Autobahn – Krieg: Wer kennt das nicht! Wer überholt uns da eigentlich und wer drängelt uns Licht hupend weg? Wer ist der Fahrer hinter uns? Dieser Frage spürt diese Geschichte nach. Hannah pendelt mit dem Auto und hat eine Augen öffnende Begegnung. Der Feind neben dir ist DEIN FREUND!

Unser täglich Autobahn

Nach Hannahs Geschmack mussten mindestens 100 Kilometer zwischen Wohnort und Arbeitsplatz liegen. Die Distanz zwischen beiden Orten zu wahren, war für sie schon immer ein heiliges Prinzip. Und noch lieber war es ihr, wenn mehr als nur diese einhundert dazwischen waren. Niemals hätte sie wegen einer neuen Stelle, die in einer anderen Stadt lag, ihre Wohnung aufgegeben, niemals wäre sie ihr hinterher gezogen. Stattdessen kaufte sich Hannah, wenn das alte abgenutzt war, ein neues Auto, um ja nicht auf den, wie sie es nannte, Pendelluxus verzichten zu müssen. Denn sie liebte es, sich abends in den Wagen zu setzen und ihre Gedanken durch die Dunkelheit zu manövrieren und sich unerkannt an anderen Fahrern zu messen. Das habe etwas Meditatives an sich. Die Fahrerei war für sie zu einem festen Ritual ihres Berufslebens geworden. So kam es, dass Hannah mit Ende 30 schon über eine Million Kilometer zusammen hatte. Ob mit dem Auto oder später mit dem Zug, machte für sie dann irgendwann keinen Unterschied mehr. Ja, sie begann sogar, sich regelrecht auf den Zug zu freuen und fieberte dem wohligen Gefühl entgegen, das sie mit der Zeit empfand, wenn sie hörte wie die Zugtüren in ihre Verriegelung schnellten und zwischen sie und den Tag eine Grenze zogen.

„Auf dem Seitenstreifen meines Lebens“

So war es auch an diesem Abend als der Sommer noch in vollem Gange war und sie wartend am Bahnsteig stand. Die Sonne schien, ein leichter Wind aus Süden wehte angenehme Kühle über die Gleise und entlang der Schienen. Es herrschte hastiges Treiben im Bahnhof. Die einen wollten weg, die anderen kamen an. Links und rechts von ihr standen voll bepackt die anderen Wartenden. Man unterhielt sich, umarmte sich, lachte und erzählte aufgeregt. Wieder andere rauchten und starrten dabei stumm in der Gegend rum. An irgendwas blieben deren Augen kleben, woran, konnte Hannah nur ahnen. Sie tippte auf das Werbeplakat, das dem Bahnsteig gegenüber hing. Da wurde auf amüsante Weise verboten: Zug um Zug dem Leben näher – ab heute Rauchverbot bei der Bahn.

Doch bevor sie mit sich die Frage klären konnte, was die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich gezogen hatte, das Plakat oder der Starenschwarm, der sich in einem der Bäume, die den Bahnhof umgaben, kreischend niedergelassen hatte, kam auch schon der Zug. Er quietsche, weil er eine leichte Kurve in den Bahnhof einfuhr, wurde dann immer langsamer und blieb schließlich stehen.

Seine Türen öffneten  sich wie von Geisterhand und Hannah stieg in den letzten Wagon. Um diese Uhrzeit hatte man nämlich hier noch die besten Chancen, zwei freie Sitzplätze nebeneinander  zu finden. Auf den einen würde sie ihre Arbeitstasche, auf den anderen sich selber setzen. Die meisten Gäste drängelten sich Gott sei Dank in die vordersten Wagons. Und das taten sie, indem sie alle auf einmal und so schnell wie möglich in den Zug stürmten. Wie Maschinen verfolgten sie nur ein Ziel: Einen Platz zum Sitzen finden. Ganze Völker schienen auf Wanderschaft zu sein.

Manches Mal spielten sich dramatische Szenen im Zug ab. Besonders, wenn ungeübte Reisende sich irrtümlich auf den falschen Platz setzten, weil sie ihre eigene Reservierung nicht fanden. Dann wurde diskutiert, erläutert, angemahnt, Gepäck umgestapelt und man hielt sich schnatternd gegenseitig seine Tickets vor die Nase, um zu zeigen, dass der andere im Unrecht und man selber im Recht ist. Wenn alles das nichts half, musste der Schaffner her und die Aufgebrachten beruhigen. Solche Situationen zwangen Hannah unwillkürlich an die Tage des Zugunglücks zurückzudenken.

