Gutzkow krempelt in Episode 3 sein Leben um: Er macht mit seiner Liebelei Gerti Schluss, und er trennt sich von seiner Mutter auf schaurige Weise. Oha? Ja, Gutzkow hasst seine Mutter zutiefst. Und dieser Hass liegt in einem Ereignis begründet, das sich auf einem Schuldach abgespielt hatte als Gutzkow 15 war: Der Lehrer Loht war beteiligt und auch der Doktor aus Tübingen. 

Teil 1 & 2

Dort am Karussell knallte er dem Mädchen also das Ende der gemeinsamen Liebelei vor die Füße und zwar directamente in den Matsch. Es hatte am Nachmittag geregnet. Und weil das Fest auf einem großen unbefestigten Rasenplatz stattfand, war der Untergrund nass, dreckig und schmierig. Es lagen auch tote Regenwürmer zwischen den versauten Grashalmen. Am Boden konnte nichts mehr gedeihen. Alles war tot. So auch die Liebe der beiden. Zumindest entnahm man das dem Gezeter der kleinen Gerti, die ihren Gutzkow so gar nicht mehr verstand. Ja, sie kapierte zuerst nicht, was er ihr sagen wollte. Schließlich hatte sie so viel mit ihm vor. Noch nie hat er sich gewehrt. Seine plötzliche Ansprache hat sie intellektuell überfordert. Sie lachte zuerst hysterisch und wiederholte ihre Planung. Gutzkow aber glotzte nur runter auf den Dreck, auf dem er stand. Ihre Hysterie indes war nicht zu bremsen. Sie weinte und wehklagte, sie war mit ihrer Mädchenstimme in der Lage, sogar die Musik zu übertönen, die vom Karussell kam. Sie weinte und jammerte und jammerte und weinte.

Der Gutzkow drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Er ließ sie unvermittelt im Matsch stehen. Was aus ihr geworden war, erfuhr er zufällig viele Jahre später. Gutzkow lief erleichtert davon – nach Hause. Unbemerkt von seiner Mutter ging er in seine Kammer und verschloss sich dort. Zog den Vorhang zu, legte sich auf sein Bett und genoss, was er getan hatte. Er war erleichtert und voller Tatendrang. Das war gegen 19 Uhr. Und es machte Pling in seinem Kopf. Mit diesem nur für ihn hörbaren Pling war klar: Jetzt geht es der Mutter an den Kragen. Die war in seinen Augen nämlich noch schlimmer als die mit Plänen  vollgestopfte kleine Gerti. Die Mutter war eine Nervensäge. Auch wenn Gutzkow ihr Lieblingskind war, hasste er sie zutiefst.

Viele Stricke lagen ihm um den Hals.

Wurzel dieses Hasses war das Ereignis auf dem Dach in der Schule gewesen. Da war der Gutzkow 15 Jahre alt. Damals war ihm ihr verschlagener Verstand zwar noch nicht voll bewusst. Sie benahm sich zu perfide, als dass ein 15-jähriger die echte Mutter entdecken könnte. Und an diese Geschichte musste der Gutzkow hier auf seinem Bett liegend ganz intensiv jetzt in diesem Moment denken. Jede Einzelheit zeigte sich in seinem Kopf. So unvermittelt, dass er selber nicht verstand wie ihm geschah. Manchmal muss eine große Tat daherkommen, damit längst vergessene Erfahrungen erscheinen und verarbeitet werden können. Der Lehrer Loht stand auch im Mittelpunkt seiner Gedanken.

Der Lehrer Loht

Gutzkow war mit 15 Jahren in der zehnten Klasse. Der Jugendliche hatte sich eine besondere Gabe zugeschrieben: Er hielt sich für sehr schreibbegabt. Der Lehrer Loht sah das anders. Er ermahnte den Gutzkow immer und immer wieder, er möge an seinem Ausdruck, seiner Grammatik und auch an seinem Sprachduktus arbeiten. Jede Klassenarbeit wurde dem Gutzkow vom Lehrer Loht mit einem Ausreichend goutiert. Der Gutzkow ging dann zur Mama und heulte sich bei ihr aus. Und die Mama musste ja um seine wahren Talente besser Bescheid wissen als der dumme Herr Lehrer Loht, der sich in den Augen der wirklich schlecht gebildeten Mutter nur einen Namen im Kollegium machen wollte. Was das eine mit dem anderen zu tun hat fragen Sie jetzt, liebe Leser? Eigentlich gar nichts. Aber die dumme Mutter vom Gutzkow sponn sich diese Geschichte zurecht. Denn nach Meinung der Mutter war der Lehrer angeblich selber erpicht darauf, ausgerechnet die Hochbegabten auszusieben. Nach ihrer Theorie duldete er so wenig Talente in seiner Klasse wie möglich, um nämlich seine hervorragenden Fähigkeiten als Lehrkraft unter Beweis zu stellen.

