Diese Erzählung ist wahr. Diese Erzählung berichtet vom Gutzkow. Im echten Leben ist Gutzkow ein Manager eines 10-köpfigen Teams eines globalen Konzerns der Pharma Branche. Dieser Pharma Konzern stellt sehr teure Medikamente in Sachen Krebs und Hormone her. Der Gutzkow ist Manager, dessen Allüren sehr skurril sind. Gutzkow nervt gelegentlich seine Mitarbeiter und Kollegen. Jeder Manager sollte dies lesen, um zu erkennen, wie ihn seine MitarbeiterInnen sehen könnten. Und an alle MitarbeiterInnen: Hier lernt ihr, warum euer Manager zu dem wurde, der er ist. Übt Vergebung. Viel viel viel Spaß beim Lesen. 

Denn er findet, schon allein, wenn jemand mit Ende dreißig bei einem amerikanischen Konzern angestellt ist und einer Gruppe von mehr als 150.000 Kollegen angehört, dass der dann alles erreicht hat, was es in einem Leben zu erreichen gibt. So gesehen ist seine zufriedene Haltung seiner Existenz gegenüber nachvollziehbar, denn diese Voraussetzungen erfüllt er. Ja, er schießt sogar über dieses Ziel hinaus. In seinem Konzern ist er nicht nur irgendein Angestellter, sondern er ist Teil des unteren Managements und leitet ein 10-köpfiges Team, Praktikanten nicht mitgerechnet, engagiert drei externe Dienstleister, von denen jede ihrerseits vier Personen abgestellt hat, um ihm zuzuarbeiten. Das berechtigt ihn zu einigem: einem eigenen Büro mit portabler Klimaanlage, von zu Hause aus zu arbeiten, zu einem Firmenwagen, den er selbstverständlich für alle privaten Wege nutzt, und es berechtigt ihn vor allem dazu, seine 34 Tage Urlaub im Jahr beliebig auszudehnen, sich also an Tagen das zu nehmen, was fehlt – unangemeldet und ungenehmigt. Bei all der Schufterei stehe ihm diese Freiheit zu – findet er.

Im Schutz des Firmenwagens

Wenn also nicht Gutzkow, wer dann sollte allen Grund haben, sich schon in relativ jungen Jahren gemütlich zurückzulehnen – und es sei vorweggenommen, dass er dies auch gerne tut am Ende eines jeden anstrengenden Arbeitstages zwischen Viertel vor sechs und punkt sechs in den Sitz seines Leder gepolsterten Firmenwagens und zwar dann, wenn er auf der Fahrt heim zur Lebensgefährtin und zur gemeinsamen Katze ist. Hier im Sitz reiht er vor seinem geistigen Auge alle seine Heldentaten vom Tage auf. Sich im Rückspiegel tief in die echten grünen Augen blickend, lächelt er sich überlegen zu.

Das ist der Rückspiegel seines Firmenwagens

Übrigens, einmal hat ihm dieser Tick seine Fahrerlaubnis gekostet. Zugegeben, es war zusätzlich kiloweise Alltagswut im Auto. Die Fliegkraft des Wagens war kaum zu kontrollieren. Nach diesem schrecklichen Desaster des gesetzlich verordneten Fahrentzugs zog er in Erwägung, seiner Gedankenwelt des Morgens zwischen Viertel nach neun und halb zehn nachzuhängen. Zum Scheitern war dies aber bereits schon mit dem ersten Aufflammen dieser seiner Idee verurteilt, denn um diese Zeit ist der Teamchef einfach noch zu müde. Wovon? Eine berechtigte Frage, so genau weiß das eigentlich keiner, sein Team nicht, sein Vorgesetzter nicht, seine Kollegen aus dem unteren Management auch nicht. Der Gutverdiener bleibt indes dabei, es komme vom anstrengenden Vortag, wenngleich sogar die Lebensgefährtin ihre Zweifel hat. Wie auch immer, der Held bevorzugt eben den Abend.

Die 3 von HR

Wenn man Gutzkow besser kennt, ist auch das nachvollziehbar, durchaus. Beschäftigen wir uns doch ein wenig mit ihm. Wollen wir in seinen Bassin springen, dessen oberer Rand die morgendliche Müdigkeit, dessen unterer das abendliche Hochgefühl markieren und in der Mitte seine Ideale schwimmen, die links und rechts vom Korrektiv seiner bäuerlichen Erziehung in Schach gehalten werden. Da vorne, das ist zum Beispiel das Umfeld, in dem er tagsüber agiert, ein sehr innovatives, das ihm hohe Flexibilität, Effektivität und dynamische Transparenz abverlangt, und damit sind wir schon mittendrin, denn er leitet die fünf strategischen Säulen der Abteilung Krebs und Hormone.

Die Aufgaben prasseln unvorhergesehen auf ihn ein, aus allen Unternehmensbereichen, und damit sind wirklich alle gemeint. Der kleine Mitarbeiter aus der Poststelle, solcher Worte bedient er sich gerne, hat ebenso Zugriff auf ihn wie die gesamte Ge-Ell. Die umsatzstärkste und für die deutsche Organisation wichtigste Abteilung Finanzen und Vertrieb will genauso ad-hoc wissen, wie er denn gedenke sie mit ihren innovativen Themen zu positioniert wie dies die drei Damen vom Ha-Err-Grill wollen. Wenn eine Abteilung dann also bei ihm anfragt, bedeutet das für unseren Spezialisten vor allem eines: schnell und integriert handeln, aus dem Stehgreif. Wundert es also, dass er zu jedem Zeitpunkt des Tages genau wissen will, welcher seiner Mitarbeiter gerade was macht? Schließlich obliegt es ihm, die Aufgaben sinnvoll zu delegieren. Zwar ächzt sein Mitarbeiterstab unter diesem Zwang, was verständlich ist, was aber – seiner Auffassung nach – nur einmal mehr beweise, dass meine Leute nicht im mindesten erahnen, wie hoch der Druck ist, der auf mir lastet. Und deshalb verbringt der Manager sehr viel Zeit damit, sich bei seinen Mitarbeitern Up-to-Date zu halten, was nichts anderes bedeutet, als dass Gutzkow mehrere Stunden seiner, wie er findet, kostbaren Arbeitszeit dafür opfert, sich in den Zimmern seiner Mitarbeiter dort abholen zu lassen, wo sie mit ihren Projekten gerade stehen. Will sagen, sie müssen mehrmals täglich replizieren, was sie in dem Moment gerade machen, da er bei ihnen im Türrahmen stecken bleibt.

Er hat sie also alle im Griff. Wenngleich er diesen Begriff nicht mag, er ihn aber gegenüber Nachbarn und  Freunden gerne verwendet, denn er findet trotz seiner Vorbehalte diesem gegenüber, dass der die Situation doch am treffensten zusammenfasst. Dies Verhalten, so wird gemunkelt, habe dem Gutzkow den Spitznamen Kontroletti eingebracht. Ach Gott, wie würde er reagieren, bekäme er davon Wind? Na egal, denken wir uns jetzt ein wenig in den Prozess ein, der abzuarbeiten ist, wenn also eine Aufgabe ansteht.

