Geld ist eine schlechte Energie. In diesem Krimi wird Plantagenbesitzer Harald wegen seiner SUCHT nach GELD zum Verbrecher wird. Wer ist der tote Mann im Sarg? Warum ist Iris verunglückt? Versinke ins Milieu der Drogenbosse und Menschenhändler. 

„In der Ruhe liegt die Kraft, und so möge er ruhen bis in alle Ewigkeit.“ Mit diesen Worten lassen die sechs Männer seinen Sarg in die Kuhle gleiten, die schon, das wussten aber nur diese sechs, vor drei Wochen für ihn ausgehoben wurde. Damals schaufelte er fleißig mit, ohne zu wissen, für wen. Es war Nachmittag, kalt und Dezember. Normalerweise ist es um diese Jahreszeit warm, doch dieses Mal war es, als wehe der europäische Winter herüber.

An diesem Nachmittag gingen die sieben nach dieser körperlichen Arbeit zu Jeremy rüber in die Bar, sie bestellten alle das gleiche. Zuerst Kaffee dann einen Kaffeeschnaps aus den Plantagen von Toni, der das Land von seinem Vater dann doch geerbt hatte. Harald hieß sein Vater und Harald war zehn Jahre hinter Gittern, bevor er seine Plantagen zu neuem Leben erweckt hatte, sie zu einem florierenden Geschäft gemacht hatte, wie Phönix aus der Asche, das Geld floss dann wieder von allen Seiten.

Doch wie immer fällt eine Knastkarriere nicht vom Himmel, auch Harald hatte einiges dafür getan. Wir begeben uns jetzt in die Vergangenheit von Harald. Harald hatte alles verloren. Auch seine Karriere als Gangster fing so an. Nicht von jetzt auf gleich, sondern peu à peu. Zuerst seine Frau und die Kinder, dann seine Kunden, dann den Rohstoff, dann die Maschinen und dann den Besitz. Und das ist wörtlich gemeint. Denn Frau und zwei (die älteste Tochter und der ältere Zwilling Frey) der Kinder wurden in diesem Gott verlassenen Kaff am Meer von einem Auto überfahren, eines Tages und aus lange nicht geklärten Gründen. Harald und Iris hatten insgesamt drei Kinder. Toni überlebte.

Zuerst machte sich keiner die Mühe, dieses Mysterium des Unfalls aufzuklären. Keiner wollte sie sich machen. Sprach Harald die Polizisten Stan und Dorothy auf den noch immer ungelösten Unfall an, drehten sie sich weg mit der Begründung, sie hätten keine Zeit, er solle morgen wieder kommen. Das tat er ein paar Mal bis ihm dämmerte, dass anderes dahinter steckt, und er sich selber auf die Suche nach dem Grund machen musste. Aber wo er anfangen sollte, davon hatte er keinen blassen Schimmer. Denn seine tote Frau Iris war schon lange vor dem Unfall ihrer eigenen Wege gegangen und seine Kinder folgten ihr und nicht ihm. Sie war ihm immer egal gewesen. Frauen hat man, um den Familiennamen zu erhalten. Kinder hat man nur so viele wie man Zeit braucht, um einen Nachfolger zu produzieren. Und daran hatte Harald sich akribisch gehalten. Seine Motivation, den

Unfall aufklären zu wollen, hatte zweierlei Gründe. Da war die Schmach, den Stammhalter verloren zu haben. Denn Toni, sein 2 Minuten jüngerer Sohn, kam für ein Erbe nicht in Frage. Das war Tradition, an der Harald auch hier auf dem fernen Kontinent festhielt. Nur wenn aufgeklärt werden konnte, warum ein Kind starb, konnte der nächst jüngere das Erbe antreten. Toni machte Harald also Druck, dabei war Toni damals erst 15 Jahre alt, doch schon immer hatte der ein untrügliches Gefühl dafür, das einzufordern, was ihm zustand. Toni war verbissen und erpresste seinen Vater lange und erfolgreich. Toni war der einzige, der seinen Vater im Griff hatte.

Toni war für seine 15 Jahre im Vergleich zu allen anderen Fünfzehnjährigen in diesem Dorf sehr weit. Er war mittelmäßig in der Schule, was egal war, dafür jedoch motorisch sehr schnell. Das machte allen Angst. Er war nicht mal besonders groß, eher klein und für seine Behendigkeit ein zu schmaler Typ. Seine Reaktionsgeschwindigkeit aber war phantastisch  und das machte ihn zum idealen Nachfolger seines Vaters, wie Toni fand.

Die Geschäfte des Vaters lagen Toni nicht, doch der Ruhm und das Geld reizten ihn. Man könnte auf den Gedanken kommen, er hätte den Unfall verursacht. Ein Motiv gäbe es ja, aber er war es nicht. Und so irrte auch Harald als er begann, das Geschehen zu rekonstruieren. Harald war aus einem unerfindlichen Grund davon überzeugt, der 15 jährige Toni hätte Mutter und Geschwister auf dem Gewissen. Drei lange Monate suchte Harald an falschen Stellen, bevor er eine viel interessantere Spur aufnahm. Wie ein deutscher Schäferhund schnüffelte er sich durch seine Indizien, die mal aus der Kneipe von Jeremy kamen, mal vom Postamt, mal von der Säuberungskraft des Supermarktes und auch vom Toni, seinem Sohn, selbst. Seine Nase war nicht geschult, kann sein, dass die Entfremdung zum europäischen Festland die feinen Nasenhärchen von Harald irritiert hatten. Was auch immer der Grund für seinen schlechten Spürsinn war, er brauchte seine Zeit.

