Steht man im Inneren der original Übungsmodule in Köln bei der ESA, hat man das Gefühl, in einem überdimensionierten Radio zu sein, das gerade so viel Platz lässt, dass man sich noch getrost den Kopf stoßen kann: Kabel, Knöpfe, Fußhalter, Behälter, Hebel, Griffe, Schlafsäcke, Enge und, das Wichtigste für die Besatzung: kleine Luken, um nach draußen zu sehen. Kleine Luken, um die Erde an sich vorbeiziehend beobachten zu können.

Wer ist dieser Mann und wie kam er zu seinem Job?

Hätte Herr Gerst sich nicht 400 Kilometer in die Höhe schießen lassen, sondern wäre er diese zum Beispiel von Frankfurt gen Süden gefahren, hätte er dies wahrscheinlich nur als promovierter und verträumter Geophysiker getan, der vom All schwärmt. Aber es verhält sich ja Gott sei Dank (auch für uns Deutsche) alles anders.

Aus ESA Sicht hat sich nicht das Unwahrscheinliche, sondern das Wahrscheinliche ereignet. Es war eine Stelle auf der ISS frei geworden, die besetzt werden musste. Doch aus Gerst’s Perspektive hat natürlich das Unwahrscheinliche und nicht das Wahrscheinliche sein Leben heimgesucht.

Herr Gerst, wie wird man Astronaut? Die Agentur für Arbeit hat Ihnen den Job sicher nicht vermittelt, oder?

Nein, hat sie nicht. Man bewirbt sich wie auf jeden anderen Job auch.

Hört sich unspektakulär an. Doch etwas unterscheidet das Bewerbungsverfahren sicher von jedem anderen?

Es ist länger. Ich hatte zwei Tagestermine bei der ESA, eine Woche medizinische Untersuchung, dann nochmal zwei Interviews. Es hat sich über ein Jahr hingezogen, aber auch andere Bewerbungsverfahren dauern manchmal Monate.

Wie viele Bewerber kommen denn so auf eine Astronautenstelle?

10.000 online. Jeder kann sich bewerben. Einzige Voraussetzung war ein flugmedizinisches Gutachten. Tausend sind dann zu Piloten- und allerlei Koordinations- und Kognitionstests nach Hamburg eingeladen worden. Danach sind die restlichen rund 190 in die engere psychologische Auswahl zum EAC (European Astronaut Centre) nach Köln gekommen, danach blieben noch 45 übrig, die zu medizinischen Tests nach Toulouse und Köln durften. Dann fand ich mich mit den restlichen 20 zu Interviews mit dem ESA-Management in Paris ein; und so bin ich mit meinen 5 Kollegen übrig geblieben.

Und wie fühlt man sich, wenn man in die astronautischen Kreise aufgenommen wird – privilegiert?

Klar! Dass ich in den Weltraum fliegen durfte, war ein großes Privileg. Nicht nur wegen der wissenschaftlichen Arbeit. Wenn man einmal da war, ist es, als habe man mental den Reset-Knopf gedrückt. Diese Erfahrung täte uns allen gut, glaube ich. Umweltverschmutzung, Kriege und Streitereien – alles bekäme eine andere Farbe.

Astronauten werden mit dem Attribut Freiheit gedacht. Doch der Trainingsplan und die Module, in denen Sie trainierten, wirken sehr eng, nicht zuletzt die ISS selber ist keine Loftwohnung. Fühlte sich der Astronaut Gerst nicht eher eingesperrt? Als Hamster in einem Rad?

Der Zeitplan war festgelegt, das stimmt. All das war für mich aber schon ein Abenteuer, denn ich wurde auf Reisen geschickt. Ich fand es großartig, auf vier verschiedenen Kontinenten zu trainieren. Ich habe nette Leute getroffen, in der einen Woche in Houston, in der nächsten in Moskau und man hat es noch nicht mal gemerkt, dass man auf einem anderen Kontinent stand. Hamster fliegen nicht so weit (er lacht).

Eingesperrt ist also das falsche Wort?

Definitiv, die Raumstation ist für mich die Befreiung vom Angehaftetsein ans Irdische, so eng sie auch ist. Denn sie schützt mich vor dem Vakuum, und erlaubt mir, in eine neue Umgebung vorzudringen. Sie stellt das Gegenteil von Eingesperrtsein dar.

Empfanden Sie Ihren Job als gefährlich?

Ja. Wir sind zwar ein berechnetes Risiko eingegangen, dennoch ist war er gefährlicher als die meisten Jobs hier auf der Erde. Das Risiko muss sich eben lohnen. Und bei den Missionen stand für mich dieses Risiko nun dem gegenüber, was ich auf die Erde zurückbringen konnte. Nämlich einmal von der Außenperspektive auf die Erde geschaut zu haben. Dass alles sehr relativ ist, worüber wir uns als Gesellschaften hier unten den Kopf zerbrechen.

Und was macht man im Notfall?

Wir bekämpfen ihn. Falls uns das nicht gelingt, können wir als letzte Möglichkeit die ISS verlassen und sind dann in weniger als 3 Stunden zurück auf der Erde. Notlandeorte gibt es auf jedem Kontinent außer der Antarktis.

Wie normal finden Sie es denn, ins All zu fliegen?

Normal ist das nicht. Noch nicht. Ob es gefährlicher ist als frühere Expeditionen in die Antarktis oder in den Himalaya, wage ich zu bezweifeln. Wir haben Respekt vor jeder Mission und sind auf alles vorbereitet.

Was war für Sie die größte Herausforderung in den Trainingsjahren?

Von Null auf Hundert Russisch zu lernen, in drei Monaten.

Und was fanden Sie anspruchsvoll?

Die Ressourcen meines Gehirns zu managen. Man hat den ganzen Tag neue Sachen gelernt und war selber dafür verantwortlich, sich die richtigen Dinge zu merken. Dabei sagt einem keiner, was man dort oben wirklich braucht. Das war das Schwierigste.

Von einem Astronauten möchte man denken, er könne fliegen. Beherrschen Sie diese erdene Kunst?

Ja. Ich besitze einen Flugschein, und manchmal springe ich auch Fallschirm.

Eine gefährliche Angelegenheit, das Fallschirmspringen, was sagt denn Ihr Chef dazu?

Er rät mir vom Fallschirmspringen ab, das sei zu riskant.

Alexander Gerst im Gespräch

Dr. Alexander Gerst wächst in Künzelsau auf. Das Abitur macht er 1995 und absolviert 2003 das Karlsruher Institut für Technologie als Diplom-Geophysiker. In Neuseeland widmet er sich dem Studium der Geowissenschaften und schließt hier 2003 mit dem Master of Science ab. Dann promoviert er 2010 am Institut für Geophysik an der Universität Hamburg mit seiner  Forschungsarbeit zur Eruptionsdynamik von Vulkanen. 2011 gibt die ESA Gerst‘s Nominierung für einen Raumflug bekannt.