Olympia, das Reh und ein Lösungsprinzip

Flattert eine solche unvorhergesehen auf seinen Tisch, kann er Dank der sorgfältigen Vorarbeit gleich zum Hörer greifen und den in Frage kommenden Mitarbeiter oder Mitarbeiterin um fünf Minuten Zeit bitten. Der lässt sodann alles stehen und liegen, macht sich auf ins Büro seines Managers. Der bittet ihn zunächst, die Türe von innen zu schließen und sich zu setzen. Unser Manager der unteren Ebene beginnt dann zu erläutern, was ansteht, listet alle Key-Facts auf, erklärt ein wenig die Hintergründe des zu erledigenden Projektes, fragt, ob alles verstanden sei, der Mitarbeiter nickt, geht zurück an seinen Platz. Nun beginnt für den Gutzkow die bohrende Zeit des Wartens, nämlich auf den Zeitpunkt der Erledigung und Abgabe. Er öffnet also erst mal sein Fenster, um frische Luft rein zu lassen und genehmigt sich sein Pausenbrot sowie zwei, drei süße Snacks – Vollmilch ist seine Lieblingsvariante, das gestand er um eine Weihnachtszeit herum einmal einer seiner Mitarbeiterinnen, die Uhr hat er dabei fest im Blick. Bald schaut er nostalgisch in seine leere Brotbox, lässt den Blick dann gern von da aus über den ansteigenden Hügel vor seinem Fenster schweifen, beobachtet ein Vöglein, wie es dünne Zweige für den Nestbau sammelt. Und die Schmetterlinge, die um die Wette fliegen, erinnern ihn an Synchronschwimmerinnen bei der Olympiade, deren grazile Bewegungen er schon lange bewundert. Einmal hat er beim Warten sogar ein Reh an seinem Fenster vorbeilaufen sehen dürfen, welch schöner Anblick dies war.

So lieblich schaut es drein

Von dem lieblichen Braun der Augen schwärmt er noch immer in Gedanken, sein Blick klettert noch weiter hinauf auf den Hügel, wo dort oben, ganz hoch hinter den dichten Laubbäumen ein kleines Schlösschen mit zwei Erkern und Zinnen, dunklen Fensterchen und einer Wendeltreppe, die von Außen den Zugang in die oberen Etagen erlaubt, stehen soll. Wenn er sich dann, im Tal sitzend, dort hinauf träumt, wünscht sich unser Gutzkow, er hätte den Abgabetermin früher gesetzt, damit er vielleicht heute noch hoch zum Schlösschen könne, er schaut, nicht nur deshalb, regelmäßig auf die Uhr.

Kurz bevor es dann soweit ist, erinnert er den Erlediger oder die Erledigerin nochmal knapp elektronisch an die bevorstehende Abgabe und fordert bei der Gelegenheit einen Zwischenstatus ein. Wenn der per Mail dann in seinem Postfach aufleuchtet, weiß er, dass das größte Stück Wartearbeit jetzt und Gott sei Dank hinter ihm liegt. Er steht auf, öffnet seine Bürotür wieder, schreitet zurück zum Platz, zupft das Hemd und bringt sich sitzend und einem Manager angemessen in Stellung. Kurz wird der Raum mit Blicken sortiert und im Geiste abgemessen, er rutscht nochmal zwischen beiden Lehnen hin und her, die Spannung steigt.

Pünktlich steht sein Mitarbeiter dann im Zimmer, er möge doch näher kommen und mit der Präsentation beginnen. Als erstes legt der Fleißige seine Umsetzungsstrategie dar, beschreibt die Rahmenbedingungen, dann folgt ein Abstecher zur Marktbetrachtung und das Lösungsprinzip, das er der erledigten Aufgabe zu Grunde gelegt hat, nun die Abschlussrede. Fertig.

Was den Gutzkow stören kann

Der Erlediger ist stolz auf sich, eine so aufwendige Textarbeit in so kurzer Zeit getan zu haben. Wir dürfen somit annehmen, dass der Mitarbeiter ihm dankbar wäre, wenn er diese jetzt schnell absegnete. Aber zunächst einmal wird es still im Büro, nur das Vöglein von eben ist zu hören, das zwitschernd seine Baumaterialien sammelt. Irgendetwas scheint den kleinen aufgeschreckt zu haben, der Gutzkow fühlt sich von dem lauten Zirpen gestört. Wirsch bittet er den Erlediger, sich erst einmal zu setzen. Dann fragt Gutzkow indifferent und doch punktgenau nach, der Mitarbeiter beantwortet die Frage ordentlich. Wieder Stille. Gutzkow fragt ein zweites Mal nach, versteht die Umsetzungsstrategie und die gewählte Lösung nicht. Wieder stille Stille. Dann, sagt Gutzkow, habe er, wenn das so sei, die Logik innerhalb des Erledigten im dritten Teil, zweiter Absatz überhaupt nicht verstanden und das Teammitglied ist nun wirklich froh, zu sitzen, erklärt ihm die Worte und deren Zusammenhänge, bezieht sich auf seine Marktbetrachtung, das Lösungsprinzip und die Gutzkow’schen Key-facts. Aber der Gutzkow schüttelt sein gestresstes Haupt, erst unmerklich, langsam, schneller, schaut ihn an und fasst alles, sicherheitshalber mit seinen Worten noch einmal zusammen. Und die Stelle, an der die Logik einen Sprung hat, wiederholt er zwei Mal mit eingehender Stimme, die lauter jetzt als zuvor ist. Könne sein Mitarbeiter ihm folgen, wird gefragt. Das könne er, ja durchaus, doch in Wirklichkeit hat der noch nicht einmal verstanden, was Gutzkow denn eigentlich nicht verstanden hat, pflichtet ihm aber bei, was den Manager animiert, eine langatmige Grundsatzerklärung mit genauen Vorgaben hinterherzuschieben, Wort für Wort. Abschließend sagt er: „Da musst du nochmal nachbessern, bis wann?“

Die Suche beginnt

Dieses Prozedere wiederholt sich drei bis fünf Mal bis das ad-hoc Projekt ad-hoc fertig ist. Gutzkow wartet und wartet und wartet, schaut aus dem Fenster, isst was und wartet. Nun wird klar, warum unser Gutzkow des Morgens nicht aus den Puschen kommt und erst am Abend seiner Gedankenwelt nachhängen kann, denn dies komplexe Projektmanagement erfordert ein hohes Maß an Konzentration. Dennoch, die Zweifel der Freundin, des Vorgesetzten und der Mitarbeiter ob des Grundes für seine morgendliche Müdigkeit sind mehr als verständlich. Bitte aber, wollen wir nicht richten über jemandes persönliche Belastungsgrenze, die beim Gutzkow eigentlich gar nicht so niedrig liegt, mag sein, dass sie mit den Jahren nach unten gerutscht ist, natürlicherweise aber hält er viel aus, mit einer Ausnahme, nämlich seine Brotbox.

