Zapfsäule

Wie viel Zufriedenheit steht im Lidl-Milchregal? Wo bleibt das Wohl der Kuh? Wir baten Greenpeace um eine Einschätzung der Sterne-Milch-Aktion des Discounters. Seit August können Lidl-Fans nämlich eine so genannte Sterne-Milch kaufen, ausgezeichnet mit einem Label des deutschen Tierschutzbundes. Was heißt das genau? Das heißt laut Lidl unter anderem, dass sie nur den Kühen Milch abzapfen, die einen komfortablen Fress-& Liegeplatz sowie mehr Weideflache haben. Aber ist die Einführung der Milch mit diesem Label wirklich eine weitere Maßnahme für mehr Tierwohl? Was bezweckt der Discounter damit?

„Aber die Verbraucher können auch beim Einkaufen wählen. Sie haben ja nicht nur eine Stimme im Wahllokal, sondern auch vorm Milchregal.“

Martin Hofstetter von Greenpeace steht dem Ganzen insgesamt sehr positiv gegenüber. Denn so werde zumindest das Bewusstsein der Käufer/innen geschärft, dass es überhaupt unterschiedliche Möglichkeiten bei der Haltung der Kühe in den Betrieben gibt. Wie damals bei den Eiern. „Da gab es lange kein Bewusstsein bei den Verbrauchern. Und wer weiß das schon, dass es auch Unterschiede bei der Haltung der Kühe in Betrieben gibt?“

Insgesamt treffen wir in Deutschland bei der Haltung unserer Milchgeber auf verschiedene Methoden in den Betrieben, sprich Anbindehaltung und Laufhaltung. Beides werde je nach Betrieb unterschiedlich dosiert. Und leider bilden Biobetriebe keine Ausnahme. Wir als Milchtrinker/innen sollten wissen, dass immer noch viele Betriebe mit 20 bis 40 Kühen ihre Tiere den ganzen Winter und Sommer über anbinden. „Das ist dann eine ganz schlechte Haltung zum Tier“, findet Hofstetter.

Es gebe Ausnahmen, da seien die Tiere zwar nur im Winter angebunden; im Sommer dann frei auf einer Weide. Ideal sei das aber auch nicht. In größeren Betrieben werden Kühe häufig in so genannten Boxenlaufställen gehalten. Dort können sich die Tiere frei bewegen, haben aber eigene Liegeboxen. Das sei besser als gar nichts, sagt Hofstetter. „Doch leider kommen die Tiere in Boxenlaufställen nur sehr selten auf die grüne Weide. Das Futter wird ihnen vorgeschoben oder kommt aus einer Kraftfutterstation. Manchmal gebe es zwar einen kleinen Laufhof mit dabei, aber das erinnert eher an einen Gefängnishof. Der Boxenlaufstall ist schon mal ein bisschen besser als die ganzjährige Anbindehaltung.“
Wo bleibt das Tierwohl? Martin Hofstetter findet, dass jede Kuh 5.000 Quadratmeter Weideland zur Verfügung haben sollte: Weil Kühe Lauftiere sind. Wenn Lidl darauf verweist, mit dem neuen Label nun sicherstellen zu können, dass für jede Milchkuh pro Jahr mindestens 2.000 Quadratmeter Grünland vorhanden seien, wovon 1.000 Quadratmeter als Weidefläche zur Verfügung stehen, findet Greenpeace dieses Platzangebot zu mager. „Das erscheint mir etwas knapp bemessen“, kommentiert Hofstetter.

Was denken Sie, bezweckt der Discounter denn mit der Aktion?
„Er tut was fürs eigene Image. Dass er nicht nur ein Billig-Discounter ist, sondern auch was fürs Tierwohl tut. Und es spielt auch das Thema Kundenbindung eine Rolle. Denn es gibt tatsächlich Discounter-Kunden, die Bioprodukte haben wollen, und wenn die dann auch gute Tierhaltung mitkaufen, haben sie ein noch besseres Gefühl. Und sicher spekuliert Lidl auf einen Dominoeffekt, mit dem er auch ganz neue Kunden in die Filialen locken kann. Und: Solche Kooperationen bieten wahrscheinlich auch eine gewisse Ruhe vor möglichen Kritikern.“

Herr Hofstetter, was können wir als Verbraucher/innen für das Tierwohl unserer Milchgeber tun? „Verbraucher können sich politisch engagieren. So kann man seine Abgeordneten darauf hinweisen, dass die sich fürs Tierwohl stark machen mögen. Denn die schweigende Mehrheit der Abgeordneten nimmt das einfach hin, was im Agrar-Ausschuss debattiert wird. Und in dem sitzen vor allem Landwirte. Aber die Verbraucher können auch beim Einkaufen wählen. Sie haben ja nicht nur eine Stimme im Wahllokal, sondern auch vorm Milchregal. Sie können über ihr Kaufverhalten reflektieren. Man kann sich auch gegen den Kauf entscheiden, auch eine Möglichkeit. Oder man organisiert sich in einer Tierschutzorganisation. Ich glaube ehrlich gesagt, dass jeder etwas machen kann. Es gibt so viele Möglichkeiten.“

Und wie erklärt der Discounter selbst seine Beweggründe? Melanie Pöter von Lidl schreibt: „Bei der Sortimentsgestaltung orientiert sich Lidl Deutschland an Kundenwünschen und legt großen Wert auf Nachhaltigkeit. Dazu gehört auch, dass wir dem Verbraucherbedürfnis nach höheren Tierwohlstandards gerecht werden, indem wir Tierwohlkriterien über den gesetzlichen Mindestanforderungen fördern und unterstützen. Das Tierschutzlabel auf unseren Produkten ist dabei ein Beispiel für einen nachhaltigeren Umgang mit tierischen Erzeugnissen. Gleichzeitig dient das Label als Orientierungshilfe beim Einkauf. Kunden können sich sicher sein, dass sie durch den Kauf von Produkten mit dem Tierschutzlabel beispielsweise bessere Haltungsbedingungen.“

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