Unterbestäubt
Unterbestäubtes Deutschland

Nils Gerber, Wolfgang Reuter und Otmar Trenk haben ein Netzwerk für Imker und Landwirte ins Leben gerufen, um das deutsche Bestäubungsvakuum mit neuem Sauerstoff zu füllen. Über diese Online-Plattform werden Imker mit kleinen Beständen zu Gemeinschaften zusammengeschlossen, um ihre Bienenvölker Landwirten anzubieten. Koordination, Kommunikation und Logistik übernehmen Gerber und seine Kolleginnen.

Über das ihr Netzwerk teilen mehr als 700 Imker ihre Bienen-Dienstleistungen, ihre Bienen-Produkte und ihr Bienen-Wissen. Fast 20.000 Bienenvölker sind registriert. Damit habe sich die Bestäubungskapazität seit Anfang 2018 verdreifacht. Denn neben Honigbienen, Mauerbienen und Hummeln stehen auch Goldfliegen für die Bestäubung zur Verfügung. Landwirte können übrigens auch für den geschützten Anbau unter Folie, Glas oder Vlies ihren Bedarf an Bienen kalkulieren.

Warum das ganze? Heute gibt es zu fast 97 Prozent Hobbyimker; die Berufsimker machen nur noch einen kleinen Teil aus. „Wir kümmern uns von der digitalen Vermittlung der Bienenvölker über die behördliche An- und Abmeldung der Bienentransporte und deren Durchführung bis hin zur Bereitstellung von fachspezifischem Wissen rund um Bienen und Bestäubung“, sagt Gerber.

Bestäubungsdilemma
Bestäubung: Rot bis 25%, Gelb 50% bis 75%, Orange zwischen Rot & Gelb

Deutschland ist bis zu 75 Prozent unterbestäubt.
Nur wenige Länder können ihren Bestäubungsbedarf nahezu komplett decken wie die Niederlande. Hier hat man schon früh angefangen, eine Bestäubungsimkerei zu etablieren. Andere hingegen, wie zum Beispiel England, haben eine Abdeckung von noch nicht einmal 25 Prozent. Und diese Länder suchen händeringend nach Bestäubungsmöglichkeiten. Hobbyimker haben sich auch im europäischen Ausland etabliert. Doch die haben kaum Kontakte zu Landwirten. „Die wurschteln eher alleine für sich. Und sie haben selten Interesse, mit ihren Bienenvölkern aufs Land hinauszuwandern.“

Es gibt viele Vorbehalte bei Hobby-Imkern, mit seinen Bienenvölkern zu Landwirten zu wandern. Manche warnen sogar davor und würden es am liebsten verbieten. Vor allem die Giftspritzen sind vielen ein Dorn im Auge. Viele Imker fragen sich wohl auch, warum sie den Landwirten ihre Bienen zur Verfügung stellen sollen, wenn die doch durch den Pestizideinsatz für das eigentliche Sterben verantwortlich sind? „Also da gibt es sehr krasse Forderungen teilweise, die natürlich völlig außer Acht lassen, dass eben Imker und Landwirte immer schon traditionell zusammengearbeitet haben, weil beide aufeinander angewiesen sind. Also gerade im Hinblick auf die Sicherstellung unserer Lebensmittelproduktion.“

Aber nehmen wir mal an, die Hobbyimker wären bereit zum Wandern; sie sind und bleiben Hobbyimker, die hauptberuflich etwas ganz anderes tun. Ihnen fehlt die Zeit und manchmal auch das Wissen, dass ihre Bienen gerade ganz woanders dringend gebraucht werden.

„Möglicherweise haben sie auch keinen fahrbaren Untersatz, um ihre Völker von einem zum anderen Ort zu transportieren. Und die wissen vielleicht auch gar nicht, wie man mit den Völkern wandert“, meint Gerber.

