Stadtplanung

In rund sieben Jahren sollen weltweit 60 Prozent der Menschen in Städten leben. Was tun die Planer, damit sich die Städte nicht an der Verkehrsmenge verschlucken und restlos lebensfeindlich werden, weil die Luft und der Lärm krankmachen? Denn in den Städten fährt ja nicht immer die innovativste Abgas-Technologie: Ein großer Direktversicherer* hat herausgefunden, dass im Saarland, Bayern und Thüringen die ältesten Autos mit rund 10 Jahren gefahren werden. Wie muss Mobilität bei der modernen Stadtgestaltung also künftig mitgedacht werden?

Sicher haben Sie folgenden Satz auch schon einmal gesagt: Wir werden immer mobiler. Und möglicherweise haben Sie diesen Satz auch schon als Argument für die steigende Verkehrsmenge in den Städten benutzt. Doch das ist so nicht ganz richtig. Wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass „unsere persönliche Mobilität, also unsere Beweggründe von A nach B zu kommen (sei es zum Einkaufen, um zur Arbeit zu kommen oder um die Kinder zum Flötenunterricht zu fahren), sich seit zirka 100 Jahren nicht verändert hat. Wir legen pro Tag im Durchschnitt 3,4 Wege zurück“, so der Geschäftsführer der Green City Experience GmbH, Rauno Andreas Fuchs.

Und auch die Zeit, die wir zur Erledigung unserer täglichen Bedürfnisse mobil unterwegs sind, hat sich seit 100 Jahren nicht signifikant verändert. Die liegt bei ungefähr einer Stunde und 15 Minuten pro Tag. Was sich aber verändert hat, ist die Wegstrecke. Also wie viele Kilometer wir von A nach B insgesamt pro Tag zurücklegen und die Menge an Menschen, die unterwegs ist. Alles in allem kann man sagen: Wir werden nicht mobiler, wir erzeugen nur mehr Verkehr. Und das sind pro Tag 40 Kilometer; in den 20ern waren das vier bis fünf. „Das Auto war der Range-Extender“, sagt Fuchs. Wir haben eine höhere Verkehrsleistung auf der Straße. Und deshalb stehen wir in den Städten im Stau. Und der verschmutzt die Luft weltweit.

Sein auf Mobilitäts- und Stadtentwicklungsfragen spezialisiertes Unternehmen erarbeitet seit 15 Jahren Lösungsansätze für Stadt und Land. Ziel ist es, die Städte attraktiver und gesünder, sprich lebenswerter zu gestalten. Denn seit den 20ern werden die Städte nur rund ums Automobil geplant: also die autogerechte Stadt, totale Erreichbarkeit mit dem Auto – das ist die Prämisse.

Wie können Städte nun gesünder werden? Kann das überhaupt funktionieren? Fuchs spricht von einem Dreiklang an Maßnahmen: reduzieren, verlagern und elektrifizieren, Stichwort Elektromobilität. Sie setzt sich – so Fuchs – aus vielen Komponenten zusammen. So gehören neue Formen der Fortbewegung auch dazu, wie das E-Bike oder das Pedelec. Wenn wir von Elektromobilität sprechen, muss sogar noch weitergedacht werden: Die Bahn, die Straßenbahnen, U-Bahnen, Oberleitungsbusse oder auch normale Busse sind Teil von ihr; aber auch urbane Seilbahnen sollten mitgedacht werden. Im bolivianischen La Paz werden elf Seilbahnlinien in den öffentlichen Personennahverkehr integriert.

Doch leider steckt die Elektromobilität in Deutschland noch immer in der Pilotphase. „Weiter sind wir noch nicht gekommen“, sagt er. Denn viele Themen sind nicht geklärt wie die Ladesäuleninfrastruktur, die Integration ins Stadtbild oder auch die Frage nach der Akkutechnologie.

E-Carsharing ein gutes Modell
E-Carsharing ein gutes Modell

Das bemängeln auch Carsharing-Firmen wie Car2Go, die in Stuttgart, Amsterdam und Madrid voll elektrische Autos anbieten und die Fallstricke kennen: „Rein elektrische Fahrzeugflotten stellen uns vor besondere Herausforderungen. Wir brauchen eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur“, meint Vera Pfister. Denn die Fahrzeuge müssen ständig bewegt werden, um überall in der Stadt verfügbar zu sein und dem Nutzer eine echte Alternative zum eigenen Auto zu bieten.