Noch mehr als in die Sohn-Theorie verbiss er sich in seine scheinbare Gewissheit, seine Frau habe eine Familientragödie im großen Stil geplant. Die war grundlos, doch brachte sie Harald auf die richtige Spur. Am 14. August 1963 kroch er endlich, nach langem Zögern, auf den Dachboden, um die alten Briefe an ihren Bruder zu suchen. Jeremy brachte ihn auf die Idee, denn er wollte sie oft des Nachmittags weinend an seiner Bar von ihrem Bruder reden gehört haben. Sie erwähnte die Briefe, und dass sie diese unbedingt vernichten müsse. Sie sagte immer, „nicht dass mir etwas passiert und alles fliegt auf.“ Jeremy hatte wirklich lange auf Harald einreden müssen, bis er sich in einer stillen Stunde endlich hoch auf den Dachboden wagte.

Harald zitterte, als er nur noch die letzte Stufe vor sich hatte, die Latten nach innen schob und eintrat. Es roch modrig, faul, alt, verholzt – alles zusammen. Auch nach Staub roch es. Er atmete diese Luft ungern tief ein, doch es blieb ihm nichts anderes übrig. Sein Herz klopfte, er sah die Schrägen, den Boden und die Glühbirnen nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder. Haute war Donnerstag, komisch dachte Harald. Eher beiläufig erinnerte er sich jetzt hier oben daran, dass der Unfall auch an einem Donnerstag war. Er sah sich um, es war dunkel, die Glühbirnen funktionierten nicht. Das einzige Licht, das reinkam, war durch die Dachluke hinten links. Vollmond war nicht, die Sonne war aber schon untergegangen. Dennoch konnte er sich schnell  orientieren. Er sah die Werkbank, die Plastikschränke mit dem alten Zeug und dann die Schublade, die er im Auge hatte. Auf dem Dach lief irgendein Tier hin und her. Zuerst erschrak er, doch dann wusste er, dass die kleinen Affen nachts hier oben spielten.

Er ging schnurstracks auf die Schublade zu, um schnell wieder von hier zu verschwinden. Er zog sie auf, seine Hand zitterte, und er fand neben dem gesuchten Schlüssel einen Zettel mit einer Nummer darauf. Er nahm den Schlüssel, wollte die Schublade wieder schließen als ihm der Zettel und vor allem die Schrift auffiel. Das war doch die Handschrift von Dorothy, der Polizistin,  dachte er. Er nahm den Zettel mit der Nummer, die sechstellig war, knitterte ihn kurz zwischen Daumen und Zeigefinger, um vielleicht zu prüfen, wie alt das Papier sei, ob es zerbröselte. Nein, es war fest, es war fidel und es war, ja, es war fast neu. Er legte das Papier wieder zurück in die Schublade, maß ihm keine Bedeutung mehr bei, nahm den Schlüssel und ging weg vom Tisch, schnell wieder runter.

Der Schlüssel passte in ein Schloss im Schlafzimmer von Harald und Iris. Es war ihr Geheimfach, das wusste er und er fühlte sich schlecht, dieses Geheimnis nun zu lüften. Denn er hatte sie die vergangenen drei Monate einer sehr unschönen Sache beschuldigt, nun wollte er ihr nicht noch mehr Unrecht im Geiste antun. „Gott hab sie seelig“, sprach er zu sich. Er musste aber nun auch Schritt zwei und drei gehen: Das Geheimfach öffnen und die Briefe von ihrem Bruder lesen. Es tat ihm leid, was er tat, doch schneller als gedacht war das Fach aufgeschlossen und ihm kamen deutlich weniger Briefe entgegen als er erwartete. Es waren drei Einseiter. Es waren so was wie Instruktionen oder Anweisungen. Harald verstand nicht. Der erste Einseiter war auf den 1. September 1961 datiert, der zweite ein Jahr später und der dritte auf den 23. Juli 1963, also gerade mal zwei Wochen zurück. Er las zuerst den vom 23. Juli und konnte nur mit dem Namen von Iris etwas anfangen. Er kannte weder die Orte, noch diejenigen, mit denen sie laut dieser Anweisung Kontakt hatte. Er ahnte auch nicht, was genau ihr angewiesen worden war zu tun. Er musste zu Jeremy. Das war sein nächster Schritt. Jeremy könnte ihm bestimmt noch mehr erzählen, schließlich hatte er Harald auf die Idee gebracht. Harald kam ein schrecklicher Verdacht in den Sinn. Hatte Jeremy von all dem gewusst? Kennt Jeremy die Hintergründe?

Harald verschloss die Briefe wieder in Iris‘ Geheimfach und befestigte den Schlüssel an seinem Schlüsselbund, den er in seine Tasche schob, die er morgen mit in sein Büro nehmen würde. Das Büro auf der Plantage war ihm jetzt eine willkommene Abwechslung. Im dritten Monat suchte er nun diesen mysteriösen Unfall aufzuklären. Viel zu wenig hat er sich in dieser Zeit um seine Leute und die Geschäftsbeziehungen kümmern können, dabei sah es um diese Jahreszeit mit dem Umsatz nicht rosig aus. Die Delegation aus Northwitch konnte er nicht persönlich empfangen, das musste er seinem Partner Will überlassen.