Auf sie reagiert er eher emotional, was ihm mit den Jahren eine fantastische Erweiterung um mehr als das übliche Jahreskilo beschert hat. Auf diese Box mit Gleichgültigkeit zu reagieren, kann er nicht. Ihr kann er nicht widerstehen. Wollen Sie einmal staunen? Dann vergleichen Sie das Bild auf Seite zwei des hausinternen Magazins, das Gutzkow als Siebzehnjährigen zeigt, mit einem aktuellen, beispielsweise mit dem auf der Internetseite der Firma. Ein schmaler Nager schaut uns da beim Durchblättern des Magazins an.

Durchblättern wir das Magazin

Unter einem so zierlichen Kinn kann kein Bäuchlein kleben. Jedes der beiden Bilder spricht aber für seine Zeit und die Umstände, die den Protagonisten begleiteten, das muss fairerweise gesagt sein. Und weil dem Gutzkow seine Persönlichkeit eine ist, die mehr Nahrung will, wenn sie zufrieden ist, sieht er heute so aus, wie er aussieht. Das Nagerbild wurde übrigens kurz nach seinem Ausbruch aufgenommen. Wenngleich er sich damals als Siebzehnjähriger noch in der Lehre zum Einzelhandelskaufmann im Schraubenladen befand, prägten viele Umwälzungen, Anspannungen und Ungereimtheiten seinen Alltag. Er war seelisch und körperlich stark involviert. Er war unzufrieden mit seiner gesamten Situation und ständig auf der Suche nach Auswegen.

Teil2
Denn sein Vorgesetzter und Ladeninhaber verlangte ein 1A Schraubensortiment. Da hatten die neun Millimeter Schrauben verflixt und zugenäht nichts, aber auch gar nichts unter den 7 Millimetern verloren. Und auch die Listenpflege der Bestellungen und Retouren war peinlichst genau einzuhalten. Toiletten putzen, Hof fegen sowie Flur und Eingangsbereich des Verkaufsraumes sollte er auch sauberhalten. Er musste sich, wenn Kundschaft kam, in ein hinteres Zimmer begeben, um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Er sollte der Frau des Ladenbesitzers beim Einkauf helfen.

Damit war gemeint, ihr die Taschen, Tüten und Kisten zu tragen. Dass er den Lieferwagen und auch ihr Auto putzen musste, gehörte ebenfalls zu den Pflichten eines Auszubildenden in einem kleinen Dorf. Kaffee kochen und kopieren musste Gutzkow aber nicht. Sein Vorgesetzter trank nur schwarzen Tee. Und Kopiergeräte gab es damals noch gar nicht. Was auch immer der trinken und kopieren wollte, darum kümmern musste Gutzkow sich nicht.

So mürrisch sah Gutzkow’s erster Vorgesetzter drein: der Ladenbesitzer.

Aber nicht nur das frustrierte ihn, auch Mutter und Freundin nahmen mehr, als sie gaben. Aus dieser Mühle wollte Gutzkow raus. Sein Appetit wurde immer schlechter, er magerte zusehends ab. Diese ganze Situation frustrierte unseren noch sehr jungen Helden sehr und bewahrte ihn vor einem runden Bauch. Und was ihn auch davor bewahrte, war, dass er eigentlich raus aus dieser Mühle und aus diesem Trott wollte. Er wollte es anders haben als sein Vater und seine Mutter, und vor allem wollte er es anders machen als seine Brüder. Aber wie sollte er das nur anstellen? Er hatte ja nur den Hauptschulabschluss und dementsprechend keine Bildung, seine dörfliche Herkunft verriet ihn auf Schritt und Tritt. Und noch dazu seine ausgeprägte dialektale Spracherziehung. Geld war auch keins da. Alles Ersparte hatte sein Vater entweder versoffen oder verspielt.

Um weiterzukommen brauchte man andere Voraussetzungen. Diese Weisheit hatte er aus den Magazinen gelernt. Was dem Vater der Alkohol und das Glücksspiel war, waren für unseren jungen Gutzkow seine Magazine, die er wie ein Neurotiker durchblätterte. Sie waren seine Sucht. Er las sie oft und viel. Es waren hauptsächlich Motorsport Magazine. Ab und zu waren auch mal zwielichtigere und doppeldeutigere dabei. Es spielt aber keine Rolle, welcher Natur sie waren. Festzuhalten ist, dass Gutzkow, alles glaubte, was er da las. Er kam gar nicht auf die Idee, den Inhalt seiner Glitzerwelt anzuzweifeln. Und so hatte er sich in den Jahren seiner Jugend ein Bild von seiner Zukunft gemacht, das er eisern verfolgte. In diesen Magazinen fuhr Jedermann mit teuren Autos herum. Jeder hatte eine tolle Frau an seiner Seite und jeder verdiente sehr viel Geld. Und Frauen sahen in seinen Augen bombastisch aus mit nur einer Funktion. Gutzkow dachte, wenn er nach Arbeitsschluss im Schraubenladen die neueste Ausgabe zu Hause durchblätterte, dass genau dies das Leben sei, das sich jenseits der engen Mauern seiner Welt abspielte. Eine tragische Annahme, die sein Leben verhunzte.

Er will raus aus dem Trott

Wir können festhalten, dass diese Magazine eine gewisse Vorbildfunktion für ihn hatten. Diese Magazine halfen ihm. Aus diesen Magazinen zog er seine Inspiration, wie er die Öde des Kleinstdorfs, des Kleinstlebens, der Kleinstliebe verlassen könnte. Nicht nur aus den tollen Hochglanzbildchen zog er sie. Auch die Geschichten und vor allem die Serviceseiten dieser Magazine hatten ihren inspirierenden Anteil daran.

Ein Beispiel: Gutzkow las auch die SUPER. In der Super wurde wirklich alles als super dargestellt. Die Super war ein Männermagazin für solche Männer, die sich nicht trauten, den Palyboy zu kaufen. Weil sie vielleicht Angst hatten, am Kiosk beobachtet zu werden. Oder weil sie den Playboy nicht zuhause rumliegen lassen konnten, weil Frau und Kinder auch dort waren. Oder weil eine Mutter noch herumsprang. Oder oder oder. Die Super half genau solchen Männern. (Wenn sie, liebe Leser, sich für die Super interessieren, schreiben Sie mir eine Mail und ich schicke Ihnen eine detaillierte Beschreibung und wie und wo Sie sie beziehen können.)