Da blieb den Menschenmassen nichts anderes übrig, als auf die noch in Betrieb befindlichen Züge auszuweichen, weil ein Großteil der Wagons außer Gefecht gesetzt waren. Sich setzen zu können grenzte in diesen Tagen an ein kleines Wunder. Die Stimmung unter den Reisenden war entsprechend aggressiv. Einmal hatte eine ältere Dame ihrer Gereiztheit Luft gemacht, indem sie sich beim Aussteigen mit all ihrem Gewicht auf Hannahs Fuß drehte. Ihr Autsch wurde mit einem süffisanten Lächeln beantwortet, und ein anderes Mal plumpste eine etwas dicke, aber noch junge Frau mit Hut in den Raum zwischen Bahnsteig und Zug. Sie hielt sich beim Fallen an jemandem fest, der unglücklicherweise einen Hund an der Leine hatte. Dieses Erlebnis flößte Hannah nachhaltig Angst ein. Seitdem achtete sie ganz besonders auf die letzte Stufe der kleinen Leitern an den Waggons, die zum Ein- und Aussteigen montiert waren. Der Hund hatte sich dann samt Hut unten verfangen. Das arme Tier musste von Sicherheitsleuten aus seiner misslichen Lage befreit werden, die gerade am Bahnsteig, als sich der Vorfall ereignet hatte, die Parade abnahmen. Die Besitzerin hievten die Leute von der Sicherheit erst nach dem Hundi nach oben. Das kam Hannah sehr befremdlich vor.

All diese lauten Dinge, die Hannah ungewollt umarmten, mochte sie am Pendeln mit der Bahn nicht. Wenngleich sie aber nicht behauptete, Bahn fahren habe keinen Charme. Nein, im Gegenteil. Irgendwie hatte sie es gelernt, die Mitreisenden in einem gewissen Maße zu übersehen, sie nicht zu hören und sich voll auf sich selber zu konzentrieren. Mit der Zeit wurde sie eine wahre Meisterin darin, einen freien Platz zum Sitzen, ja sogar bei unangenehmster Überfüllung, zu finden und augenblicklich abzuschalten. Und an diesem Sommerabend, der erstaunlicherweise nicht am Ende einer Woche lag, war es nicht anders.

Schnell machte sie es sich in ihrem gefundenen freien Doppelsitz bequem und es schien, als habe sie wirklich Glück gehabt, denn rechts war ein großes Fenster, aus dem sie beobachten konnte, wie die Landschaft an ihr vorbei ziehen würde. Der Zug fuhr dann los und wurde allmählich immer schneller. Hannah hatte eine blendende Sicht nach draußen, Felder zogen an ihr vorbei, Bahnhofsdächer und Wartende flammten als Schnappschüsse auf, die Geräusche im Wagen verhallten in ihrem Kopf, sie war mit sich allein. ln der Ferne sah sie Vögel am Himmel kreisen. Ihre Gedanken erklommen mal dies, mal das. Sie döste vor sich hin und fiel in einen leichten Pendelschlaf, dem sie sich wohlig hingab.

Doch plötzlich war es vorbei mit der Ruhe. Jemand zupfte sie harsch an der Schulter und fragte, ob der Platz neben ihr noch frei sei. Zuerst tat sie so, als schlafe sie tief und fest. Sollte dieser Jemand halt weitergehen und woanders zupfen. Aber er ließ nicht locker, tippte sie nochmal an und stellte seine blöde Frage wieder. «Nein, nein, nein ich schlafe tief und fest und höre nichts», belog sie sich, wollte den gerade angefangenen Gedanken verwerfen, um den nächsten zu denken, doch ausgerechnet jetzt wurde sie gestört. Hannah sah schlecht gelaunt in die gewöhnlichen Augen eines mittelblonden Mannes, der so landestypisch aussah wie es die Natur vorgesehen hatte.

Ihr wurde heiß und kalt. Sehr plötzlich.