Will war ein gutmütiger Mann. Harald und Will kannten sich erst drei Jahre. Will war deutlich jünger als Harald, hatte aber eine Liebe für alte Anbaumethoden, die er aus Indien mitgebracht hatte. Der Kaffee, so meinte Will, muss erst geerntet werden, wenn die Bohnen rot sind und nicht, wie die neuen Anbaumethoden empfehlen, noch im grünen Zustand, um sie nachts in einer feucht kühlen Umgebung nachreifen zu lassen. Und dass Harald sich von Will inspirieren ließ, zahlte sich aus, denn die Qualität war tatsächlich bombastisch. Der Export seines Kaffees stieg rasant an. Zuerst interessierten sich Staaten wie Botswana, Zambia, Sierra Leone und Kamerun für Haralds Kaffee, doch dann klopften China und Italien an die Tür. Harald war sehr erfreut über das große Interesse. Die Maschinen und die Männer arbeiteten in der Saison rund um die Uhr. Sie waren erschöpft bis zum Umfallen.

„Aufständische Arbeiter sind nicht gut“

Harald war das egal, er wollte maximalen Profit. Harald verhandelte mit den örtlichen Behörden, um noch mehr Land, um noch mehr Plantagen und Kaffee pflanzen zu können. Er war hartnäckig in seinen Verhandlungen, feilschte um jeden Quadratmeter. Besonders haarig wurde es, als Wald geopfert werden musste, und später ein Dorf umgesiedelt werden sollte. Harald hatte kein Erbarmen, er wollte das Geld seiner Kunden. Wenn mal wieder eine Rodung anstand, begrüßte er die Planierraupen jedes Mal mit einem kleinen Fest in der pompösen Villa seiner Hauptverwaltung am River Side Dog Path.

Es war an einem sehr heißen Tag als ihm all das drohte, um die Ohren zu fliegen. Gerade als das Buffet aufgestellt war, stürmten aufständische Arbeiter die Villa, wo das Fest stattfand, vom Tor herauf ziehend, sie waren mit Schlagstöcken und Steinen bewaffnet und die meisten waren vermummt. Sofort scharrte sich das Sicherheitspersonal um Harald und brachte ihn in die Villa. Danach liefen sie zum Tor und versuchten die Leute zurückzudrängen, das Getöse war ohrenbetäubend, es wurde geschrien, Frauen liefen verängstigt in die Villa, Kinder weinten und alles war ein undurchsichtiges Durcheinander. Doch es war schon zu spät, die Horde war bereits auf dem Rasen am Brunnen angekommen und bewarfen die Gesellschaft, den Rasen, den Brunnen mit Dreck und Müllresten. Irgendeiner muss die Polizei gerufen haben, und es war sehr verwunderlich wie schnell die da waren, denn normalerweise brauchten die eine halbe Stunde, um hier draußen zu sein, die Polizisten packten ihre Wasserwerfer aus, machten kurzen Prozess und es blieb ein Bild der Verwüstung zurück.

Harald besah sich alles aus der sicheren ersten Etage, von oben herab. Dort machte er eine seltsame Beobachtung. Denn die Gruppe bestand nur aus Frauen. Kein einziger Mann war unter ihnen, zumindest von denen, die nicht vermummt waren. Junge Frauen griffen Haralds Anwesen und die Anwesenden an. Was für eine Schmach! Lächerliche Weiber versuchten ihn in die Knie zu zwängen. Allmählich wurde die Polizei der Lage Herr, Harald ließ das Anwesen reinigen und ging am nächsten Tag wie gewohnt auf die Plantage.

Diesmal aber schlecht gelaunt, denn die, die sich gegen ihn richteten, sollten nicht ungestraft bleiben. Das stand fest. Jeder einzelne sollte zur Rechenschaft gezogen werden. Sollte dafür büßen. Und damit läutete Harald das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Plantage und seines Lebens ein.

Harald besprach sich mit Will.  Er sagte: „Ich will jeden einzelnen Arbeiter zu Gesicht bekommen, ich werde ihn eigenhändig züchtigen, das sag ich dir!“ Will sagte: „Harald, wer das genau war, kann keiner wissen.“ Harald sagte: “Dann müssen eben alle dafür büßen.“ Will sagte: „Du denkst an unsere Aufträge? Was ist dir wichtiger?“ Harald brüllte: „Hol mir die Leute!“

Will gab nach, weil er spürte, dass Widerstand zwecklos war, er machte sich an die Arbeit, die Gruppe der Aufständischen zu finden. Er ging zur Polizei, um die Namensliste der Verhörten zu bekommen. Seit der Bürgermeister einer vom rechten patriotischen Flügel war, der RPF, wurden solche Auskünfte eigentlich nicht mehr erteilt. Die neue Partei hatte versprochen, die Korruption zu bekämpfen und sowas gehörte dazu.  Doch Haralds Wünsche bildeten eine unsichtbare Ausnahme, denn er bescherte der Stadt unermesslichen zu Reichtum. Und das wusste der Bürgermeister Solar. Der war zwangsläufig ein enger Freund von Harald. Harald hat dafür den ein oder anderen Geldbetrag für – in Anführungsstrichen – soziale Projekte gespendet. Da gab Solar sich nicht päpstlicher als der Papst selber.