Doch zurück zu diesem tollen Männermagazin. Damals gab es dort also auf der vorletzten Seite eine regelmäßige Kolumne mit Hotline. (Diese Hotline gibt es jetzt nicht mehr.) Rief man da an, klingelte es bei Herrn Dr. Wohl in Tübingen. Er beantwortete alle Männerfragen, wie zum Beispiel: Mein Opel stottert, woran kann das liegen? Meine Frau ist regelmäßig schlechter Laune, woran kann das liegen? Unser Hausverwalter will mehr Miete, woran kann das liegen? Ich will mehr als nur mit meiner Frau vorm Lichtausmachen reden, woran kann das liegen? Naja, für solche Themen war Dr. Wohl am anderen Ende der Leitung in Tübingen sitzend zuständig. Eines Tages griff also auch unser Gutzkow zum Telefonhörer und stellte ihm diese Frage: Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut, woran kann das liegen, Herr Dr. Wohl? Und das, was Herr Dr. Wohl dann sagte setzte Gutzkow um.

Dr. Wohl

Und das ging so: Zunächst möge er bitte die Freundin aus seinem Leben verschwinden lassen. Zu dieser Konklusion kam Dr. Wohl, nachdem der Gutzkow ihm die Situation en Detail beschrieben hatte: ((Eingehochdeutscht)) Drei Jahre sind wir jetzt schon ein „Paar“. Sie ist wie eine Weihnachtsgans, vollgestopft mit Plänen, die mir zuwider sind. Sie hat mich verplant: In einem Jahr die Vaterschaft, bald soll ich Besitzer eines Kleingartens und Mieter der oberen Etage im Elternhaus im Architekturstile der 50er Jahre sein.

Und so erzählte der Gutzkow dem Doktor in Tübingen an der Hotline haargenau von seinen Lebensverhältnissen. Ich möchte das Gesprochene mit meinen Worten wiedergeben, weil es kein Vergnügen wäre, den Gutzkow zu zitieren. Wie gesagt, ein Schwabe, den nur ein Schwabe versteht. Sogar eine Schwäbin hätte Schwierigkeiten.

Dr. Wohl aus Tübingen kann Mut zusprechen, auch dem Gutzkow

Was der Gutzkow dem Dr. Wohl erzählte, war dies hier: Der Vater meiner Freundin hat beim Bau im Jahr 1953 vorsorglich alle Stockwerke familiengerecht ausstaffiert. „Ma waas nie waas köömt“, damit rechtfertigte der Alte alle seine Taten. So also auch diese seine sehr frühe Wundertat im eigenen Hause für die Gerti, die noch anstand. Damals 1953 war ja an sie, die mal einen Gutzkow anschleppen würde, noch lange nicht zu denken. Denn dieses Töchterlein kündigte sich erst 13 Jahre nach gesagter Plattitüde des Vaters an, also 1966. Mitgeteilt von Irmtraud (Irmi), seiner Gattin und der Mutter des künftigen Lebensstricks von unserem verkorksten Helden. Dass diese Tochter käme, sagte die Irmi dem Alten (der übrigens Hochpa hieß) in der Küche des Mittags. Irmi blieb dabei nüchtern und hielt sich kurz: „De Dochda kimt bold doniedaa“. Ihr Bauch war schon lange rund, doch dem Hochpa war das entgangen. Irmi und Hochpa benannten das Töchterlein Gerti. Und Gerti war ja dann die Schlinge unseres Helden Gutzkow, aus der er auf Anraten von Dr. Wohl 16 Jahre später seinen Kopf beim Dorffest zog. Am Karussell im Mai 1982.

Teil 3

Dort am Karussell knallte er dem Mädchen also das Ende der gemeinsamen Liebelei vor die Füße und zwar directamente in den Matsch. Es hatte am Nachmittag geregnet. Und weil das Fest auf einem großen unbefestigten Rasenplatz stattfand, war der Untergrund nass, dreckig und schmierig. Es lagen auch tote Regenwürmer zwischen den versauten Grashalmen. Am Boden konnte nichts mehr gedeihen. Alles war tot. So auch die Liebe der beiden. Zumindest entnahm man das dem Gezeter der kleinen Gerti, die ihren Gutzkow so gar nicht mehr verstand. Ja, sie kapierte zuerst nicht, was er ihr sagen wollte. Schließlich hatte sie so viel mit ihm vor. Noch nie hat er sich gewehrt. Seine plötzliche Ansprache hat sie intellektuell überfordert. Sie lachte zuerst hysterisch und wiederholte ihre Planung. Gutzkow aber glotzte nur runter auf den Dreck, auf dem er stand. Ihre Hysterie indes war nicht zu bremsen. Sie weinte und wehklagte, sie war mit ihrer Mädchenstimme in der Lage, sogar die Musik zu übertönen, die vom Karussell kam. Sie weinte und jammerte und jammerte und weinte.

Der Gutzkow drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Er ließ sie unvermittelt im Matsch stehen. Was aus ihr geworden war, erfuhr er zufällig viele Jahre später. Gutzkow lief erleichtert davon – nach Hause. Unbemerkt von seiner Mutter ging er in seine Kammer und verschloss sich dort. Zog den Vorhang zu, legte sich auf sein Bett und genoss, was er getan hatte. Er war erleichtert und voller Tatendrang. Das war gegen 19 Uhr. Und es machte Pling in seinem Kopf. Mit diesem nur für ihn hörbaren Pling war klar: Jetzt geht es der Mutter an den Kragen. Die war in seinen Augen nämlich noch schlimmer als die mit Plänen  vollgestopfte kleine Gerti. Die Mutter war eine Nervensäge. Auch wenn Gutzkow ihr Lieblingskind war, hasste er sie zutiefst.

Viele Stricke lagen ihm um den Hals.

Wurzel dieses Hasses war das Ereignis auf dem Dach in der Schule gewesen. Da war der Gutzkow 15 Jahre alt. Damals war ihm ihr verschlagener Verstand zwar noch nicht voll bewusst. Sie benahm sich zu perfide, als dass ein 15-jähriger die echte Mutter entdecken könnte. Und an diese Geschichte musste der Gutzkow hier auf seinem Bett liegend ganz intensiv jetzt in diesem Moment denken. Jede Einzelheit zeigte sich in seinem Kopf. So unvermittelt, dass er selber nicht verstand wie ihm geschah. Manchmal muss eine große Tat daherkommen, damit längst vergessene Erfahrungen erscheinen und verarbeitet werden können. Der Lehrer Loht stand auch im Mittelpunkt seiner Gedanken.

Der Lehrer Loht

Gutzkow war mit 15 Jahren in der zehnten Klasse. Der Jugendliche hatte sich eine besondere Gabe zugeschrieben: Er hielt sich für sehr schreibbegabt. Der Lehrer Loht sah das anders. Er ermahnte den Gutzkow immer und immer wieder, er möge an seinem Ausdruck, seiner Grammatik und auch an seinem Sprachduktus arbeiten. Jede Klassenarbeit wurde dem Gutzkow vom Lehrer Loht mit einem Ausreichend goutiert. Der Gutzkow ging dann zur Mama und heulte sich bei ihr aus. Und die Mama musste ja um seine wahren Talente besser Bescheid wissen als der dumme Herr Lehrer Loht, der sich in den Augen der wirklich schlecht gebildeten Mutter nur einen Namen im Kollegium machen wollte. Was das eine mit dem anderen zu tun hat fragen Sie jetzt, liebe Leser? Eigentlich gar nichts. Aber die dumme Mutter vom Gutzkow sponn sich diese Geschichte zurecht. Denn nach Meinung der Mutter war der Lehrer angeblich selber erpicht darauf, ausgerechnet die Hochbegabten auszusieben. Nach ihrer Theorie duldete er so wenig Talente in seiner Klasse wie möglich, um nämlich seine hervorragenden Fähigkeiten als Lehrkraft unter Beweis zu stellen.

