Landgericht Frankfurt am Main

Justizvollzug – wie modern ist er in Hessen? Wir sprachen mit Matthias Grund vom Hessischen Justizministerium. Es ging um Frauen im Vollzug, um die Ausbildung der Beamten und um den wichtigen Familienkontakt der Gefangenen zu ihren Kindern, die draußen sind.

Wie plant das Hessische Justizministerium die Ausbildung seiner Beamten? Ein Aspekt im Vollzug ist neben Rücksichtnahme, Toleranz und Integrität natürlich auch die Ehrlichkeit. Die Arbeit im Justizvollzug muss ab dem Tag der Einstellung bis hin zum Ausscheiden der Bediensteten von einem respektvollen und ehrlichen Umgang miteinander geprägt sein. Den Bediensteten ist es einerseits bewusst, dass Aussagen gegenüber Gefangenen verbindlich und umsetzbar sein müssen. Anderseits sind die Kollegen in den Organisationseinheiten gehalten, als Teams gemeinsam an der Zielerreichung zu arbeiten.

Wie sieht der moderne Strafvollzug mit Fokus auf den Menschen heute aus?
Im Hessischen Justizvollzugsgesetz stehen die Ziele, Aufgaben und Grundsätze des Vollzugs und dieses regelt die einzelnen Haftarten. Im Vollzug der Freiheitsstrafe sollen die Gefangenen befähigt werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen. Alles Vertretbare wird unternommen, um Strafgefangene für ein künftiges Leben in sozialer Verantwortung vorzubereiten und sie vor einem Rückfall zu bewahren. Das Leben der Inhaftierten muss den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit wie möglich angeglichen werden. Den  zwangsläufigen negativen Folgen des Vollzugs, die durch den Abbruch von persönlichen Bindungen und der Anpassung an die Abläufe des Vollzugsalltags gekennzeichnet sind, muss natürlich entgegengewirkt werden. Aber es sind auch die unterschiedlichen Betreuungs- und Behandlungserfordernisse der jeweiligen Inhaftierten, insbesondere im Hinblick auf deren Alter, Geschlecht und Herkunft zu berücksichtigen.

Welche Berücksichtigung findet das Individuum und welche der Respekt vor jedem einzelnen Schicksal im Vollzug – wie tragen Sie dem Rechnung?
Alle Maßnahmen dienen der Aufarbeitung von Defiziten, die die Straffälligkeit ausgelöst haben mögen. Es muss vor allem am Werteverständnis gearbeitet werden, das den verfassungsrechtlichen Grundsätzen entspricht. Und im Idealfall lernen die Gefangen schließlich, künftig ohne Straftaten durchs Leben gehen zu können. Wir haben ein Diagnoseverfahren entwickelt, das klärt, was bei jedem einzelnen Gefangenen zu tun ist, um das zu erreichen. Die Persönlichkeit, die Lebensverhältnisse, die Entwicklung der Straffälligkeit oder auch die Umstände der Straftat werden genau analysiert und betrachtet. Aber auch alle anderen Erkenntnisse, die für eine zielführende Vollzugsgestaltung und die Wiedereingliederung notwendig sind, sind Teil dieses Verfahrens.

Gießkanne? Nein, sondern das Individuum steht im Mittelpunkt. Die Stärken und Schwächen eines jeden Einzelnen werden in die Maßnahmen integriert. So können wir genau abschätzen, wie hoch das Resozialisierungspotential ist und welche Sicherheitsanforderungen unerlässlich sind. Wir schauen, welche schulischen oder beruflichen Maßnahmen notwendig sind, ob Therapien oder Trainingsmaßnahmen, Maßnahmen zur Pflege der familiären Beziehungen und zur Gestaltung der Außenkontakte durchgeführt werden sollen oder ob andere Maßnahmen wie Schuldenregulierung, Drogentherapien, etc. sinnvoll sind. In der Vollzugsplankonferenz werden die empfohlenen Maßnahmen mit den Gefangenen erörtert; deren Anregungen und Vorschläge werden angemessen einbezogen.

Familienzusammengehörigkeit von Insassen zu ihren Familien draußen. Wie hat sich das in den vergangenen Jahren gewandelt? Wenn überhaupt. Kontakte der Gefangenen zu ihren Angehörigen werden besonders gefördert. Erwachsene Strafgefangene können  regelmäßig alle drei Wochen Besuch erhalten; mindestens 1 Stunde im Monat. Zu diesen Regelbesuchen können zusätzlich Sonderbesuche durchgeführt werden begleitet durch die Seelsorge oder von anderen Fachdiensten; insbesondere trifft dies zu auf Gefangene mit Kindern zu. Gerade zur Erhaltung der Kontakte zu den Kindern gibt es in den meisten Justizvollzugsanstalten besondere Projekte. Dies hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Gewandelt hat sich in den letzten Jahren, dass neben den üblichen Besuchs- und Briefkontakten verstärkt Telefonkontakte der Gefangenen zu genehmigten Gesprächspartnern und -partnerinnen, vor allem zur eigenen Familie und den Kindern, ermöglicht werden.