Und so hatte Solar Harald auch versprochen, dass er ihn und seine Geschäfte bei seiner Wahl besonders würde schützen wollen. Das ließ Harald sich nicht zweimal sagen und tat alles, damit Solar die Wahl gewann. Seine Plantagenleute zumindest votierten alle für Solar. Schul-, Kindergarten- und Bahnhofsangestellte auch. Oh Wunder. Und Solar machte es auch möglich, dass Harald jeden Meter Land bekam, den er wollte. Es wurden Wälder gerodet, Dörfer umgesiedelt, Seen ausgepumpt und Flüsse umgeleitet. Solar war großzügig und hatte seine eigenen Mittel, um die einfache Dorfbevölkerung zu zwingen. Harald hatte die südliche Ausdehnung im Sinn, denn diese Böden bekamen dem Geschmack des Kaffees besonders gut. Den mochten die Italiener. Das bedeutete aber auch, dass Harald Herr über das Land der Quakes werden musste. Dem alten Land der Ureinwohner, heiliges Land, auf dem angeblich Geister spazierten. Und das machte nicht Harald, sondern Solar Angst.

Solar war zwar einer, der über Leichen ging, nicht jedoch über Geister. Denn er war ein Kind dieser Gegend, hier war er tief verwurzelt, kannte die Traditionen und Rituale. Harald machte da keinen Unterschied, der war Europäer, er trampelte nach europäischer Großgrundbesitzerart alles platt und hatte damit ein vortreffliches Druckmittel gegen Solar in der Hand. Denn eines stand fest, Harald machte die Stadt, die Region, das Land reich und damit auch Solar berühmt und zu einem Präsidentschaftskandidaten mit ausgezeichneten Chancen bei den nächsten Wahlen. Und das war Solars schwächster Punkt. Er wollte an die Spitze der Macht.

Die Namenslisten

Will ging also, seines Erfolges sicher, zur Polizei, zu Stan und Dorothy, um die Namensliste zu bekommen. Stan und Dorothy hatten an diesem Tag Dienst und wollten Will nicht verstehen, wonach er verlangte. Denn beide waren beim Großeinsatz auf dem Plantagenbesitz nicht vor Ort gewesen. „Will will Namenslisten haben“, murrte Stan in den Hörer. „Weiß ich auch nicht, er sagt, da wäre gestern eine Invasion beim Harald gewesen. Gut, werd ich ihm ausrichten.“ Stan legte auf und sagte zu Will: „Wir haben keine Namensliste, die dich weiterbringen kann, soll ich dir sagen.“ Will: „Mit wem hast du geredet?“ Stan: „Mit Warper“ Will: „Stan, verarsch mich nicht. Ihr habt alle Namen notiert, gib mir die Liste.“ Stan: „Das geht nicht, Will. Auch wenn ich’s wollte, ich kann dir die Liste nicht geben.“ Will: „Warum nicht?“ Stan: „Das ist gegen das Gesetz, Will.“  Will: „Macht euch darüber keine Gedanken, also her mit der Liste. Ihr wisst doch, Harald und Solar…..“ Den Rest sollte sich Stan selber denken. Doch Stan blieb hart, er verweigerte ihm die Liste und setzte Will unschön vor die Tür. Will war wütend und bekam Angst, schließlich wusste er, wozu Harald fähig war, wenn er nicht bekam, was er wollte.

Zurück auf der Plantage ließ er sich erst einmal nichts anmerken. Es war um die Mittagszeit und er hatte noch ein wenig Papierkram zu erledigen als Harald in sein Büro kam. Harald brüllt: “Du Volltrottel, warum hast du Solar  mit ins Spiel gebracht heute bei Stan auf der Wache? Bist du wahnsinnig geworden?“ Will sackte das Blut in die Beine, obwohl er fest auf seinem Stuhl saß, er schluckte schwer, sein Atem stockte.

Jedenfalls sagte er: „Harald, ich äh ich ha..“ Harald unterbrach ihn: „Halt’s Maul, ich will keine Erklärung hören. Solar ist Tabu bei den Bullen, verstanden?“ Will: „ja“ Harald: „Wo ist die Liste?“ Will: „Die habe ich zuhause deponiert, zu gefährlich, sie dir hier zu geben.“ Harald: „gut gemacht, Will. Normalerweise rücken die sowas nicht raus. Hatte nicht damit gerechnet, dass du das schaffst. Bist der Beste, mein Junge.“ Will kochte innerlich. Jetzt richtete er seine Aufmerksamkeit doch auf seinen Atem und der war kaum mehr da. Er verfluchte Harald und er sah auch wie abhängig er von ihm war. Bruna, seine Frau, war ja die Exfrau vom Harald. Er liebte sie sehr und er wusste, wenn er Harald nicht das gab, was er wollte, würde er sie als erstes umbringen lassen. Bruna hatte große Angst vor ihrem Exmann. Das Sprechen hatte er ihr genommen.

Dieser Prügelei am Holzofen ihres kleinen Ladens hatte einen schweren Schock bei ihr ausgelöst. Jetzt stottert sie zum Glück nur noch, doch anfangs bekam sie kein Wort raus. Will war jetzt in einer unerträglichen Zwickmühle. „Der Drecksack“, dachte Will, den mach ich fertig. Er bedauerte es sehr, dass die Aufständischen Harald nicht an den Galgen gehängt hatten und ihn ausbluten ließen. Will war wie benommen, er drehte sich wieder seinen Papieren zu, Harald schloss die Tür, nicht laut, aber auch nicht sehr leise, halt ungestüm wie es seine Art ist, und Wills Hände zitterten.