Dazu muss man wissen, dass die Schule vom Gutzkow ein geheimes Lehrer-Ranking eingeführt hatte, um das Niveau der Schule anzuheben. Jeder schlechte Schüler musste verbessert werden. Indiz für diese Verbesserung waren bessere Noten. Es ging um diese nachweisbare Bewegung in der Notenskala nach oben. Es spielte keine Rolle, ob Schüler gute Noten mitbrachten. Nein, es musste eine Verbesserung sichtbar sein. Laut Mutter gab der Herr Lehrer Loht dem Gutzkow nur und ausschließlich deshalb schlechte Noten, um eben seine eigene schlechte Qualität als Lehrkraft besser dastehen zu lassen und um im Ranking fix einen vorderen Rang einzuheimsen. Der Lehrer Loht hätte laut Mutter vom Gutzkow dem Jungen schlechte Zensuren verpasst, um durch Ermahnung beschriebenen Sprung nach oben in der Skala auch bei ihrem aus ihr gekrochenen Talent zu erreichen. Naja, wie dem auch immer gewesen sein mag. Der Gutzkow jedenfalls war sehr betrübt über diese Notengebung. Und anstelle zu versuchen, das Urteil des Lehrers Loht anzunehmen, anstelle sich zu besinnen, ob der Lehrer Loht nicht doch die Wahrheit sprach, und ob er dem Gutzkow nicht doch vielleicht einen ernst gemeinten Rat erteilte, begann der Gutzkow sich in die Sache hineinzusteigern. Und so begann der wollene Faden seines Lebens wie folgt sich in einer Sackgasse zu verheddern.

Es gab mal wieder die Deutschklassenarbeiten zurück. Diesmal kassierte der Gutzkow einen Fünfer – zum ersten Mal. Als er das hörte, sackte er am Tisch in der Schule zusammen. Sein Nachbar wollte ihm hoch helfen. Der Gutzkow lehnte diese Hilfe aggressiv ab und sagte ihm scharf, er möge ihn nicht anfassen. In seinem Kopf stand fest, „Jetzt reicht es, Loht!“ Gutzkow sammelte sich innerlich, stand entschlossen vom Boden auf, stellte sich selbstbewusst hin und begann, sich lächerlich zu machen. Er konfrontierte den Lehrer nämlich mit der Theorie seiner Mutter vor versammelter Mannschaft. Die Schüler hatten noch nicht einmal Lust zu kichern, und auch der Lehrer Loht sah verdattert drein und schüttelte den Kopf. Dabei ging er auf den Gutzkow zu und sprach Worte der Beruhigung. Gutzkow begann, wütend zu schnauben und sah den Lehrer hasserfüllt an und sagte ihm: „Ihnen zeige ich es.“ Dann lief er aus dem Klassenzimmer raus. Der Lehrer versuchte, ihn zum Bleiben zu überreden. Zwecklos. Gutzkow verschwand, knallte die Türe des Klassenzimmers zu und war weg. Herr Loht eilte ihm hinterher. Er dachte noch, ihn auf dem Flur zu erwischen, aber dort war Gutzkow nicht mehr. Herr Loht ging irgendwie traurig zurück in seine Klasse und fuhr mit dem Unterricht fort. Nach zwei weiteren Dreiviertelstunden klingelte es endlich zur großen Pause. Alle Schüler strömten aus den Räumen. Jeder hatte es eilig. Und keiner dachte mehr an unseren Helden.

Gähnende Leere im Klassenzimmer. Alles sind auf dem Hof und lachen sich kaputt.

Keiner von seinen Mitschülern hatte sich gefragt, wo er wohl abgeblieben gewesen sei. Außer dem Lehrer Loht. Der eilte durch die Gänge, graste die Toiletten ab, ging sogar in den Keller, weil er befürchtete, unser Held hätte sich etwas angetan. Doch nirgends war eine Spur vom Gutzkow. Bis er auf dem Pausenhof ankam. Was er dort sah, war entsetzlich. Es schien als hätten sich alle Schüler mitten auf dem Platz zusammengerottet und blickten nach oben. Einige fassungslos, andere belustigt, andere grölten, andere waren stumm wie Herr Loht. Der Gutzkow hatte sich nämlich auf dem Dach der Schule verschanzt und stand auf einem Laken, das er von oben herunterhängen ließ. Das war seine erste Gedichtveröffentlichung. Sich benutzte er dabei als mittigen Beschwerer, rechts und links auf den Tuchenden hatte die Mutter Klassenstühle gestellt. Natürlich hatte auch sie ihre Finger mit im Spiel.

So saß er stolz auf seinem Erstlingswerk. Es sollte ihn als hochbegabten Literaten auswiesen. Seine Lyrik betitelte er so: Aus dem Leben eines Dichters. Dann folgten seine Zeilen. Die beiden Stühle standen um die drei Meter auseinander. Und die Frau Mutter, was tat sie da oben?  Mit einem Megafon sprach sie alle unten auf dem Pausenhof an, namentlich den Lehrer Loht. Sie schrie: „Loht, gib zu, dass mein Sohn ein Schreibtalent ist! Nimm deine Noten zurück. Er hat Einser verdient!“ Dies wiederholte sie immer wieder und immer wieder. Gutzkow blieb regungslos zwischen den Stühlen stehen.

Alle unten auf dem Hof versuchten, die Situation zu entschärfen. Baten beide inständig, vom Dach herunterzukommen. Aber Mutter und Sohn blieben stur. Er stand auf seinem Gedicht und sie wiederholte ihre Forderung. Derweil lachten die ersten unten auf dem Hof. Sie grölten und beschimpften den Gutzkow, wie lächerlich er sich doch mache. Er möge da runter kommen. Einer schrie: „Oder willst du in die Halde?“ Die Halde war ein Synonym für eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie in der Stadt. Und je unbeweglicher sich der Gutzkow gab, umso mehr begannen seine Mitschüler ihn zu verspotten. Die Stimmung war explosiv.

