Christof Jauernig ist von Beruf Vertrauer, vormals war er Analyst. Die Vertrauer von heute sind nicht mehr so wie die aus den 90ern: kahlgeschorener Kopf, gehüllt in eine Kutte, versunken in tibetische Räucherei, meditierend an einem Brunnen.

Was muss man mitbringen, um Vertrauer zu werden? 

Jeder kann Vertrauer werden: ob Banker, PR-Mann oder Staubsaugervertreter, ob Bus- oder LKW-Fahrer und Handelsreisender oder Lehrer. Und es zeigt sich übrigens, dass dieser Beruf immer beliebter in unseren reichen und satten Industriegesellschaften wird. Wer ihn wählt, dem winkt große Zufriedenheit. Hier gelten frische Gesetze: Von nichts kommt alles / Gib, damit du hast / Lasse los, um bei dir anzukommen. Das hatte Christof wohl überzeugt, als er 2014 seinen alten Job hinschmiss, um Vertrauer zu werden. Aufmerksam geworden auf diesen Beruf ist er aber nicht durch die Agentur für Arbeit oder sonstige Institutionen. Es war ganz anders und ebenso simpel.

Wenn wir Christof sagen, meinen wir einen, der psychisch am Ende war und sich verloren hatte. Wenn wir Christof sagen, meinen wir einen Ex-Analysten einer Unternehmensberatung für Finanzdienstleister. Wenn wir Christof sagen, meinen wir einen, für den klar war, dass eine Zäsur in seinem (Berufs-) Leben hermusste. Denn die Untersuchung von Bankenmarkt und Finanzdienstleistungstrends, von Regulierungsentwicklungen und Profitsteigerungsoptionen wurden ihm zusehends egal. Wenn wir Christof sagen, meinen wir einen, dessen Wahrnehmung kanalisiert war wie die Frankfurter U-Bahn; durchs Dunkel sausend und genau zu wissen, wo man rauskommt.
Wenn wir Christof sagen, meinen wir einen Ex-Knasti eines gesellschaftlichen Systems, dessen Ziele klar sind: Mehr Profit, mehr Umsatz, mehr Geld und noch mehr Habgier. Der Einserabiturient stand in der Mitte seines Lebens und er stand wirklich gut da, doch glücklich war er nicht.

Irgendwann war ihm klar, dass er etwas verändern müsste. So konnte er nicht weitermachen. Aber er hatte kein Gefühl zu seiner Zukunft. Er dachte, er stünde zu ihr im selben Verhältnis wie der Mars zur Erde. Er wusste, dass hier nur alle zwei Jahre die Landung möglich ist (von der Erde kommend). Bedenken plagten ihn, ob Winkel und Neigung günstig stünden, um das Einfallstor zu einem anderen Leben schadlos zu erwischen. „Wenn ich meinen Job aufgebe …

Was wird dann aus meinem Lebensstil? Werde ich genug Geld haben? Was kommt danach? Kommt überhaupt etwas danach? Lande ich unter einer Brücke? Wie erkläre ich dem nächsten Arbeitgeber den Bruch in meiner Biografie?“

Sein Sein war besetzt von diesen Fragen. Aber dann, eines Tages war der Zenit der inneren Qual erreicht. Da wusste er: „Ich muss hier raus und ich gehe hier raus.“ Ab dieser Entscheidung wurde es warm in ihm. Denkt er heute an diesen Zeitpunkt in seinem Leben zurück, weiß er, dass das die beste Entscheidung seines Lebens war.

Signalstörung behoben – Und er ging los, nicht einfach, nicht unüberlegt, nicht überstürzt, doch aber erleichtert und wild entschlossen – ein Zurück gab es nicht mehr; und ab da vertraute er und tut das heute noch. Sich selber zu vertrauen ist zu seinem Lebenselixier geworden, seine Richtschnur und sein Leuchtturm. Die dann folgende sechsmonatige Rucksackreise durch Südostasien war für ihn eine äußere und innere Reise zugleich. Auch sie hat sein System für das Signal „Höre hin und tu‘, was du wirklich willst“ gereinigt. Dieses Signal lag ja schon lange in der Luft. Es konnte Christof’s Bewusstsein aber nie erreichen, weil sein allgemeiner Zustand zu sehr aus seiner natürlichen Harmonie geraten war. Seit dem Tag X, als er sich entschieden hatte aufzuhören, verstärkt dann natürlich durch die Südostasienreise, konnte dieses Signal – sein Ambrosia – sein Bewusstsein endlich ganzheitlich durchströmen. Die Signalstörung war behoben. Diese Reise bildete schließlich den Nährboden für das, was er heute ist und tut. Diese Südostasienreise ist auch mehr als eine Sammlung von Eindrücken, festgehalten auf einem Chip in einer Digitalkamera. Sie steht für sein Loslassen, und sie hat ihm das Rüstzeug mitgegeben, das ein Vertrauer braucht: Höre auf deine innere Intelligenz, fühle hin zu ihr, wende dich nicht ab von ihr.

Heute lebt er im Hier und Jetzt seines momentanen Seins und erzählt die Geschichte seiner äußeren und inneren Reise in einer Art Vortrag an aller deutschen Orten. Und diese Geschichte geht der Frage nach, wie es war, als der Analyst aufhörte, Analyst zu sein.
In seiner Geschichte spricht er davon, wie es sich anfühlt, wenn Strukturen wie Job, Routinen, vorgefasste Meinungen über sich und andere wegfallen, die einst Sicherheit gaben.