In seinem Kopf schwirrte nur noch ein einziges Wort: Liste. Und dann der Satz von Harald: „Hol mir die Leute.“ Will konnte sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, er verließ das Büro, um draußen in der heißen Sonne nach Luft zu schnappen. Er versuchte über den staubigen Vorplatz zu schlendern rüber zur Scheune, wo hinten die alten Maschinen untergebracht waren. Er genoss den Anblick zum ersten Mal und beneidete diese Maschinen auch irgendwie, denn die hatten sich nichts  zu Schulden kommen lassen, taten ihre Arbeit, ratterten ihr Leben lang arglos durch die Kaffeepflanzen und ruhten sich des Nachts wieder in ihrer Scheune aus. Die brauchten kein Lob, keinen Ruhm, keine Karriere, keinen Besitz. Die hatten ein zufriedenes Leben. Und er. Will aber, er hatte ständig ein Problem. War fremdgesteuert wie eine Marionette. Er war nun beim Vordach angekommen, wo morgens und abends der Bus die Leute absetzte und wieder nach Hause brachte. Dort war unter einem Plastikwellblech eine dreckige Sitzgelegenheit, worauf er Platz nahm. Er dachte: „Was für ein Dreck das hier ist, menschenunwürdig hier zu warten.“ Er schnaufte durch und wusste nicht, was er nun tun sollte. Wie sollte er an die Liste kommen? Es gab nur einen Ausweg, er musste die Liste aus dem Revier in der kommenden Nacht klauen oder er musste eine Liste erfinden. Nein, das kam nicht in Frage, denn plötzlich hatte er Mitleid mit diesen Arbeitern, die Tag und Nacht für die dunklen Machenschaften anderer Leute ausgebeutet wurden. Will ging zurück in sein Büro, schlenderte vorher jedoch noch ein paar Schritte durch die Kaffeepflanzen.

Bruna verstand im ersten Moment ganz und gar nicht, was Will vorhatte in der kommenden Nacht. Die Polizeiwache überfallen? In ihren Augen war das das Schlimmste, was ein Mann tun könnte. Sie brachte vor lauter Aufregung wieder kein Wort raus. Sie fasste sich an ihren Hals, ertastete die Narbe, ihre immer faltiger werdende Haut und begann zu weinen, Tränen kullerten ihr die Wangen hinunter, sie war verzweifelt. Was, wenn Will erwischt wird? Nur für eine Liste? Das konnte sie nicht verstehen. Sie hielt ihr Gesicht in ihren Händen verborgen und weinte und weinte und weinte und sagte immer wieder auf italienisch: „Mio Arald si porca“ Das wiederholte sie und weinte, Will war verzweifelt so wie sie es war, doch eine andere Möglichkeit sah er nicht. Er versuchte seine Bruna zu überzeugen, doch sie weinte so sehr, dass sie nicht mitbekam, als er sich aufmachte. Sie hatte sich in den Schlaf geweint. Sie träumte intensiv in diesem Schlaf und wachte schweißgebadet auf. Sie hatte geträumt, dass Harald versucht hatte, sie und ihren Will zu würgen. Sie war schockiert, fasste sich wieder an die Narbe am Hals in der Nähe ihrer Kehle und wurde gewahr, dass alles nur ein böser Traum war. Doch als sie sah, dass Will nicht neben ihr im Bett lag, wusste sie sofort, in welcher Realität sie sich gerade befand. Sie begann wieder zu schluchzen und wartete angsterfüllt auf Will’s Rückkehr.

Drei Stunden vergingen bis die Türe aufging und ihr geliebter Will endlich wieder zu Hause war. Sie sprang ihm entgegen (natürlich nicht mehr so rehgleich wie früher, denn auch Bruna war älter geworden) und schloss ihn in ihre Arme. Will zitterte am ganze Körper und sagte zu ihr: „Es ist etwas schreckliches passiert.“ Und dann setzte er sich an ihren Bettrand und berichtete von dem Ereignis:

„Ich stellte den Wagen in der Star Street ab und ging den letzten Rest zu Fuß. Ich schlich mich auf die Veranda, die vor der Eingangstür war, nahm den Draht, um in das Innere des Hauses der Polizei zu gelangen. Dann schlich ich über den dunklen Gang hoch in die erste Etage in das Zimmer, in dem ich heute Stan sprach. Akten stapelten sich links von der Tür, geradeaus stand ein Tresor, der mannshoch war, daneben stand der Aktenvernichter und dahinter der Stuhl von Dorothy samt Schreibtisch. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte zu suchen. Also kramte ich erst mal die Akten links neben der Türe durch. Da war nichts. Ich nahm mir den Schreibtisch von Stan vor. Der war aber leer geräumt, Dorothys jedoch nicht. Also hatte Stan vielleicht etwas zu verbergen und ich zog an den Schubladen an seinem Schreibtisch. Verschlossen. Aha, dachte ich, das ist ein gutes Zeichen.  Ich musste die Schubladen knacken.“

Zeitgleich saßen im Keller Harald, Stan und Warp. Man diskutierte darüber, wie Solar Präsident werden könnte. Das meiste war getan, durch Harald. Nun galt es noch, Solar in die Wählerköpfe einzubrennen. Die Bevölkerung stand Provinzen sehr skeptisch gegenüber, die auf Kosten der Natur Produkte für den Export anbauten. Deshalb setzten alle auf Harald. Er sollte sich etwas einfallen lassen. Er musste in der Nähe der Hauptstadt eine Dependance eröffnen, um der drohenden Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen entgegenzuwirken. Das sollte als Werbebotschaft genau das richtige sein. Solar’s Weg an die Spitze des Staates würde so gelingen.