Gutzkow begann, von oben herunter zu schreien. „Lest euch mein Gedicht durch anstatt zu lachen!“ Doch niemand hörte ihm zu. Sie lachten und grölten nur noch lauter. Der Hof füllte sich mit immer mehr Schülern. Dann kamen auch die Lehrer dazu. Und dann hörte Gutzkow Feuerwehrgetöse. Seine Mutter brüllte ihm zu: „Junge, du bleibst da stehen bis ich dir sage, dass du verschwinden sollst.“ Und so stachelte sie ihren Gutzkow mit sehr strengen Worten immer weiter an. Durch ihr Magafon schrie sie in die Menge: „Blääds Pack ihr dounda.“

Und plötzlich wurde es dem Gutzkow schwindelig. Ihm wurde mental übel. So lässt sich das beschreiben, was er fühlte. Es war eine Übelkeit, die nicht vom Magen kam, eher eine, die von der Situation kam, in der er sich befand. Diese Übelkeit zerfraß ihn von innen. Er musste sich hinsetzen, doch die Mutter untersagte es ihm durch’s Megafon: „Steh auf, Bub. Los!“ zischte die dumme Schlange. Doch Gutzkow wurde schwarz vor Augen, er berappelte sich noch einmal, begann zu weinen, er schwankte umher. Einer schrie hoch: „Mamasöhnchen, Mamasöhnchen……“ Dies Wort riefen dann zwei, drei, sechs und immer mehr. Sie sponnen ein Lied aus nur einem Wort. Die Menge applaudierte und sang derweil das Lied vom Mammasöhnchen. Irgendwie hörte der Gutzkow die Melodie von Alle meine Entchen daraus. Der Gesang wurde immer lauter und dröhnender und explosiver.

Es war als habe die Menge all ihre Wut, ihr Unverständnis über den Gutzkow in dieses Lied gepackt. Und als sei die Menge froh, dass sie ihren Gefühlen nun freien Lauf lassen konnte. Jeder einzelnen von ihnen beteiligte sich am Gesang. Und so stand der Gutzkow immer noch zwischen den Stühlen: Hier die Mutter, da die Angst vor der Ohnmacht und das Gefühl, aufgeben zu wollen, aber nicht zu dürfen. Dann die Angst vor der Blamage und das Wissen darum, dass es falsch war, was er tat. Er fühlte in diesem Moment nicht zum ersten Mal instinktiv, dass die Mutter Macht ausübte. Dass mit der Mutter etwas nicht in Ordnung war. Er hörte ihre Stimme von links zischen: „Zeig dänne goa Schwäsch, stell di hin, los!“ Er fühlte sich wie betäubt.

Ihm war so schwindelig, und er blickte wie eine Katze aus der Wäsche, die sich gleich übergeben musste.

Dann geschah, was der Lehrer Loht hatte kommen sehen. Der Gutzkow verlor sein Gleichgewicht. Er ließ sich irgendwie auch absichtlich fallen. Ob er sich verschätzt hatte oder ob er seinem Körper willentlich nachhalf ist wurscht, denn er kippte sodann vorne über und fiel vom Dach nach unten mit voller Wucht und Geschwindigkeit. Beim Fallen war er sehr geistesgegenwärtig und wickelte sich geschickt in das Tuch ein, auf dem er und das Gedicht gestanden hatten. Er fiel bedrohlich konkret in Richtung Gelächter. Dennoch atmete er während seines Fallens ruhig und genoss das ganze Drumherum auch auf gewisse Weise. Er sah die Leute auf sich zukommen mit ihren vor Schreck verzogenen Fratzen. Einige waren erstarrt.

Plötzlich konnte er in ihre Herzen schauen. Er sah was sie fühlten. Er tat ihnen Leid. Und das wollte er nicht. Er wollte keinem Leid tun. Warum auch? Er war vollkommen in Ordnung, auch im Fall. Er war hochbegabt und hatte Talente, von denen andere nur träumen konnten. Sein Schreibtalent zum Beispiel machte ihn sogar jetzt während seines Fallens sehr erhaben. Er dachte, wie er da so vom Dach plumpste, dass er eigentlich nach Oben hätte schweben sollen und nicht nach Unten fallen. So stolz war er! Nein, Leid tun musste er niemandem. Und er nahm sich vor, das allen zu vermitteln direkt nach seiner Landung, die er weich wähnte.

Seine Mimik verrät alles! Er ist sich seines Falls sicher.

Aber sie war hart, trotz dass er in das Flanelllaken und seine Literatur wie eine Wurst in ihrer Pelle eingewickelt war. Diese Landung war so hart gewesen, dass der Arzt später der Mutter sagte, er habe Glück gehabt, dass nicht noch schlimmeres passiert sei. „Noch schlimmeres? Was meinscht Dogdo?“ Der Doktor meinte damit, dass, wenn der Lehrer Loht ihren Sohn nicht aufgefangen hätte, der Gutzkow womöglich jetzt nicht mehr selber gehen könnte. „Bedanken Sie sich lieber bei Herrn Loht.“ Seine Mutter antwortete entsetzt: „Bei dännä bedanken? Wofür dobiddähschä? I bedang mi net bei eine dea dumm is“, versicherte die Alte

„Frau Gutzkow, der Lehrer war sein Schutzengel. Ich schlage vor, Sie gehen respektvoller mit ihm um. Ein toller Mann, dieser Lehrer. Er muss sich mit Psychologie auskennen, anders kann ich mir seine Gegenwärtigkeit nicht erklären. Es ist mir rätselhaft, wie er so rasch verstanden haben kann, was als nächstes passiert und sich genau an die richtige Stelle stellte, um ihren Sohn sanft in den Armen zu empfangen.“

Tja, Doktoren sind vielleicht manchmal Allesfresser, aber keine Alleswisser. Zwar wunderte der sich noch einige Tage lang über dieses glückliche Fügung. Des Rätsels Lösung aber blieb dem Doktorchen verborgen. Der Loht und er wurden sich nie so vertraut, dass der Loht ihm den Hintergrund für diesen siebten Sinn erzählen konnte. Denn der Doktor war dem Lehrer suspekt. Er habe etwas Faltiges im Blick, sagte er zu Frau Loht, nachdem er den Gutzkow mal wieder im Krankenzimmer besucht hatte und der Doktor gerade dabei war, Gutzkow und dessen Mutter die nächsten medizinischen Schritte zu erläutern.

Hätten sich beide doch bloß mal auf ein Bier getroffen oder zum Essen des Mittags verabredet, hätte der Doktor bestimmt schnell vom Lehrer Loht erfahren, dass er nicht nur ein guter Deutschlehrer war, sondern auch ein toller Psychologe wie er ja bereits richtig vermutet hatte.

Und Herr Loht hätte dem Doktor sicherlich auch erzählt, dass Psychologie sein eigentliches Hobby war. Und dass Frau Loht eine psychotherapeutische Praxis im gemeinsamen eleganten Eigenheim betrieb. Und dass beide dieses Eigenheim überstürzt gekauft hatten nachdem sie sich nach Jahren zufällig wiederbegegnet waren. Danach heirateten sie schnell und wollten sesshaft werden.