Dazu muss man wissen, dass die Schule vom Gutzkow ein geheimes Lehrer-Ranking eingeführt hatte, um das Niveau der Schule anzuheben. Jeder schlechte Schüler musste verbessert werden. Indiz für diese Verbesserung waren bessere Noten. Es ging um diese nachweisbare Bewegung in der Notenskala nach oben. Es spielte keine Rolle, ob Schüler gute Noten mitbrachten. Nein, es musste eine Verbesserung sichtbar sein. Laut Mutter gab der Herr Lehrer Loht dem Gutzkow nur und ausschließlich deshalb schlechte Noten, um eben seine eigene schlechte Qualität als Lehrkraft besser dastehen zu lassen und um im Ranking fix einen vorderen Rang einzuheimsen. Der Lehrer Loht hätte laut Mutter vom Gutzkow dem Jungen schlechte Zensuren verpasst, um durch Ermahnung beschriebenen Sprung nach oben in der Skala auch bei ihrem aus ihr gekrochenen Talent zu erreichen. Naja, wie dem auch immer gewesen sein mag. Der Gutzkow jedenfalls war sehr betrübt über diese Notengebung. Und anstelle zu versuchen, das Urteil des Lehrers Loht anzunehmen, anstelle sich zu besinnen, ob der Lehrer Loht nicht doch die Wahrheit sprach, und ob er dem Gutzkow nicht doch vielleicht einen ernst gemeinten Rat erteilte, begann der Gutzkow sich in die Sache hineinzusteigern. Und so begann der wollene Faden seines Lebens wie folgt sich in einer Sackgasse zu verheddern.

Es gab mal wieder die Deutschklassenarbeiten zurück. Diesmal kassierte der Gutzkow einen Fünfer – zum ersten Mal. Als er das hörte, sackte er am Tisch in der Schule zusammen. Sein Nachbar wollte ihm hoch helfen. Der Gutzkow lehnte diese Hilfe aggressiv ab und sagte ihm scharf, er möge ihn nicht anfassen. In seinem Kopf stand fest, „Jetzt reicht es, Loht!“ Gutzkow sammelte sich innerlich, stand entschlossen vom Boden auf, stellte sich selbstbewusst hin und begann, sich lächerlich zu machen. Er konfrontierte den Lehrer nämlich mit der Theorie seiner Mutter vor versammelter Mannschaft. Die Schüler hatten noch nicht einmal Lust zu kichern, und auch der Lehrer Loht sah verdattert drein und schüttelte den Kopf. Dabei ging er auf den Gutzkow zu und sprach Worte der Beruhigung. Gutzkow begann, wütend zu schnauben und sah den Lehrer hasserfüllt an und sagte ihm: „Ihnen zeige ich es.“ Dann lief er aus dem Klassenzimmer raus. Der Lehrer versuchte, ihn zum Bleiben zu überreden. Zwecklos. Gutzkow verschwand, knallte die Türe des Klassenzimmers zu und war weg. Herr Loht eilte ihm hinterher. Er dachte noch, ihn auf dem Flur zu erwischen, aber dort war Gutzkow nicht mehr. Herr Loht ging irgendwie traurig zurück in seine Klasse und fuhr mit dem Unterricht fort. Nach zwei weiteren Dreiviertelstunden klingelte es endlich zur großen Pause. Alle Schüler strömten aus den Räumen. Jeder hatte es eilig. Und keiner dachte mehr an unseren Helden.

Gähnende Leere im Klassenzimmer. Alles sind auf dem Hof und lachen sich kaputt.

Keiner von seinen Mitschülern hatte sich gefragt, wo er wohl abgeblieben gewesen sei. Außer dem Lehrer Loht. Der eilte durch die Gänge, graste die Toiletten ab, ging sogar in den Keller, weil er befürchtete, unser Held hätte sich etwas angetan. Doch nirgends war eine Spur vom Gutzkow. Bis er auf dem Pausenhof ankam. Was er dort sah, war entsetzlich. Es schien als hätten sich alle Schüler mitten auf dem Platz zusammengerottet und blickten nach oben. Einige fassungslos, andere belustigt, andere grölten, andere waren stumm wie Herr Loht. Der Gutzkow hatte sich nämlich auf dem Dach der Schule verschanzt und stand auf einem Laken, das er von oben herunterhängen ließ. Das war seine erste Gedichtveröffentlichung. Sich benutzte er dabei als mittigen Beschwerer, rechts und links auf den Tuchenden hatte die Mutter Klassenstühle gestellt. Natürlich hatte auch sie ihre Finger mit im Spiel.