Harald stellte also da unten im Keller, über dem Will seine kleine Gesetzeswidrigkeit beging, einen teuflischen Plan vor, der Solar zum nächsten Präsidenten dieses drogenverseuchten Schundlandes nahe dem Äquator sicherte. Und natürlich wusste Harald, dass auch für ihn ein schönes Pöstchen abfallen würde.

Will erzählte weiter

„Um die Schublade zu knacken musste ich dann irgendwann in den Keller, um dort einen Schraubenzieher zu holen. Zuerst dachte ich, ich würde es auch ohne schaffen, ich versuchte es mit einer Schere, aber es wollte und wollte nicht gelingen. Ich verließ das Zimmer leise, schloss die Türe und ging auf Zehenspitzen nach unten in den Keller. Dort hörte ich Stimmen. Zuerst wusste ich nicht, wer da spricht, doch dann war es klar. Harald saß da unten, ich blieb versteinert stehen, lauschte dem Gespräch. Bruna, die wollen Solar zum Präsidenten machen und gehen dabei über Leichen. Ich hörte wie Harald sagte, dass als erstes der jetztige Kandidat aus dem Weg geschafft werden müsse. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, war in einer unerträglichen Zwickmühle, wollte gerade zurückgehen und es ohne Schraubenzieher versuchen, doch zu spät. Dann stand schon Warp vor der Türe und sah, dass ich gelauscht hatte. Er stellte mich zur Rede, was ich denn da mache. Ich sagte, ich sei zufällig hier rein geraten, ich hätte nichts gehört. Er glaubte mir natürlich nicht. Zwischenzeitlich war auch Harald da und wollte auch von mir wissen, was ich da mache. Es bleib mir also nichts übrig, ihm zu sagen, was ich da machte. Ich sagte ihm, er habe mich unter Druck gesetzt mit der Liste, die ich ihm nun holen wollte. Er bestritt natürlich alles, wollte nichts von einer Liste wissen. Er befahl Stan und Warp, mich in den Raum zu zerren, sie fesselten mich und drohten mir. Ich versuchte standhaft zu bleiben, doch irgendwann, als sie deinen Namen in den Mund nahmen, gab ich nach. Ich sagte ihnen, was sie hören wollten. Dann wollte Warp wissen, welche Liste ich suchte. Auch Stan wurde hellhörig. Ich hatte solche Angst, sie quälten mich und ich erzählte auch noch von der Liste, Bruna! Dann ließen sie mich gehen, Harald aber kam hinterher und sagte, dass mir das noch Leid tun würde“.

Bruna war fast ohnmächtig als sie das hörte. Und so purzelte Harald die nächste Sprosse hinauf auf seiner Knastkarriereleiter, denn er beauftragte wen, um am nächsten Morgen Will’s Wagen anzuzünden. Bruna wollte gerade losfahren. Und damit war Will gebrochen, er schwor Rache.

Die Kapelle bei der Beerdigung war prall gefüllt von Leuten, die Will gar nicht kannte. Harald und alle Plantagen Manager waren da und heuchelten Beileid. Ihre Frauen fielen Will um den Hals, weinten ihm den Hemdkragen voll und ließen Blumen auf Brunas Grab nieder. Will weinte und trauerte schwer. Sein Herz wollte aufhören zu schlagen, er wollte mit ihr gehen. Er war am Ende. Doch das war er seiner Bruna schuldig, der Kerl sollte dafür bezahlen. Nach der Beerdigung schlich er sich erneut des Nachts in die Räume der Polizei, um die Liste zu finden. Diesmal jedoch nicht für Harald, sondern für sich selber. Er fand sie schließlich mit allen Namen derjenigen, die Haralds Anwesen kürzlich gestürmt hatten. Ein paar kannte er, viele nicht. Komisch dachte er, das sind alles Frauen und woher kommen die, was hat sie veranlasst, Haralds Anwesen zu entern? Die meisten waren gar keine Plantagenarbeiterinnen, die meisten Namen waren Will völlig unbekannt! Woher kamen diese Frauen und warum Frauen?

Er musste es rausbekommen, um Brunas Willen. Will arbeitete immer noch bei Harald auf der Plantage, doch seine Vermutung, dass Harald hinter dem feigen Anschlag auf Bruna stand, wollte er nun beweisen und ihn dafür ins Gefängnis bringen. Die Voraussetzungen für ihn waren perfekt, denn Harald befand sich in der schlechtesten aller Ausgangslagen. Sein Sohn Toni setzte ihn unter Druck, endlich die mysteriösen Umstände des Unfalls aufzuklären und damit ihn als Nachfolger dem Dorf offiziell zu präsentieren. Die Plantagenarbeiter wurden unzufrieden und protestierten fast jede Woche. China und Italien verlangten nach ihren Kaffeebestellungen, schließlich musste man 60 Prozent Vorkasse leisten, wenn man von Harald & Company eine Ladung Kaffee kaufte. Und dann gab es noch Solar. Die Präsidentschaftswahl rückte näher und näher. In der Hauptstadt liefen die ersten Bauprojekte an, schleppten sich aber eher schlecht als recht von Termin zu Termin. Das war Wills Stunde der Rache. Er wollte sich seine einstigen Feinde zu Verbündeten machen. Die Lage hätte für Will nicht besser sein können, Harald in die Knie zu zwängen.

