Christine Straßer

Ist der Lehrer wirklich schuldlos am Tod der Mutter? Und welche Rolle spielt Corduleza, die Brasilianerin, die ständig vergessen hatte, dass sie sich nicht an der Copacabana befand, sondern in einem beschaulichen Studentenstädtchen in Süddeutschland.

Und so stand der Gutzkow immer noch zwischen den Stühlen: Hier die Mutter, da die Angst vor der Ohnmacht und das Gefühl, aufgeben zu wollen, aber nicht zu dürfen. Dann die Angst vor der Blamage und das Wissen darum, dass es falsch war, was er tat. Er fühlte in diesem Moment nicht zum ersten Mal instinktiv, dass die Mutter Macht ausübte. Dass mit der Mutter etwas nicht in Ordnung war. Er hörte ihre Stimme von links zischen: „Zeig dänne goa Schwäsch, stell di hin, los!“ Er fühlte sich wie betäubt.

Dann geschah, was der Lehrer Loht hatte kommen sehen. Der Gutzkow verlor sein Gleichgewicht. Er ließ sich irgendwie auch absichtlich fallen. Ob er sich verschätzt hatte oder ob er seinem Körper willentlich nachhalf ist wurscht, denn er kippte sodann vorne über und fiel vom Dach nach unten mit voller Wucht und Geschwindigkeit. Beim Fallen war er sehr geistesgegenwärtig und wickelte sich geschickt in das Tuch ein, auf dem er und das Gedicht gestanden hatten. Er fiel bedrohlich konkret in Richtung Gelächter. Dennoch atmete er während seines Fallens ruhig und genoss das ganze Drumherum auch auf gewisse Weise. Er sah die Leute auf sich zukommen mit ihren vor Schreck verzogenen Fratzen. Einige waren erstarrt.

Plötzlich konnte er in ihre Herzen schauen. Er sah was sie fühlten. Er tat ihnen Leid. Und das wollte er nicht. Er wollte keinem Leid tun. Warum auch? Er war vollkommen in Ordnung, auch im Fall. Er war hochbegabt und hatte Talente, von denen andere nur träumen konnten. Sein Schreibtalent zum Beispiel machte ihn sogar jetzt während seines Fallens sehr erhaben. Er dachte, wie er da so vom Dach plumpste, dass er eigentlich nach Oben hätte schweben sollen und nicht nach Unten fallen. So stolz war er! Nein, Leid tun musste er niemandem. Und er nahm sich vor, das allen zu vermitteln direkt nach seiner Landung, die er weich wähnte.

Seine Mimik verrät alles! Er ist sich seines Falls sicher.

Aber sie war hart, trotz dass er in das Flanelllaken und seine Literatur wie eine Wurst in ihrer Pelle eingewickelt war. Diese Landung war so hart gewesen, dass der Arzt später der Mutter sagte, er habe Glück gehabt, dass nicht noch schlimmeres passiert sei. „Noch schlimmeres? Was meinscht Dogdo?“ Der Doktor meinte damit, dass, wenn der Lehrer Loht ihren Sohn nicht aufgefangen hätte, der Gutzkow womöglich jetzt nicht mehr selber gehen könnte. „Bedanken Sie sich lieber bei Herrn Loht.“ Seine Mutter antwortete entsetzt: „Bei dännä bedanken? Wofür dobiddähschä? I bedang mi net bei eine dea dumm is“, versicherte die Alte

„Frau Gutzkow, der Lehrer war sein Schutzengel. Ich schlage vor, Sie gehen respektvoller mit ihm um. Ein toller Mann, dieser Lehrer. Er muss sich mit Psychologie auskennen, anders kann ich mir seine Gegenwärtigkeit nicht erklären. Es ist mir rätselhaft, wie er so rasch verstanden haben kann, was als nächstes passiert und sich genau an die richtige Stelle stellte, um ihren Sohn sanft in den Armen zu empfangen.“

Tja, Doktoren sind vielleicht manchmal Allesfresser, aber keine Alleswisser. Zwar wunderte der sich noch einige Tage lang über dieses glückliche Fügung. Des Rätsels Lösung aber blieb dem Doktorchen verborgen. Der Loht und er wurden sich nie so vertraut, dass der Loht ihm den Hintergrund für diesen siebten Sinn erzählen konnte. Denn der Doktor war dem Lehrer suspekt. Er habe etwas Faltiges im Blick, sagte er zu Frau Loht, nachdem er den Gutzkow mal wieder im Krankenzimmer besucht hatte und der Doktor gerade dabei war, Gutzkow und dessen Mutter die nächsten medizinischen Schritte zu erläutern.

Hätten sich beide doch bloß mal auf ein Bier getroffen oder zum Essen des Mittags verabredet, hätte der Doktor bestimmt schnell vom Lehrer Loht erfahren, dass er nicht nur ein guter Deutschlehrer war, sondern auch ein toller Psychologe wie er ja bereits richtig vermutet hatte. Und Herr Loht hätte dem Doktor sicherlich auch erzählt, dass Psychologie sein eigentliches Hobby war. Und dass Frau Loht eine psychotherapeutische Praxis im gemeinsamen eleganten Eigenheim betrieb. Und dass beide dieses Eigenheim überstürzt gekauft hatten nachdem sie sich nach Jahren zufällig wiederbegegnet waren. Danach heirateten sie schnell und wollten sesshaft werden.