Sie erkannte ihn sofort wieder! Gänsehaut machte sich breit. Offensichtlich hatte er sie aber nicht erkannt. Um also nicht aufzufallen, stellte sie schnell ihre Sachen vom Nachbarsitz auf den Boden, drehte ihr Gesicht demonstrativ zum Fenster und besah sich das, was an ihr vorbeiflog. Er musste sie doch auch erkannt haben! Ihr Herz pochte. Was für ein Zufall, da saß dieser Mensch plötzlich neben ihr – im Zug! Wo er doch sein Auto buchstäblich vergötterte. Er war besessen von dem Ding.

Angefangen hatte es an, nein ach was, Hannah konnte gar nicht genau sagen, wann es angefangen hatte. Aber sie wusste, wann er ihr zum ersten Mal aufgefallen war, nämlich im Frühherbst vor zwei Jahren am Ostkreuz Richtung Finten. Sie fuhr grade auf der linken Spur, als sie sah, wie jemand von hinten Licht hupend auf sie zuraste. Hannah war eine sichere und geübte Autofahrerin, aber dieses Geschoss flößte ihr Angst ein. Sie nahm sich vor, beim nächsten Mal, wenn jemand meint, die Straße gehöre ihm, erst recht auf der Spur zu bleiben, wo sie war. Sie konnte nicht ahnen, dass sie ihr Vorhaben noch viele Male an ihm werde üben können. Nämlich an jedem Morgen der dann folgenden eineinhalb Jahre.

Sie fuhr auf der linken Spur, er rauschte von hinten auf sie zu, er hupte mit seinem Licht, sie wich aus und er raste weiter. Immer wieder kam es zu diesem Schauspiel, jeden Morgen. Hannah lernte diesen Fahrer mit der Zeit sogar recht gut kennen, zwar nicht so wie sie Männer üblicherweise kennenlernte, denn ihn traf sie nur auf der Autobahn. Dieses „kennen“ beschränkte sich auf seinen Fahrstil, sein Verhalten im Stau, seine Vorlieben für Sonnenbrillen oder wie er beim Fahren zu telefonieren pflegte.

Sie hingegen blieb ihm unbekannt. Das deshalb, weil sie in dieser Zeit ihr Auto mehrmals wechselte. Ihr altes war kaputtgegangen, und so bekam sie für die Übergangszeit eines vom Händler, der ihren Wagen zu reparieren gedachte. Und danach, als sich herausgestellt hatte, dass sich eine Reparatur nicht mehr lohnen würde, fuhr sie das ihrer Freundin. Insgesamt teilte sich Hannah mit ihr das Auto über acht Monate, solange bis ihr neuer endlich geliefert werden konnte. Und diese Autowechselei machten die morgendlichen Begegnungen auf der Straße so angenehm anonym. Ihr kam das sehr gelegen, denn dadurch bot sich Hannah an einem Tag im Herbst nach dem ersten Gewahr werden die Möglichkeit, doch mal genauer hinzusehen, wer dieser Mensch denn sei, der dieses morgendliche Auffahrritual praktizierte.

An diesem Tag tauchte er zum ersten Mal nicht zum gewohnten  Zeitpunkt an gewohnter Stelle mit rasanter Geschwindigkeit aus dem hinteren Nichts auf. Hannah war enttäuscht, dass er weit und breit nirgends in Sicht war. Denn mittlerweile hatte sie Spaß am morgendlichen Fangenspielen bekommen. Ja, dieser Tanz auf der Autobahn erheiterte sie. Doch heute war er weg. Sie sah sogar regelmäßiger als sonst in den Rückspiegel, immer in der Hoffnung, er würde vielleicht  doch noch angeflitzt kommen. Aber nichts geschah, keine Lichthupe, kein Raser. Diese Ernüchterung sollte aber nur wenige Kilometer andauern, denn plötzlich sah Hannah ein weißes Auto auf dem Standstreifen stehen.

Das war doch seines!  Sie erkannte ihn an seinem Kopf

Dieser Kopf hatte eine bizarre Form. Wie ein Ei oder eine Birne. Besonders zum Vorschein kam diese Form, wenn ihm die Sonne von hinten in den Nacken zu scheinen schien.

Hannahs Neugierde war jetzt geweckt.