Es vergingen rund vier Wochen. An einem sonnigen Tag schleppte Will sich nachmittags in sein Büro in der Hauptverwaltung am River Side Dog Path, da wo die Meute Harald’s Anwesen vor kurzem gestürmt hatte. Harald verlor über den Vorfall in der Polizeiwache Will gegenüber kein einziges Wort mehr. Will sollte ihm nur die Liste mit den Namen bringen. Will hatte eingesehen, dass es besser wäre, sie ihm zu geben. Er machte also eine Kopie von den Zetteln und behielt selber die Originale. Nun wartete er ab.

Vier Wochen waren ins Land gezogen und nichts Außergewöhnliches passierte. Es war so als habe Harald alles vergessen, die Tage vergingen ohne besondere Vorkommnisse. Will besah sich die Namen an diesem sonnigen Nachmittag genauer und stieß auf eine Frau, deren Vornamen ihn schon länger irritierte. Er ging die Liste wieder durch, um zu schauen, ob ihm vielleicht doch eine weitere Frau bekannt vorkam, aber nichts dergleichen. Es waren alles keine Arbeiterinnen oder Ehefrauen von den Arbeitern dieser Plantage. Bis auf diesen einen Namen. Plötzlich hörte Will Schritte auf dem Gang vor seiner Bürotür, er faltete die Zettel schnell wieder zusammen, legte sie schnell in seine Schublade, weil er fürchtete, Harald könnte ihn überraschen. Aber die Schritte zogen an seiner Türe vorbei. Er nahm die Zettel wieder zur Hand und studierte sie erneut. Irgendetwas war an diesem Namen, er wusste, dass ihn diese Frau bei seinem Plan voranbringen würde. Er beschloss, heute eine gewisse Emily Ray Mueller zu suchen. Doch wie sollte er sicher sein, dass diese Ms. Mueller den Polizisten auch ihren wahren Namen gesagt hatte? Was, wenn sie sich einen ausgedacht hatte? Will begann zu zweifeln, dass er diese Frau jemals würde ausfindig machen können. Dennoch blieb er am Ball, denn er wusste, dass es etwas zu bedeuten hatte, dass ihm dieser Name so bekannt vorkam.

Will kramte zunächst alle Personalakten durch, er wollte sicher gehen, dass diese Frau auch wirklich nicht bei Harald & Company angestellt war. Er fand keinen Hinweis auf eine Emily Ray Mueller in den Akten. Er ging dann in den Keller, wo sich das Firmenarchiv befand, um nachzusehen, ob sie vielleicht früher einmal hier gearbeitet hatte. Und er wurde fündig. Er fand die Akte einer Mrs. Agnes Mueller im Archiv. Sein Herz pochte vor Aufregung. Er hatte eine wahnsinnige Ahnung, es kroch ihm kalt von unten in den Kopf. Seine Beine wurden schwer, sein Oberkörper begann zu zittern, seine Hände waren eisig, trotz der heißen Temperaturen draußen. Es war einfach zu heiß für diese Jahreszeit, doch das bemerkte er in diesem Moment nicht.

Sein Verdacht ließ ihn nur noch an die Namen auf der Liste denken. Er hechtete wie ein geölter Blitz wieder hoch zu seiner Büroschublade, in der er die Zettel verschlossen hatte, kramte seinen Schlüssel raus, öffnete das Fach, nahm die Listen in die Hand und verschwand im Archiv. Er flüsterte die Namen auf der Liste vor sich her: Steenman, Smiz, Wagonmaker, Luz …. Die restlichen las er in Gedanken und als er im Archiv den Abgleich machte stieß er auf Steinmann, Wagenmacher, Lutz, Schmitz …. Und so ging das weiter. Viele dieser Frauen auf der Polizeiliste hatten namenliche Entsprechungen mit denen im Archiv! Es war, als wären die Originalnamen ins Englische übertragen worden, so als wollte die nächste Generation nicht mehr mit den Namen im Archiv in Verbindung gebracht werden. Natürlich gab es auch Namen, die keine Verbindung zu den archivierten hatten, doch die übrigen, die, die übereinstimmten, reichten Will aus, um dran zu bleiben. Dreiundsechzig Frauen standen auf der Liste, Will fand achtzehn mit Namensverwandten im Archiv. Emily Ray Mueller sollte die erste sein, der er einen Besuch abstatten würde, denn er wusste jetzt, dass das ihr echter Name war.

Eine Woche später stand er vor der Tür von Ms Mueller und läutete. Er stand in einem edlen Wohnviertel am Ostrand der Stadt. Vor dem Gebäude war ein Spielplatz und ein Swimmingpool, zu dem nur die Bewohner dieses Hauses Zugang hatten. Es war eine parkähnliche Anlage mit hübschen Palmen und Hecken aus blühenden roten und weißen Bougainvillea. Ein schmiedeeiserner Zaun grenzte diese schöne Blumenpracht von der edlen Zufahrtsstraße ab. Will mochte die weißen Bougainvillea ganz besonders, die aus der Familie der Wunderblumengewächse kommen und zu den Nelken zählen. Bruna war eine gelernte Floristin gewesen. Sie hatte ihm bei ihren endlosen Spaziergängen alles über die Pflanzenwelt erzählt.