„Ich löse mein Verkehrsproblem nicht, wenn alle in selbstfahrenden Autos sitzen und trotzdem von A nach B fahren, nur eben nicht mehr selbst.“

Ist die Reduzierung des Gesamtverkehrs also ein Drahtseilakt? Wenn wir die sehr hohe Affinität des autonomen Fahren miteinbeziehen, scheint das so zu sein. Viele Deutsche sind nämlich schon Fans von autonomen Vehikeln, obwohl es diese noch gar nicht zu kaufen gibt. 60 Prozent der jungen Autofahrerinnen und -fahrer wollen ein autonomes Auto fahren. Dass das nicht die Lösung für lebenswertere Städte ist, findet auch Fuchs: „Ich löse mein Verkehrsproblem nicht, wenn alle in selbstfahrenden Autos sitzen und trotzdem von A nach B fahren, nur eben nicht mehr selbst. Aber wenn man das zum Beispiel weiterdenkt in Carsharing oder auch Richtung Hol- und Bringservices, wird autonomes Fahren sehr interessant.“

Ob die Bereitschaft für Carsharing aber tatsächlich so groß ist wie man hofft, ist nicht klar. Zwar haben Car2Go-Kunden in Berlin nach eigenen Angaben rund 4.600 ihrer Fahrzeuge verkauft, weil sie lieber auf Carsharing umgestiegen sind. Dennoch gehört für über 60 Prozent der Deutschen das eigene Auto noch immer zum Leben dazu – und eben kein Sharing-Angebot. Das ergab eine Befragung der Initiative „Deutschland – Land der Ideen„. Dennoch bleibt Fuchs bei seiner Forderung, vom Automobil auf solche Konzepte zu verlagern. Er sieht aber auch das Fahrrad, den öffentlichen Personennahverkehr und natürlich die guten alten Füße als gute Alternativen an. Ihm geht es um die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs insgesamt. Eine Verlagerung lediglich an den Rand der Städte ist aus seiner Sicht nicht die Lösung des Problems; was letztlich die Konsequenzen sind, wenn vor den Toren einer Stadt Einkaufszentren gebaut werden.

Für welchen Verkehr planen wir unsere Städte?
Das ist die Frage aller Fragen: „Ein hochrangiger Automobilmanager hat einmal gesagt, „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten“. Wenn man alles auf das Automobil ausrichtet und Straßen anbietet, dann werden die Leute diese Straßen nutzen. Und wenn man Parkplätze anbietet, werden die Leute diese Parkplätze nutzen. Und umgekehrt. Wenn ich ursächlich für den Radverkehr oder für Fußgänger oder für den öffentlichen Nahverkehr plane, und das Auto nachrangig behandele, macht das natürlich was mit einer Stadt. Und diese Grundsatzthemen bestimmen die politischen Leitgedanken und Leitentscheidungen. Solange kein Grundverständnis herrscht, dass das Automobil nicht mehr der Planungsgrundsatz Nummer Eins ist, solange wird sich auch nichts oder nur sehr wenig ändern.“

Fuchs ist kein Dogmatiker – die Technologie Automobil findet er durchaus sehr beeindruckend. „Das muss man ja sagen. Also wenn man da drinsitzt, sind das ja großartige Raumschiffe, die wirklich Spaß machen, da braucht man überhaupt nicht drüber diskutieren.“ Und natürlich hat das Automobil auch in Zukunft seinen Platz, um unsere Mobilitätsbedürfnisse zu befriedigen. Die Frage, die er beantworten wissen will, ist, wo diese Autos sinnvoll zum Einsatz kommen sollen. Ob das Automobil im bisherigen Maß in die Stadt gehört, oder es hier nicht viel bessere, effizientere und auch für die Allgemeinheit gesündere Verkehrsmittel gibt: „Darüber müssen wir dringend sprechen.“

Link zur Studie

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