Der Doktor hätte weiter erfahren, dass Herr und Frau Loht sich an der Uni kennengelernt hatten. Im zweiten Semester als beide noch das Fachgebiet der Psychologie studierten. Doch Herr Loht hatte kognitiv schnell den Faden verloren. Das Studium wurde ihm zu kompliziert mit all der Statistik und der Rechnerei – zum Glück möchte man meinen. Er hantierte lieber mit der deutschen Sprache in dem Sinne herum, dass er sie anderen, jüngeren Menschen beibrachte. So trennten sich ab dem 3. Semester die universitären und schließlich vorerst auch die partnerschaftlichen Wege von beiden. Der Doktor hätte erfahren, dass Frau Loht sich bereits seit einer geraumen Zeit mit ihrem – Achtung jetzt wird es trivial – mit ihrem Dozenten vergnügte. Herr Loht hätte dem Doktor ausgeplaudert, dass er ganz vergnügt über diese Entwicklung gewesen war. Denn er selber traute sich nicht, ihr zu beichten, dass auch er sich schon sehr lange und sehr gerne um Corduleza kümmerte.

Cordulezas Strandträume

Corduleza war Brasilianerin. Herr Loht war eingefleischter Deutscher. Das, was Corduleza wollte, konnte Herr Loht ihr nicht geben. Sie wollte ein temperamentvolles Miteinander in allen Lebenslagen. Der Doktor hätte erfahren, dass Corduleza ständig vergessen hatte, dass sie sich nicht an der Copa Cabana befand, sondern in einem beschaulichen Studentenstädtchen in Süddeutschland. Der Doktor wäre verwundert gewesen, wenn Herr Loht ihm berichtet hätte, dass er sich gar nicht angestrengt hatte, um ihr zu gefallen. Er hatte einfach bald genug von Corduleza. Sie auch von ihm.

Dass auch diese Trennung Herrn Loht nicht deprimierte, hätte den Doktor wahrscheinlich nicht gewundert, weil er geahnt hätte, dass das Loht’sche Gemüt von beschwingter Natur war, der sich stets als Teil vom ganzen Schönen und nicht wie viele seiner Freunde und Kollegen als Teil von irgendetwas Schlechtem und Bösem sah. Und damit hätte der Doktor richtig gelegen. Denn Herrn Loht begleitet auch heute noch das Gefühl von

„Ich bin genau da, wohin ich gehöre.“

Das hätte er dem Doktor beim Bierchen alles erzählt, aber wie gesagt, die beiden wurden sich nie so vertraut, als dass es zu einer solchen Unterhaltung und Intimität gekommen war. Vielleicht hätte Herr Loht dem Doktor im Suff dann auch mal erzählt, wie er seine Ex wieder traf, also die heutige Frau Loht. Ja, ihr lest richtig! Damit ist die gemeint, die vor Corduleza sein Bad benutzte. Er traf die Ex als er nach langer Zeit mal wieder Bratwurst essend über den Erzeugermarkt schlenderte.

Die Bratwurst hat er sich bei Johann gekauft. Der verkaufte auch noch all den Jahren an seinem Stand seine Würstchen.

Corduleza hatte diesen Markt verabscheut. Plötzlich tippte ihm die heutige Frau Loht auf die Schulter. Beide umarmten sich  und wiederbelebten ihre gemeinsamen Rituale. Man traf sich hier, man traf sich da und irgendwann in einem Standesamt. Ein Kind kündigte sich an. Und dieses Kind wirkte sehr verhalten und auch ausgestellt. Etwas stimmte mit dem Bündel nicht. Herr Loht war gerührt, nicht verzweifelt über die Launen der Natur. Wie gesagt, er war ja immer genau richtig da, wo er war. Er betrachtete dieses Knäuel eher durch  eine wissenschaftliche Brille und war fasziniert von diesem Etwas.

Und hierin liegt des Rätsels Lösung. Das genau ist der Punkt, den der Doktor nie erfahren hatte, weil sich beide nie auf ein Bierchen trafen. In diesem Kinde ist die  große Zuneigung von Herrn Loht zum Gutzkow begründet. Der Gutzkow erinnerte Herrn Loht immer an sein eigenes verdattertes Kind. Und nur deshalb platzierte sich Herr Loht auf dem Hof so. Er sah kommen, dass Gutzkow vom Dach fallen würde und fing ihn auf. Und unser Held landete für Außenstehende unvermittelt in des Lehrers Armen wie ein Baby. Dass das die Mutter vom Gutzkow erzürnte, wundert uns jetzt auch nicht mehr bei allem, was wir aus dem Leben der beiden kennen. Den Krankenwagen wiederum hatte ein anderer Lehrer gerufen. Nicht der Loht.

Oder eine Lehrerin, das ist egal. Jedenfalls brachte dieser Wagen der Notfallambulanz den Gutzkow zur Heilung ins Städtische. Seine Rekonvaleszenz überdauert alle Zeit, sie endet nie. Endet eine Rekonvaleszenz von irgendeinem überhaupt irgendwann einmal? Der Gutzkow zumindest lag zwei Wochen auf einer Station. Die Mutter hatte sich ein Bett in sein Zimmer stellen lassen, um dem Fortschreiten der guten Besserung 24 Stunden am Tag beizuwohnen. Der Herr Loht besuchte seinen Gutzkow oft. Doch bald verriegelte die Mutter die Tür von innen. Da kamen auch die Ärzte und die Pflegeleute nicht mehr zu ihm durch.

Das war also das Ereignis auf dem Dach. Die Wurzel seines Hasses auf die Mutter. Da war der Gutzkow Jugendlicher gewesen als das alles geschah. Und hier auf dem Bett liegend (Teil 3)  – Sie erinnern sich? Er hatte soeben die Liebelei mit Gerti am Karussell beendet – hier nun auf dem Bette liegend besann er sich auf diese Geschichte. Und Gutzkow heckte einen Plan aus, wie er die Mutter loswerden konnte. Schließlich vertraute er auf den Rat von Dr. Wohl. Das, was Dr. Wohl zu diesem trieb, war nicht nur die Geschichte auf dem Dach. Es war viel mehr. Gutzkow hatte ihm auch das hier erzählt (eingedeutscht):

Die Mutter beobachtete jeden seiner Schritte, sah in seine Post und ordnete diese hin und her von oben nach unten, von rechts nach links, sprach mit dem Schraubenmeister, ob der Sohn sich denn auch ordentlich verhalte und benehme, und ob er sich einbringe in die Belange des Ladens, und klärte mit der Berufsschullehrerin am 30.eines jeden Monats peinlich genau die Notenlage und sein allgemeines Betragen. Kurz: Gutzkow lag ihr am Herzen. Ach, manchmal war es ihr als sei es erst gestern gewesen, dass sein kleiner Leib noch unter ihrem eigenen Herzen trat und zuckte. Ja, sie musste es sich eingestehen, wenn auch nur heimlich, Gutzkow war ihr Liebling. Überdies brachte sie ihm jeden Tag Punkt zwölf sein Mittagessen in den Schraubenladen. Sie bereitete auch gerne mal mehr für den Schraubenmeister vor. Auch er sollte sich satt essen können. Schließlich war er ja derjenige, in dessen Hand Gutzkows Karriere lag. Sein Tag war von drei Mahlzeiten bestimmt. Einem morgendlichen Imbiss, einer mittäglichen Gabe am Arbeitsplatz und einer abendlichen Kleinigkeit. Diese Kleinigkeit kann man sich vorstellen wie als dörfliche Symbiose aus Brot und Spiegelei. Die reichte sie dem Gutzkow um 20 Uhr.