Will betrachtete diesen friedlichen kleinen Park durch das Fenster, das vom Hausflur auf die vordere Seite des Hauses zeigte. Will stand auf einem Marmor gefliesten Boden, es war roter Marmor. An den Wänden gab es Stuck, das Treppengeländer war Gold verziert und an jeder Türe hing ein Namensschild aus Granit, auf denen in silberner Schrift die Namen der Bewohner geschrieben waren. Die Decken waren sehr hoch und die Sonne konnte ganz leicht durch die Oberlichter das Treppenhaus erhellen. Die Atmosphäre gefiel Will außerordentlich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass gleich die Ms Mueller die Türe öffnet, die vor einem Monat vermummt Harald’s Anwesen zerstört haben sollte. Er war sich sicher, dass er vor der falschen Türe stand, die sich nun öffnete.

Und er dachte, er würde träumen als er in diese beiden Augen sah. In dieses Gesicht sah, dieses Lächeln sah, diese Statur eines Kindes sah, das aber kein Kind war, sondern eine erwachsene Frau. Diese Frau wirkte so zerbrechlich, dass Will sich schämte, überhaupt geklingelt zu haben. Doch nun musste er sprechen, denn sie sagte: „Ja bitte?“ Will stellte sich vor, versuchte irgendwie vorweg das zu verneinen, was er doch eigentlich herausfinden wollte. Er sagte also diesen Satz: „Ich glaube nicht, dass sie Emily Ray Mueller sind.“ Er biss sich auf die Zunge, denn sie hatte ihm ja eben noch bestätigt, dass sie Emily Ray Mueller ist. Er war verwirrt, es stand zwischen seinem eigenen Zweifeln und seiner irrigen Wahrnehmung von Richtigkeit. Er wurde rot und dann bat sie ihn aber auch schon hinein in die Wohnung, die sich als Haus im Haus herausstellte. Diese Frau war wohlhabender als er und sogar als Harald. „Möchten Sie einen Snack zu sich nehmen?“, wurde er gefragt. Ja wollte er, sagte aber nein. „Möchten Sie anstelle dessen eine Erfrischung?“ Ja wollte er, sagte aber nein. „Dann schlage ich vor, dass wir uns erst einmal setzen und sie mich dann fragen, was sie fragen möchten. Doch wie haben sie mich gefunden?“

Will wurde ein Platz in einem sehr weichen Sessel angeboten, er sank in die Tiefe, so wie er auch gerade in seine eigene innere Tiefe sank. Er hielt sich fest an den Lehnen, bekam er etwa Angst? Angst vor dieser Frau? Angst vor dieser Wohnung, diesem Sessel? Vor dem, was er gleich hören würde?

„Fragen Sie mich!“, forderte Emily ihn auf und ihn mit einem mitleidigen Lächeln ansah. Sie kam ihm vor, als säße sie höher als er, als schaue sie auf ihn herunter und das kam ihm nicht nur so vor, denn Emily hatte auf einem Stuhl Platz genommen und diesen an ihn heran gerückt. Sie hatte ein elegantes orangenes Kleid an, smaragdgrüne Pumps und saß jetzt vor ihm mit einem offenen Blick, in den er jede Frage hineinwerfen konnte. Sie lächelte und er frug: „Was wollen sie von Harald & Company?“ Sie lachte leise, lehnte sich an die Stuhllehne und antwortete: „ Keine Gerechtigkeit, wenn sie das erwartet haben.“ Er: „Gerechtigkeit? Wofür denn?“ Emily: „Die erwarte ich ja eben nicht.“ Will: „Was wollen sie dann von Harald?“ „Wir wollen eine Entschädigung für das, was er uns antut!“ Will: „Das ist doch Gerechtigkeit. Und was tut er ihnen an?“

Er handelt mit Menschen. Er handelt mit unseren Kindern. Er nimmt sie uns weg, steckt sie in Heime. Viele Arbeiterinnen bekommen ihre Kinder nie zu Gesicht. Er führt das dreckige Geschäft seines Vaters fort. Will war schockiert: „Wie sind sie dem auf die Schliche gekommen?“ Und dann erzählte Emily die ganze Wahrheit von Harald und seinen Machenschaften, die bis hoch in die höchsten politischen Kreise gingen. Bis zu Solar, aber das wusste Will. Er hatte jedoch von dem ganzen Ausmaß keine Ahnung.

Emily ist die Tochter einer Arbeiterin, die vor drei Jahren verstorben war. Emily hatte einen Unfall und da stellte sich heraus, dass sie nicht das Kind ihrer Eltern war. Das verriet sie Will bei seinem ersten Besuch.

Ende des ersten Teils von „Der Drachenkuss“

Teil 2 erscheint im Februar 2015.

 

Was erwartet den Leser in Teil 2?

Der Ort des Geschehens wird offenbart, Solar wird Präsident, Harald stolpert über Emily, dann wird er alles verlieren und seine Knastkarriere beginnen. Zuvor wird er herausfinden, wie Iris starb. Die gute Nachricht lautet: Bruna lebt. Bruna ist eine Komplizin von Harald und hat ihren Will böse hintergangen. Will will Bruna schließlich ganz vergessen. Doch mehr dazu in Teil 3, der im Mai 2015 erscheint. Kann sein, dass Will Emily heiratet. Stan und Dorothy mischen auch in Teil 2 und Teil 3 wieder kräftig mit!