Geflügel Glück

Jetzt kennen wir den Loht und wissen, was der dem Doktor alles erzählt hätte, wenn, ja wenn, beide mal ein Bierchen zusammen getrunken hätten. Haben sie aber nie, deshalb weiß der Doktor das auch alles nicht, was wir jetzt wissen! Folge 5 wendet sich wieder dem Gutzkow zu.

[Autor möchte unbekannt bleiben – Teile 1,2,3,4, alle Episoden]
… oder eine Lehrerin, das ist egal. Jedenfalls brachte dieser Wagen der Notfallambulanz den Gutzkow zur Heilung ins Städtische. Seine Rekonvaleszenz überdauert alle Zeit, sie endet nie. Endet eine Rekonvaleszenz von irgendeinem überhaupt irgendwann einmal? Der Gutzkow zumindest lag zwei Wochen auf einer Station. Die Mutter hatte sich ein Bett in sein Zimmer stellen lassen, um dem Fortschreiten der guten Besserung 24 Stunden am Tag beizuwohnen. Der Herr Loht besuchte seinen Gutzkow oft. Doch bald verriegelte die Mutter die Tür von innen. Da kamen auch die Ärzte und die Pflegeleute nicht mehr zu ihm durch.

Das war also das Ereignis auf dem Dach. Die Wurzel seines Hasses auf die Mutter. Da war der Gutzkow Jugendlicher gewesen als das alles geschah. Und hier auf dem Bett liegend (Teil 3)  – Sie erinnern sich? Er hatte soeben die Liebelei mit Gerti am Karussell beendet – hier nun auf dem Bette liegend besann er sich auf diese Geschichte. Und Gutzkow heckte einen Plan aus, wie er die Mutter loswerden konnte. Schließlich vertraute er auf den Rat von Dr. Wohl. Das, was Dr. Wohl zu diesem trieb, war nicht nur die Geschichte auf dem Dach. Es war viel mehr. Gutzkow hatte ihm auch das hier erzählt (eingedeutscht):

Die Mutter beobachtete jeden seiner Schritte, sah in seine Post und ordnete diese hin und her von oben nach unten, von rechts nach links, sprach mit dem Schraubenmeister, ob der Sohn sich denn auch ordentlich verhalte und benehme, und ob er sich einbringe in die Belange des Ladens, und klärte mit der Berufsschullehrerin am 30.eines jeden Monats peinlich genau die Notenlage und sein allgemeines Betragen. Kurz: Gutzkow lag ihr am Herzen. Ach, manchmal war es ihr als sei es erst gestern gewesen, dass sein kleiner Leib noch unter ihrem eigenen Herzen trat und zuckte. Ja, sie musste es sich eingestehen, wenn auch nur heimlich, Gutzkow war ihr Liebling. Überdies brachte sie ihm jeden Tag Punkt zwölf sein Mittagessen in den Schraubenladen. Sie bereitete auch gerne mal mehr für den Schraubenmeister vor. Auch er sollte sich satt essen können. Schließlich war er ja derjenige, in dessen Hand Gutzkows Karriere lag. Sein Tag war von drei Mahlzeiten bestimmt. Einem morgendlichen Imbiss, einer mittäglichen Gabe am Arbeitsplatz und einer abendlichen Kleinigkeit. Diese Kleinigkeit kann man sich vorstellen wie als dörfliche Symbiose aus Brot und Spiegelei. Die reichte sie dem Gutzkow um 20 Uhr.

Und das sah ungefähr so aus, wenn Mama-Gutzkow alles zubereitete.

Das Innere

Er nahm diese dörfliche Symbiose in der Küche zu sich. Die Küche befand sich genau unter seinem Zimmer. Sie war eingerichtet wie Küchen in den 50ern eingerichtet waren. Ein Holztisch mit einem weißen Furnier, der kleine graue Pünktchen hatte. Diese Pünktchen nahm man aber nur wahr, wenn man genau hinsah. Ansonsten wirkte die Oberfläche grauweiß. Dann gab es einen Herd an der rechten Wand. Über dem Herd hingen Schränke, in denen die Mutter das Geschirr aufbewahrte. Die großen Teller, die Frühstücksteller und ein paar Glasschalen standen im unteren Fach. Im Fach darüber fanden wir Suppenteller, Untertassen und die dazugehörigen Tassen. Das Besteck war im Stehschrank rechts vom Herd in der oberen Schublade. Gabeln, Messer, Suppenlöffel und Teelöffel waren also stets griffbereit. Die Küchenhelfer und großen Messer für Fleisch, Brot und Käse lagen in einer Schublade darunter. Unter dieser zweiten Schublade war Platz für Töpfe und Pfannen. Hier verstaute die Mutter auch zwei Vasen.

Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine Heizung. Um diese Heizung ranken sich vielerlei bizarre Geschichten. Angeblich hat sich ihretwegen die Katze das Leben genommen. Natürlich hat sich die Katze nicht willentlich das Leben genommen. Manischdepressive Katzen gibt es nicht. Den Hang zum Suizid schieben lediglich die Menschen vor sich her oder auch hinter sich her wie sie ihre Koffer an Flughäfen und Bahnhöfen hinter sich herziehen. Nein, die Geschichte mit der Katze hat sich anders zugetragen. Dennoch, wir könnten glauben, die Katze hätte sich das Leben wegen der Heizung genommen, wenn wir wollten. Und diese jene Heizung hat nicht nur das Leben der Katze beeinflusst. Sie hat auch dem Leben der Tante und dem Leben der Bäckersfrau eine individuelle Richtung gegeben. Dazu vielleicht später mehr.

Diese Katzen sind nicht lebensmüde, nur erschöpft.

Zurück zu unserem Helden. Gutzkow hatte sein Zimmer genau über der Küche mit der Heizung. Der Eingang zu seinem Zimmer befand sich gegenüber von ihrem Eingang und damit an ihrem nördlichen Ende. Wenn der Gutzkow nun hoch zu seinem Nachtlager wollte, musste er erst durch diese Küche und damit vorbei an der Mutter, denn die fuhrwerkte den ganzen Tag in ihrer Küche herum. Die Küche war ihr Reich. Die Tür zu seinem Zimmer war aus Holz und weiß gestrichen. Da gab es Verzierungen an der Tür, die so aussahen wie welche aus den 50ern. Eher provisorischer Schick.

Diese Türe war wie der Gutzkow. Blass, billig, mit schlechtem Lack überzogen.

Und um sie öffnen zu können, musste man ihr einen kleinen Tritt versetzen, denn sie verhakte sich sehr gerne an einer Stelle im unteren Türrahmen. Und so war ja auch das Gemüt vom Gutzkow gestrickt. Man musste ihm immer einen kleinen Tritt versetzen, damit er in Bewegung kam. Kam er aber dann in Bewegung, ließ er sich wie auch diese Türe schwerlich wieder schließen. Dann stand sie offen und all die Wärme, die sich in der Küche angestaut hatte, entwich diffus im Flur, der hinter ihr war und in dem eine Treppe zum Zimmer hoch in die erste Etage führte.

Treppauf war leichter als treppab

Alles war sehr eng in diesem Haus so auch der Flur und diese Treppe. Da gab es keine Fenster. Elektrisches Licht musste angemacht werden, um nicht zu fallen. Oder man ließ die Tür zur Küche offen stehen, damit etwas Natürliches den Flur erhellen konnte. Oder der Gutzkow ließ einfach das Licht seines Zimmers brennen. Zu was auch immer man sich entschied, wenn man oben angekommen war, befand man sich in Gutzkows Zimmer.

Zwischen Zimmer und Treppe gab es keine Extratüre. Man stand am oberen Ende der Treppe und war unvermittelt in Gutzkows Raum. Und der war kahl und kalt, keine Bilder, nur ein Fenster, das von einer weißen Gardine verdeckt wurde, rechts und links hingen leichte goudafarbene Vorhänge, die man zuziehen konnte. Es roch seltsam dort oben. Vor dem Fenster stand ein Tisch und am Tisch ein Stuhl aus wurstfarbenem Plastik. Stuhl und Tisch standen auf einem Teppich mit einem Muster aus einzelnen roten und gelben Blumen, die auf einem grünen Blättermeer zu liegen schienen. Über dem Stuhl-Tisch-Teppich-Arrangement hing die einzige künstliche Lichtquelle des Zimmers. Sie erleuchtete das Zimmer mit gewöhnlicher Leuchtkraft von Osram. War man also am oberen Ende der Treppe angekommen stand das Bett vom Gutzkow rechts. Es war aus Holz und wirkte sehr spartanisch. Am Kopfende gab es eine abschließende Holzplatte mit zwei Funktionen. Das Kissen konnte nachts nicht aus dem Bett fallen und der Einschlafenwollende konnte sich anlehnen, um noch ein Magazin zu durchblättern bevor er das Licht ausmachte.

Diese zweite Funktion hat Gutzkow aber nie genutzt, weil der Lichtschalter an der Wand war. Um diesen zu erreichen, hätte er wieder aufstehen müssen. Gerade im Winter war ihm das nicht gemütlich. Zwar war der Zwischenraum bis dahin nicht groß. Doch es war weit genug, so dass der Gutzkow lieber nur die eine Funktion der Platte nutzte: Dass nämlich sein Kissen nicht aus dem Bett flog, wenn er mal wieder einen wilden Traum hatte.

In dieses Zimmer jedenfalls, aus dem er auf die kleine Dorfstraße blicken konnte, wenn er abends und morgens durch die Gardine lugte, ging er nach dem Abendessen hinein und aus ihm heraus am Morgen, nachdem ihn die Mutter geweckt hatte. Sie weckte ihn jeden Tag, auch sonntags. Sie kam mit all ihrer nächtlich angestauten Mutterliebe die Treppe hoch, anzuklopfen gab es ja nichts, streichelte noch im Nachthemd selber seiend Gutzkow’s schlafende schwarze Locken und bat ihn aufzustehen.

Noch bevor der Wecker vom Gutzkow klingeln konnte tat sie das. Jeden Tag!

Ende Teil 5 🙂
Hier geht es zu allen Episoden als ganzen Text. Wer will, kann hier alles in einem Rutsch lesen.