Und auf der anderen Seite gibt es die Landwirte, die genauso viel mit ihrem Betrieb zu tun haben und sich nicht um die Bestäubung und die nötige Koordinationsarbeit mit Hobbyimkern kümmern können. Sie wissen aber sehr wohl, dass sie auf einen Schlag teils mehrere hundert bis tausende Völker zur Bestäubung bräuchten. Denen ist gar nicht mit Kleckerzahlen von sieben oder neun oder 16 Völkern geholfen.

BEEsharing bietet den Landwirten und Imkern an, sich kostenlos zu registrieren. Landwirte können sich mit ihren Anbauflächen anmelden und Beesharing errechnet dann ihren Bestäubungsbedarf auf Basis wissenschaftlicher Daten. Und Imker können ebenfalls kostenfrei ihre Bienenvölker registrieren. BEEsharing bringt dann beide Seiten zusammen. Doch es werden nicht die Bayern mit den Niedersachsen gedated. Sie legen großen Wert auf den Regionalitätsgedanken bei ihrer Vermittlung. Es sollen die regionalen Strukturen gefördert werden. Händler können mittels Umkreissuche regionale Produzenten ausfindig machen und ihr persönliches Lieferanten-Netzwerk aufbauen.

„Wir haben einen Algorithmus, der eine Bestäubungsgruppe zusammenstellt. Jeder Landwirt und jeder Imker hat seinen Ansprechpartner bei uns. Wir bringen beide zusammen.“

Beesharing gibt es seit 2014. Die Gründer haben aber nicht ins Blaue geplant, weil sie eine romantisierte Vorstellung von Bienen hatten: „Wir haben uns mit allen möglichen Wissenschaftlern, mit Landwirtschaftskammern und Erzeugerorganisationen getroffen, um unsere Idee vorzustellen.“ Die ersten beiden Jahre waren sie nahezu ehrenamtlich tätig. Es ging ihnen nie ums Geld. Auch wenn sie ab 2016 ihre alten Jobs aufgegeben haben.

Wildbienen haben keine Lobby. Die Honigbiene hat zumindest die Imkerlobby hinter sich. Bienensterben meint aber vor allem das Sterben der Wildbienen. Das heißt nicht, dass die Honigbiene nicht betroffen ist. Gründe dafür gibt es viele: Pestizideinsatz in der Landwirtschaft, günstiger ausländischer Honig setzt heimische Imker unter wirtschaftlichen Druck, billige Konkurrenz aus dem Ausland, aber auch der Strukturwandel bei den Imkereien ist verantwortlich, dass sie sich nicht mehr zu Bestäubungsgemeinschaften zusammenfinden können. Dabei ist Honig eigentlich nur ein Nebenprodukt, wenn man die Wertschöpfung durch Bestäubung vergleicht, die 1.500 Prozent höher ist.

Nils Gerber blickt nach China

Die Chinesen haben 2007 und 2017 ihre Honigproduktion um knapp 70 Prozent gesteigert. Im gleichen Zeitraum gab es aber nur 22 Prozent mehr Bienenvölker. Nun fragen wir uns, welche Superbienen die Chinesen wohl haben? Die Antwortet lautet: keine. Denn das geht durch Einfütterungen mit Zuckersirup. Da werden Pollen beigemischt und der Wassergehalt wird reduziert bis es der Honigverordnung entspricht. Da wird sehr, sehr viel gemauschelt, um den wachsenden Bedarf zu decken, aber auch um die Preise künstlich niedrig zu halten. Das wiederum bringt die heimischen Imker in Erklärungsnot, warum ihr Glas doppelt so teuer ist wie das im Supermarkt. Denn erst einmal wirken beide Produkte gleich. Da die billigen Honige häufig Mischungen aus vielen Ländern sind, kann eine Beimischung gestreckter Honige kaum ausgeschlossen werden. Auch deutsche Honighändler sind Teil des Systems. Analysiert man deren Honige, stellt man häufig fest, dass da gar nicht die Sorte drin ist, die draufsteht.

Mehr zum Thema Tiere und Umwelt.