Welche neuen psychologischen Erkenntnisse fließen heute in den Vollzug ein – welche beratenden Entitäten arbeiten ständig mit Ihnen zusammen? Der hessische Strafvollzug wird regelmäßig durch den kriminologischen Dienst des hessischen Justizvollzugs in Zusammenarbeit mit Hochschulen oder anderen Stellen (wie der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden) wissenschaftlich begleitet und erforscht. Die Ergebnisse werden regelmäßig ausgewertet und für die Fortentwicklung des Vollzugs nutzbar gemacht.

Welche sozialen Kompetenzen muss eine Frau im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen mitbringen, um im Vollzug zu arbeiten? In den letzten 15 Jahren konnte ein geringfügiger Anstieg der Frauenquote im Justizvollzug verzeichnet werden. 2003 betrug der Anteil an weiblichen Bediensteten im Vollzug rund  24 Prozent. Der Anteil weiblicher Bediensteter des hessischen Justizvollzugs betrug 2017 bereits fast 30 Prozent, so dass wir es mit einem prozentualen Anstieg von knapp 6 Prozent zu tun haben. In einigen Fachlaufbahnen sind überwiegend weibliche Bedienstete beschäftigt. Das betrifft die sozialen Dienste, den Vollzugs- und Verwaltungsdienst im mittleren Justizdienst sowie den ärztlichen und pflegerischen Bereich. Überwiegend männlich dominiert waren der Werkdienst und der allgemeine Vollzugsdienst (AVD). In diesen Laufbahnzweigen wird unter Beachtung des Frauenförder- und Gleichstellungsplans ein Wandel im Verhältnis Männer-Frauen angestrebt.

Aber: Aufgrund der Besonderheit, dass in Justizvollzugsbehörden für Männer nicht in allen Bereichen weibliche Bedienstete eingesetzt werden können (z. B. körperliche Durchsuchung, Aufsicht beim Duschen) und darüber hinaus nicht genügend Frauen mit der notwendigen Qualifikation (z.B. Handwerksmeisterbefähigung) zu gewinnen sind, ist der Frauenanteil hier logischerweise kleiner. Das liegt aber auch daran, weil insgesamt mehrheitlich männliche Insassen im Vollzug untergebracht sind. In der hessischen Frauenanstalt in Frankfurt beträgt der Anteil weiblicher Bediensteter derzeit rund 72 Prozent. Die Einstellungsvoraussetzungen sind aber für Männer und Frauen gleich. Die notwendigen Kompetenzen sind laufbahnspezifisch festgelegt, so dass Frauen im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen keine anderen Fähigkeiten vorweisen müssen.

Was tut Hessen zur Nachwuchsförderung von Frauen im Justizvollzug? Gibt es besondere Programme? Wir möchten den Anteil von Frauen erhöhen. In den Stellenausschreibungen ist dies stets erwähnt. Wir stellen Frauen bei gleicher Eignung und Befähigung bevorzugt ein. Unsere Strategie in der Personalgewinnung ist aber klar: Wir zielen auf alle Bewerberinnen und Bewerber ohne Ansehung des Geschlechts ab und wir konzipieren die Stellenbesetzung nicht so, dass speziell Frauen bevorzugt werden müssten.

Wie sind Frauen heute repräsentiert und welche Motivation treibt sie an? Frauen lassen sich insbesondere durch die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf im öffentlichen Dienst für eine Bewerbung im Vollzug motivieren. Wir haben zahlreiche Modelle für flexible Arbeitszeiten. Der Wiedereinstieg in das Berufsleben nach Kindererziehungszeiten verläuft in den meisten Fällen problemlos. Frauen sind in allen Hierarchieebenen vertreten. Ich sehe die Aufstiegschancen als sehr hoch an. Die Interessen der Frauen im Justizvollzug werden durch örtliche Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in den Vollzugsbehörden sowie durch die beim Hessischen Ministerium der Justiz ansässige Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte für den gesamten Geschäftsbereich vertreten.

Welche psychologischen Programme gibt es für die Beamten? Für die Bediensteten in den Justizvollzugsbehörden werden Supervisionen, Kriseninterventionsprogramme und viele Fortbildungen zum Umgang mit Gefangenen und den hiermit in Zusammenhang stehenden Konflikten angeboten. Die hessische Justiz hat zudem einen Vertrag mit einer externen Beratungsfirma geschlossen, die Hilfestellungen für die Bediensteten der Justiz in allen Lebenslagen anbietet. Anonym können dort Probleme im beruflichen und privaten Kontext besprochen werden, um Lösungen zu finden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Angebote im Rahmen des Gesundheitsmanagements, die sowohl psychische als auch somatische Beschwerden vermeiden und verringern helfen.

Vielen Dank Herr Grund!

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