So saß er stolz auf seinem Erstlingswerk. Es sollte ihn als hochbegabten Literaten auswiesen. Seine Lyrik betitelte er so: Aus dem Leben eines Dichters. Dann folgten seine Zeilen. Die beiden Stühle standen um die drei Meter auseinander. Und die Frau Mutter, was tat sie da oben?  Mit einem Megafon sprach sie alle unten auf dem Pausenhof an, namentlich den Lehrer Loht. Sie schrie: „Loht, gib zu, dass mein Sohn ein Schreibtalent ist! Nimm deine Noten zurück. Er hat Einser verdient!“ Dies wiederholte sie immer wieder und immer wieder. Gutzkow blieb regungslos zwischen den Stühlen stehen.

Alle unten auf dem Hof versuchten, die Situation zu entschärfen. Baten beide inständig, vom Dach herunterzukommen. Aber Mutter und Sohn blieben stur. Er stand auf seinem Gedicht und sie wiederholte ihre Forderung. Derweil lachten die ersten unten auf dem Hof. Sie grölten und beschimpften den Gutzkow, wie lächerlich er sich doch mache. Er möge da runter kommen. Einer schrie: „Oder willst du in die Halde?“ Die Halde war ein Synonym für eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie in der Stadt. Und je unbeweglicher sich der Gutzkow gab, umso mehr begannen seine Mitschüler ihn zu verspotten. Die Stimmung war explosiv.

Gutzkow begann, von oben herunter zu schreien. „Lest euch mein Gedicht durch anstatt zu lachen!“ Doch niemand hörte ihm zu. Sie lachten und grölten nur noch lauter. Der Hof füllte sich mit immer mehr Schülern. Dann kamen auch die Lehrer dazu. Und dann hörte Gutzkow Feuerwehrgetöse. Seine Mutter brüllte ihm zu: „Junge, du bleibst da stehen bis ich dir sage, dass du verschwinden sollst.“ Und so stachelte sie ihren Gutzkow mit sehr strengen Worten immer weiter an. Durch ihr Magafon schrie sie in die Menge: „Blääds Pack ihr dounda.“

Und plötzlich wurde es dem Gutzkow schwindelig. Ihm wurde mental übel. So lässt sich das beschreiben, was er fühlte. Es war eine Übelkeit, die nicht vom Magen kam, eher eine, die von der Situation kam, in der er sich befand. Diese Übelkeit zerfraß ihn von innen. Er musste sich hinsetzen, doch die Mutter untersagte es ihm durch’s Megafon: „Steh auf, Bub. Los!“ zischte die dumme Schlange. Doch Gutzkow wurde schwarz vor Augen, er berappelte sich noch einmal, begann zu weinen, er schwankte umher. Einer schrie hoch: „Mamasöhnchen, Mamasöhnchen……“ Dies Wort riefen dann zwei, drei, sechs und immer mehr. Sie sponnen ein Lied aus nur einem Wort. Die Menge applaudierte und sang derweil das Lied vom Mammasöhnchen. Irgendwie hörte der Gutzkow die Melodie von Alle meine Entchen daraus. Der Gesang wurde immer lauter und dröhnender und explosiver.

Es war als habe die Menge all ihre Wut, ihr Unverständnis über den Gutzkow in dieses Lied gepackt. Und als sei die Menge froh, dass sie ihren Gefühlen nun freien Lauf lassen konnte. Jeder einzelnen von ihnen beteiligte sich am Gesang. Und so stand der Gutzkow immer noch zwischen den Stühlen: Hier die Mutter, da die Angst vor der Ohnmacht und das Gefühl, aufgeben zu wollen, aber nicht zu dürfen. Dann die Angst vor der Blamage und das Wissen darum, dass es falsch war, was er tat. Er fühlte in diesem Moment nicht zum ersten Mal instinktiv, dass die Mutter Macht ausübte. Dass mit der Mutter etwas nicht in Ordnung war. Er hörte ihre Stimme von links zischen: „Zeig dänne goa Schwäsch, stell di hin, los!“ Er fühlte sich wie betäubt.

Ihm war so schwindelig, und er blickte wie eine Katze aus der Wäsche, die sich gleich übergeben musste.

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