Schrottplatz

Handys, Kühlschränke und Toaster haben sich schon längst zu einem massiven Entsorgungsproblem von Elektroschrott gemausert. Der stellvertretende Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe – Philipp Sommer – spricht davon, dass mehr als die Hälfte des Elektroschrotts illegal entsorgt oder exportiert wird. Ein Umweltskandal, der gestoppt werden muss. Aber wie?

Wo liegt der Hund begraben, Herr Sommer? Es gibt mehrere Gründe. Viele Händler verweigern schlicht und ergreifend die Rücknahme unserer Altgeräte. Oft wissen Verbraucher auch gar nicht, dass die Händler die Altgeräte zurücknehmen müssen. Warum nicht? Weil immer noch viele Händler uns als Käufer nicht darüber informieren. Andere Händler haben die Infos zwar, aber dann so klein wie es zum Beispiel einige Apple Stores halten: als kleine Postkarte mit grauer Schrift auf weißem Hintergrund. Wenn man nicht gezielt danach sucht, bekommt man so eine Info einfach nicht. Kommt noch hinzu, dass Deutschland nur sehr, sehr große Händler zur Rücknahme verpflichtet? So ist es leider. Kostenlos müssen nur diejenigen Händler Altgeräte zurücknehmen, die eine Verkaufsfläche für Elektrogeräte von mindestens 400 Quadratmetern aufweisen. Und was ist mit den Discountern? Tja, die sind befreit. Dabei verkaufen gerade Discounter immer wieder Elektrogeräte, die nicht lange halten und daher besonders schnell zu Schrott werden. Das ist erschreckend! Ja das ist es. Und von Seiten der Behörden gibt es bisher kaum Kontrollen. Und wo kein Richter, da … Ganz genau. Es müsste unangekündigte Testbesuche der Berhörden geben, am besten durch eine sachverständige Stelle wie das Umweltbundesamt. Aber das erleben wir mittlerweile bei vielen Umweltgesetzen: Ohne Kontrollen werden sie schlicht nicht eingehalten. Woher wissen Sie das alles, haben Sie denn Stichproben gemacht? Das haben wir. Und dabei haben wir all das erfahren. Dass nämlich Verbraucher bei einigen Händlern alte Elektrogeräte entweder gar nicht oder nur nach mehrmaliger Nachfrage und dann auf Kulanz zurückgeben durften. Herr Sommer, ich glaube, diese Erfahrung hat jeder schon einmal gemacht! Kann sein, jedenfalls ist das einer der Hauptgründe, warum noch immer Hunderttausende Tonnen Elektroschrott ins Ausland exportiert oder im Restmüll entsorgt werden. Dabei landen wirklich giftige Substanzen wie Schwermetalle, Flammschutzmittel und Weichmacher in der Umwelt. Aber man könnte sein Gerät doch einfach zum Reparatur-Service schicken? Das gibt es doch. Das wäre perfekt, wird von den Herstellern aber offensichtlich nicht mehr so gerne gesehen. Bei Smartphones hat Apple mittlerweile für das iPhone 4 den Softwaresupport und den Reparaturservice komplett abgeschaltet. Samsung bietet im Gegensatz zu Apple originale Ersatzteile an, aber gleichzeitig machen sie es den unabhängigen Reparaturwerkstätten möglichst schwer. Warum? Wegen zum Teil hoher Preise und langer Lieferzeiten der Ersatzteile.  Und was halten Sie von selbst reparieren? Ja klar, das wäre super. Nur machen es einem die Hersteller auch hier zunehmend schwerer. Denn mittlerweile sind zum Beispiel bei Smartphones Akkus und Gehäuse verklebt. Ohne spezielle Techniken kommen Sie gar nicht ins Innere. Ein Teufelskreis, Herr Sommer. Wie kann man das denn lösen? Durch verbindliche Ökodesign- Mindeststandards. Deutschland könnte etwa im Elektrogerätegesetz verbindlich vorgeben, dass besonders empfindliche Teile wie Akkus oder Displays durch den Nutzer einfach auszutauschen sein müssen. Gibt es noch andere Möglichkeiten? Ja, man sollte das EU-Energielabel um Aspekte wie Haltbarkeit und Reparaturfreundlichkeit ergänzen und auf weitere Geräte ausweiten. Dann könnten sich die Käufer besser für langlebige Geräte entscheiden und würden so ihren Geldbeutel und gleichzeitig die Umwelt schonen. Außerdem sollte man Umweltzeichen stärken. Dann hätten wir eine Art Doppelspiel: Auf der einen Seite Ökodesign-Mindeststandards, die jeder einhalten muss. Und auf der anderen Seite eine Art Bonus für die besten Hersteller, die durch Umweltzeichen klassifiziert werden wie beim Blauen Engel. Sie meinen, dass, wenn die Politik die öffentliche Beschaffung verpflichten würde, Geräte mit Umweltzeichen vorzuziehen, hätten auch die Hersteller einen ernsthaften Anreiz, ihre Geräte mit diesen Labels zu zertifizieren? Richtig! Und dann könnte man die Vorgaben der Umweltzeichen nach und nach erhöhen. Ich will aber nochmal auf ein Thema vom Anfang unseres Gesprächs kommen: Rücknahmepflicht. Was halten Sie in dem Zusammenhang von Sammelquoten für Unternehmen? Sehr viel! Denn aktuell haben wir das Problem, dass ein Händler die bestehenden gesetzlichen Pflichten alle perfekt erfüllen kann und trotzdem kaum ein Gerät sammelt. Warum denn das nicht? Weil er nur schlecht über die Rückgabemöglichkeiten informiert oder die Abgabe für die Verbraucher sehr kompliziert macht und so die Verbraucher abschreckt. Was könnte sonst noch getan werden? Mittelfristig brauchen wir ein Pfand auf Elektrogeräte, denn praktisch nur über Pfandsysteme wie bei Getränken oder Autobatterien lässt sich eine Sammelquote nahe 100 Prozent erreichen.

Hintergründe
Jedes Jahr werden knapp zwei Millionen Tonnen Elektrogeräte in den Verkehr gebracht – zusätzlich wohlgemerkt. Doch alles kein Problem. Denn es gibt Gesetze, die die Händler verpflichten, die Geräte zurückzunehmen, damit die Schrottberge schrumpfen. Doch diese Berge werden nicht kleiner, sondern größer, trotz Gesetze. Nächstes Jahr soll Deutschland 65 Prozent seines E-Schrotts sammeln. Dieses Ziel zu erreichen scheint in unerreichbar weiter Ferne zu liegen, beschaut man sich einmal die Quote von vor zwei Jahren. Da wurden nur 9,5 Kilogramm Elektroschrott pro Einwohner gesammelt. Ende nicht in Sicht, denn immer mehr Geräte werden elektronisch.

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Auch die ganz alten Geräte müssen noch entsorgt werden.

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