„An diese Stelle tritt dann eine Leere, die natürlich dazu geeignet ist, vor ihr Angst zu haben. Weil das Ungemach, das darin oder dahinter lauern könnte, einfach so viel leichter auszumalen ist, als alles andere. Diese Angst scheinen viele zu haben, mit denen ich in meinen Veranstaltungen ins Gespräch komme. Viele quälen ähnliche Probleme wie mich damals. Ihnen fehlt noch ein Quäntchen Mut zum kleinen oder großen Umbruch, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, wie es dann weitergehen würde.“

Die Welt breitete sich in all ihren Facetten und irgendwie wunderschön in seinem neu geschaffenen Nichts aus. Kanalisiert, sediert und degeneriert war er auf wundersame Weise aus seinem Gesellschaftskoma erwacht. Und wie sich das anfühlt – darum geht es in seinen Vorträgen. Dieses Gefühl versucht er, mit seinem Publikum zu teilen.

ABER: Vortrag ist genau genommen der falsche Ausdruck. Denn wie will man über Nicht-Momente referieren? Eher ist es eine Collage aus Wort und Bild an klangvirtuoser Klavierimprovisation. Dann wird seine Reise die Reise eines jeden Einzelnen im Raum. Er verdunkelt ihn und blendet nur seine Reisefotografien ein. Die stehen im Mittelpunkt und annektieren quasi das Gefühl der Betrachter auf magische Weise. Dann sind wir mitten drin. Mitten in uns. Mitten in unserer Sehnsucht loszugehen. Mitten in unserer Sehnsucht stehenzubleiben. Mitten in unserer Sehnsucht, endlich unserer Intuition zu folgen. Mitten in unserer Sehnsucht, endlich unserer inneren Intelligenz zu vertrauen. Es ist eine poetische Reise.

Energetisiertes Geld
Vor allem Kliniken laden ihn gerne ein. Dort, wo psychosomatische und psychische Erkrankungen behandelt werden. Neuerdings auch Volkshochschulen. Und – und jetzt wird es kurios – auch Banken laden ihn ein. Meistens sind das Institute, die ein nachhaltiges Geschäftsmodell vertreten. Für seine Wort-Bild-Klang-Collagen bekommt Christof mittlerweile feste Honorare. Dennoch sei das Geld auf bestimmte Art positiv aufgeladen, weil es mit einer Arbeit verbunden sei, für die er brenne. Doch in der Anfangszeit seiner Lesereisen gab es da noch den Spendenhut: Er fing die große Wertschätzung von Christofs Zuhörern auf. Der Hut wurde für ihn damals zum Symbol für den Einstieg ins neue Leben. Er wurde herumgereicht und in ihn konnte jeder legen, was er wollte. Aus diesem Hut schöpfte Christof Nahrung – und das in vielerlei Hinsicht. Nahrung für Psyche und Physis. Der Hut wurde auch zu einem Symbol der Gnade. Dann erinnerte er sich immer wieder daran, dass es richtig war, wie ihm die Dinge passiert waren. Und dass ihm irgendwann das Loslassen gelungen war, und dass sich seine Ängste verabschiedet hatten.

Ging der Hut rum, wusste er wieder, dass sich auch seine Wahrnehmung radikal verändert hatte. Der Ex-Sedierte, der Ex-Systemknasti ist endlich wieder in der Lage, die Schönheit dieser Welt zu sehen. „Als würde jemand im Hintergrund die Fäden in der Hand halten und sagen: Du vertraust, deshalb läufts gut“. Seit dem Zeitpunkt, als er vertraut und nichts mehr geplant hatte, liefen die Dinge meistens perfekt ganz ohne sein Dazutun. „Wenn ich mit der Gegenwart verbunden bleibe, läuft es schon richtig.“ Er stellt kaum mehr Weichen und denkt nicht an die Zukunft, weil das in seinen Augen Unsinn sei. „Das ist mir zu riskant. Da wäre mir die Gefahr zu groß, dass ich mich in Ängste verstricke.“
Er werde reich beschenkt, sagt er. Und damit meint er nicht Geld. Betrachtet er sein Leben aus finanzieller Perspektive, hat er keine Ahnung, wie lange er das noch machen kann. Doch er vertraut einfach. Aber auch seine Einstellung zum Geld hat sich verändert. Das Geld, das jetzt zu ihm kommt, ist aufgeladen mit der Hoffnung und Dankbarkeit derjenigen, vor denen er immer wieder sein Herz öffnet. Und das ist das Geschenk, von dem er spricht.

„Wenn ich sehe, dass jemandem Tränen in den Augen stehen nach meinem Vortrag und er oder sie mir eine Spende gibt, dann strahlt dieser Geldschein für mich noch an der Supermarktkasse. Sein Wert ist der gleiche, aber seine Wertigkeit ist unschätzbar geworden. Das Geld ist wie energetisiert.“ Jetzt weiß er, dass Geld unterschiedliche Qualitäten hat und dass das, welches er heute erhält, auf eine andere Art geerdet ist als früher. Und so gibt er das Geld auch gerne aus. Für das, was er zum Leben braucht und für etwas, wofür er wirklich brennt: seine Geschichte weiter teilen zu können. Im Ausgeben spiegelt sich die Freude über sein gesamtes Leben wieder.

Jedes Mal!

Wer weitere Details über den Beruf Vertrauer haben möchte, findet Christof hier www.unthinking.me. Dort stehen auch seine nächsten Veranstaltungstermine und es gibt Beispiele seiner Klaviermusik und seiner Fotos und noch viel mehr.

Seine nächsten Termine