Und das sah ungefähr so aus, wenn Mama-Gutzkow alles zubereitete.

Das Innere

Er nahm diese dörfliche Symbiose in der Küche zu sich. Die Küche befand sich genau unter seinem Zimmer. Sie war eingerichtet wie Küchen in den 50ern eingerichtet waren. Ein Holztisch mit einem weißen Furnier, der kleine graue Pünktchen hatte. Diese Pünktchen nahm man aber nur wahr, wenn man genau hinsah. Ansonsten wirkte die Oberfläche grauweiß. Dann gab es einen Herd an der rechten Wand. Über dem Herd hingen Schränke, in denen die Mutter das Geschirr aufbewahrte. Die großen Teller, die Frühstücksteller und ein paar Glasschalen standen im unteren Fach. Im Fach darüber fanden wir Suppenteller, Untertassen und die dazugehörigen Tassen. Das Besteck war im Stehschrank rechts vom Herd in der oberen Schublade. Gabeln, Messer, Suppenlöffel und Teelöffel waren also stets griffbereit. Die Küchenhelfer und großen Messer für Fleisch, Brot und Käse lagen in einer Schublade darunter. Unter dieser zweiten Schublade war Platz für Töpfe und Pfannen. Hier verstaute die Mutter auch zwei Vasen.

Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine Heizung. Um diese Heizung ranken sich vielerlei bizarre Geschichten. Angeblich hat sich ihretwegen die Katze das Leben genommen. Natürlich hat sich die Katze nicht willentlich das Leben genommen. Manischdepressive Katzen gibt es nicht. Den Hang zum Suizid schieben lediglich die Menschen vor sich her oder auch hinter sich her wie sie ihre Koffer an Flughäfen und Bahnhöfen hinter sich herziehen. Nein, die Geschichte mit der Katze hat sich anders zugetragen. Dennoch, wir könnten glauben, die Katze hätte sich das Leben wegen der Heizung genommen, wenn wir wollten. Und diese jene Heizung hat nicht nur das Leben der Katze beeinflusst. Sie hat auch dem Leben der Tante und dem Leben der Bäckersfrau eine individuelle Richtung gegeben. Dazu vielleicht später mehr.

Diese Katzen sind nicht lebensmüde, nur erschöpft.

Zurück zu unserem Helden. Gutzkow hatte sein Zimmer genau über der Küche mit der Heizung. Der Eingang zu seinem Zimmer befand sich gegenüber von ihrem Eingang und damit an ihrem nördlichen Ende. Wenn der Gutzkow nun hoch zu seinem Nachtlager wollte, musste er erst durch diese Küche und damit vorbei an der Mutter, denn die fuhrwerkte den ganzen Tag in ihrer Küche herum. Die Küche war ihr Reich. Die Tür zu seinem Zimmer war aus Holz und weiß gestrichen. Da gab es Verzierungen an der Tür, die so aussahen wie welche aus den 50ern. Eher provisorischer Schick.

Diese Türe war wie der Gutzkow. Blass, billig, mit schlechtem Lack überzogen.

Und um sie öffnen zu können, musste man ihr einen kleinen Tritt versetzen, denn sie verhakte sich sehr gerne an einer Stelle im unteren Türrahmen. Und so war ja auch das Gemüt vom Gutzkow gestrickt. Man musste ihm immer einen kleinen Tritt versetzen, damit er in Bewegung kam. Kam er aber dann in Bewegung, ließ er sich wie auch diese Türe schwerlich wieder schließen. Dann stand sie offen und all die Wärme, die sich in der Küche angestaut hatte, entwich diffus im Flur, der hinter ihr war und in dem eine Treppe zum Zimmer hoch in die erste Etage führte.

Treppauf war leichter als treppab

Alles war sehr eng in diesem Haus so auch der Flur und diese Treppe. Da gab es keine Fenster. Elektrisches Licht musste angemacht werden, um nicht zu fallen. Oder man ließ die Tür zur Küche offen stehen, damit etwas Natürliches den Flur erhellen konnte. Oder der Gutzkow ließ einfach das Licht seines Zimmers brennen. Zu was auch immer man sich entschied, wenn man oben angekommen war, befand man sich in Gutzkows Zimmer.

Zwischen Zimmer und Treppe gab es keine Extratüre. Man stand am oberen Ende der Treppe und war unvermittelt in Gutzkows Raum. Und der war kahl und kalt, keine Bilder, nur ein Fenster, das von einer weißen Gardine verdeckt wurde, rechts und links hingen leichte goudafarbene Vorhänge, die man zuziehen konnte. Es roch seltsam dort oben. Vor dem Fenster stand ein Tisch und am Tisch ein Stuhl aus wurstfarbenem Plastik. Stuhl und Tisch standen auf einem Teppich mit einem Muster aus einzelnen roten und gelben Blumen, die auf einem grünen Blättermeer zu liegen schienen. Über dem Stuhl-Tisch-Teppich-Arrangement hing die einzige künstliche Lichtquelle des Zimmers. Sie erleuchtete das Zimmer mit gewöhnlicher Leuchtkraft von Osram. War man also am oberen Ende der Treppe angekommen stand das Bett vom Gutzkow rechts. Es war aus Holz und wirkte sehr spartanisch. Am Kopfende gab es eine abschließende Holzplatte mit zwei Funktionen. Das Kissen konnte nachts nicht aus dem Bett fallen und der Einschlafenwollende konnte sich anlehnen, um noch ein Magazin zu durchblättern bevor er das Licht ausmachte.

Diese zweite Funktion hat Gutzkow aber nie genutzt, weil der Lichtschalter an der Wand war. Um diesen zu erreichen, hätte er wieder aufstehen müssen. Gerade im Winter war ihm das nicht gemütlich. Zwar war der Zwischenraum bis dahin nicht groß. Doch es war weit genug, so dass der Gutzkow lieber nur die eine Funktion der Platte nutzte: Dass nämlich sein Kissen nicht aus dem Bett flog, wenn er mal wieder einen wilden Traum hatte.

In dieses Zimmer jedenfalls, aus dem er auf die kleine Dorfstraße blicken konnte, wenn er abends und morgens durch die Gardine lugte, ging er nach dem Abendessen hinein und aus ihm heraus am Morgen, nachdem ihn die Mutter geweckt hatte. Sie weckte ihn jeden Tag, auch sonntags. Sie kam mit all ihrer nächtlich angestauten Mutterliebe die Treppe hoch, anzuklopfen gab es ja nichts, streichelte noch im Nachthemd selber seiend Gutzkow’s schlafende schwarze Locken und bat ihn aufzustehen.

Noch bevor der Wecker vom Gutzkow klingeln konnte tat sie das. Jeden Tag!

Teil 6 folgt