Der Doktor hätte weiter erfahren, dass Herr und Frau Loht sich an der Uni kennengelernt hatten. Im zweiten Semester als beide noch das Fachgebiet der Psychologie studierten. Doch Herr Loht hatte kognitiv schnell den Faden verloren. Das Studium wurde ihm zu kompliziert mit all der Statistik und der Rechnerei – zum Glück möchte man meinen. Er hantierte lieber mit der deutschen Sprache in dem Sinne herum, dass er sie anderen, jüngeren Menschen beibrachte. So trennten sich ab dem 3. Semester die universitären und schließlich vorerst auch die partnerschaftlichen Wege von beiden. Der Doktor hätte erfahren, dass Frau Loht sich bereits seit einer geraumen Zeit mit ihrem – Achtung jetzt wird es trivial – mit ihrem Dozenten vergnügte. Herr Loht hätte dem Doktor ausgeplaudert, dass er ganz vergnügt über diese Entwicklung gewesen war. Denn er selber traute sich nicht, ihr zu beichten, dass auch er sich schon sehr lange und sehr gerne um Corduleza kümmerte.

Corduleza war Brasilianerin. Herr Loht war eingefleischter Deutscher. Das, was Corduleza wollte, konnte Herr Loht ihr nicht geben. Sie wollte ein temperamentvolles Miteinander in allen Lebenslagen. Der Doktor hätte erfahren, dass Corduleza ständig vergessen hatte, dass sie sich nicht an der Copacabana befand, sondern in einem beschaulichen Studentenstädtchen in Süddeutschland. Der Doktor wäre verwundert gewesen, wenn Herr Loht ihm berichtet hätte, dass er sich gar nicht angestrengt hatte, um ihr zu gefallen. Er hatte einfach bald genug von Corduleza. Sie auch von ihm.

Cordulezas Strandträume

Dass auch diese Trennung Herrn Loht nicht deprimierte, hätte den Doktor wahrscheinlich nicht gewundert, weil er geahnt hätte, dass das Loht’sche Gemüt von beschwingter Natur war, der sich stets als Teil vom ganzen Schönen und nicht wie viele seiner Freunde und Kollegen als Teil von irgendetwas Schlechtem und Bösem sah. Und damit hätte der Doktor richtig gelegen. Denn Herrn Loht begleitet auch heute noch das Gefühl von

„Ich bin genau da, wohin ich gehöre.“

Das hätte er dem Doktor beim Bierchen alles erzählt, aber wie gesagt, die beiden wurden sich nie so vertraut, als dass es zu einer solchen Unterhaltung und Intimität gekommen war. Vielleicht hätte Herr Loht dem Doktor im Suff dann auch mal erzählt, wie er seine Ex wieder traf, also die heutige Frau Loht. Ja, ihr lest richtig! Damit ist die gemeint, die vor Corduleza sein Bad benutzte. Er traf die Ex als er nach langer Zeit mal wieder Bratwurst essend über den Erzeugermarkt schlenderte.

Die Bratwurst hat er sich bei Johann gekauft. Der verkaufte auch noch all den Jahren an seinem Stand seine Würstchen.

Corduleza hatte diesen Markt verabscheut. Plötzlich tippte ihm die heutige Frau Loht auf die Schulter. Beide umarmten sich  und wiederbelebten ihre gemeinsamen Rituale. Man traf sich hier, man traf sich da und irgendwann in einem Standesamt. Ein Kind kündigte sich an. Und dieses Kind wirkte sehr verhalten und auch ausgestellt. Etwas stimmte mit dem Bündel nicht. Herr Loht war gerührt, nicht verzweifelt über die Launen der Natur. Wie gesagt, er war ja immer genau richtig da, wo er war. Er betrachtete dieses Knäuel eher durch  eine wissenschaftliche Brille und war fasziniert von diesem Etwas.

Und hierin liegt des Rätsels Lösung. Das genau ist der Punkt, den der Doktor nie erfahren hatte, weil sich beide nie auf ein Bierchen trafen. In diesem Kinde ist die  große Zuneigung von Herrn Loht zum Gutzkow begründet. Der Gutzkow erinnerte Herrn Loht immer an sein eigenes verdattertes Kind. Und nur deshalb platzierte sich Herr Loht auf dem Hof so. Er sah kommen, dass Gutzkow vom Dach fallen würde und fing ihn auf. Und unser Held landete für Außenstehende unvermittelt in des Lehrers Armen wie ein Baby. Dass das die Mutter vom Gutzkow erzürnte, wundert uns jetzt auch nicht mehr bei allem, was wir aus dem Leben der beiden kennen. Den Krankenwagen wiederum hatte ein anderer Lehrer gerufen. Nicht der Loht.

Ende Teil 4
Hier geht es zu allen Episoden als ganzen Text. Wer will, kann hier alles in einem Rutsch lesen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here