellte seinen Wecker nicht. Es war der nächste Nachmittag, an dem er erwachte. Er hatte unruhig geschlafen. Wild geträumt. Fühlte sich gerädert. Sydra gammelte diesen und die beiden folgenden Tage einfach in seiner Wohnung rum. Er taumelte benommen und betäubt von einer in die andere Ecke. Nach drei Tagen nahm er eine Dusche und begann, sich besser zu fühlen. Er begann sogar, die Wohnung aufzuräumen. Er sah wie dreckig alles war. Die Fenster, die Spiegel, Tische und auch die Arbeitsflächen in der Küche. Von innen sah der Backofen regelrecht vergammelt aus. Er begann mit einem handfesten Hausputz. Zwischendurch ging er ein paar Schritte vor die Tür, um zu sehen, wie es sich anfühlt. Und so begann er Zufriedenheit in sich zu fühlen. Er begann, sein neues Leben leichter zu sehen. Er begann zu erkennen, dass er seines so leben kann wie er das mag. Wie es ihm gefällt. Jetzt da alle weg sind, sah er sich als freien Menschen. Jeden Tag empfand er mehr Freude und Gelassenheit. Er machte dies und das, ging mal einkaufen, mal nur spazieren. Und so vergingen die Tage. Eines frühen Abends sah er eine Nachricht der Firma Kraie auf seinem Anrufbeantworter. Hörte diese ab und er verstand die Welt nicht mehr. Frau Müller wollte nämlich wissen, wo er denn bleibe, man würde sich große Sorgen um ihn machen. Der Vorgesetzte habe des öfteren nach ihm gefragt und sie, Frau Müller, gebeten, mal nachzuhören. Er möge sich doch bei ihr melden.

Was für eine Welt, dachte Sydra. Mit diesem Gedanken ging er erst einmal in einen Park spazieren. Auf einer Bank sitzend und Enten beobachtend, die auf dem Wasser ihre Jungen betütelten, empfand er das Geschehen um sich herum als äußerst amüsant. Die Luft war warm, der Wind umwehte lau die Bäume, die Blätter raschelten angenehm. Es war als ziehe eine leichte Brise auf, der See vor ihm lag dennoch vertraut still da. Dieser See sprach etwas zu ihm, was er erst später verstand. Doch jetzt in diesem Augenblick bemerkte er lediglich seine Zufriedenheit und seine innere Stille.

Er grinste in sich hinein. Er hörte die Nachricht zu Hause also noch einmal ab und nochmal. Hatte Frau Müller sich vielleicht verwählt? Nein, sie meinte ihn, das war eindeutig. Wie skurril, sprach er kopfschüttelnd zu sich selbst. Er war sehr belustigt. War es ihm mit seinem Anruf doch tatsächlich gelungen, seinem Vorgesetzten Angst einzujagen? Sydra war stolz auf sich und seinen Mut. Es war ihm, als habe er tatsächlich etwas erreicht. Er war wertvoll für die Firma. Und diesen Wert haben alle erkannt. Dank seiner Konsequenz und dank seiner Kompromisslosigkeit. Er war sehr stolz auf sich. Wäre seine Freundin nun noch in seinem Leben, hätte er sie jetzt beeindrucken können. Zumindest seinem Vater wollte er von dieser Wendung und von dieser seiner Haltung und Tat berichten.

Doch als Sydra an seinem Handy auf die Wahlwiederholung drückte, erstarrte er zu Stein, sein Atem stockte, Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Da sah Sydra, dass er im Restaurant vor vier Tagen nicht Kraie, sondern  seinen eigenen Vater beschimpft hatte. Sydra war entsetzt. ln seinen Adern pulsierte das Blut, vor Hilflosigkeit hörte er den weiten Ozean in seinen Ohren rauschen, ihm war, als würden Wolkenbrüche auf ihn nieder prasseln. Dann verlor er das Bewusstsein. Erst Tage später erwachte  Sydra aus seiner Ohnmacht  in einem grünlichen, leeren Raum. Links von ihm ließ eine vergitterte Luke das Licht eines Regentages rein. Langsam kehrte alles zurück und er stöhnte  „Oh mein Gott, was habe ich nur getan“. Er hoffte, seinen Vater an seinem Bett sitzen zu sehen. Doch der war nicht da.

Sas Leben für andere zu leben, war damit passé.

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