Sie fuhr an der nächsten Ausfahrt raus und drehte um. Als sie in seine Nähe kam, verlangsamte sie und blieb direkt hinter ihm stehen. Dann stieg sie aus und fragte:  „Brauchen Sie Hilfe?“ Und so passierte etwas äußerst komisches. Ohne auf ihre Frage einzugehen, lud er plötzlich all seine Wut auf ihr ab. Erzählte, was ihn so verärgert hatte. Berichtet von vielen Kleinigkeiten. Dabei kannte er sie ja gar nicht. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass er schon seit langem jeden Morgen dieselbe Frau bedrängte. Aber egal. Er brauchte wohl ein Ventil. Und so erfuhr sie da auf dem Seitenstreifen viel von ihm und über sein Leben und dass sich hinter einem sehr unfreundlichen Drängler ein ganz netter Typ verbergen kann, der seine Geschichte des morgens Licht hupend innerlich versuchte zu verarbeiten. Seine Frau habe sich mit ihren Freundinnen einen Kurzurlaub gegönnt, also habe er sich um die Kinder kümmern müssen.

„Eine Kröte ist noch nicht mal von mir“

fluchte er.

An diesem Morgen musste er den Nachwuchs zur Schule und zum Kindergarten bringen, mit dem Ergebnis, dass auf dem vorderen Sitz jetzt ein Schokoladenfleck war. „Ich fahr da so, ahne nichts Böses und sehe den Fleck. Hab natürlich sofort angehalten.“ Er schrie Hannah an, und das nicht nur aus Wut. „Scheiße nochmal, können die hier nicht langsamer fahren, man versteht ja sein eigenes Wort nicht.“ Dabei zeigte er mit der Hand auf die vorbeifahrenden Autos, die mit Geschwindigkeiten über 200 km/h an ihnen vorbeirauschten.

Er befahl Hannah, sich den Fleck mal anzusehen. „Sie sind ja eine Frau und wissen bestimmt wie das weggeht.“ Diese Aufforderung kam Hannahs Neugierde ganz gelegen. Sie beugte sich ins Wageninnere und traute ihren Augen nicht. Da war ein Lenkrad, das golden schimmerte, ein Cockpit aus Mahagoni, weiße Sitze, drei Sonnenbrillen zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und vielerlei mehr. Und dann sah sie den putzigen kleinen Schokoladenfleck. Hannah wäre der wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, wenn er sie nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Sie besah sich sein Reich genau. Sie atmete den Geruch ein und stellte sich vor, wie es sich anfühlen muss, wenn er mit diesem Raum anderen auf der Straße Angst einflößte. Jetzt konnte sie erahnen, wie wenig Verbindung er zu seiner Außenwelt aufnehmen konnte, wenn er mit 180 und mehr von hinten angerast kam. Jetzt konnte sie nachfühlen, wie wenig er sich vorstellen konnte, dass es neben ihm auch andere Leben auf der Straße geben könnte. Jetzt wusste sie, was er von sich und der Welt denken könnte, die er mit über 200 jeden Morgen hinter sich ließ. Es roch aber auch seltsam hier. Das musste sein Geruch sein. Er biss in ihrer Nase. Es war der Geruch von kranken Menschen. Es war der Geruch, den Körper absondern, die nicht mit sich im Gleichgewicht sind. Es war der Geruch von Fleisch, das zu viel von allen schlechten Hormonen gespeichert hat. Zu viel von allem. Es war der Geruch von Knochen, die mal eine Auszeit wollten, sie aber nie bekamen. Es war der Geruch von Haaren, die gerne mal gewaschen werden wollten. Es war der Geruch von Gedanken, die sich im Kreis drehten. Dennoch war Hannah von ihrem Einblick in seine Welt fasziniert.

Sie befühlte und tastete das lederne Innere genau ab. Es fühlte sich toll an. Es fühlte sich glatt und sicher an. Es fühlte sich teuer an und es fühlte sich nach viel Glück an. Hannah musste aufpassen, dass sie sich in diesem Wagen nicht verträumte, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn er lief derweil draußen hektisch und aufgeregt und mit schlechter Laune von einer in die andere Richtung, telefonierte aufgeregt mit irgendwelchen Geschäftspartnern. Sie drehte sich nach hinten zu den Rücksitzen. Nichts deutete auf eine Familie hin. Keine Sitze für Kinder, keine Sonnenblenden, keine Spuckdeckchen, kein Spielzeug, nichts. Sie ließ ihren Blick über die Hutablage schweifen, über die hinteren Türen, dann über die Sitze und dann auf den Boden. Dort lag ein geöffneter Brief.

Sie versicherte sich kurz, dass er weit genug von ihr entfernt stand. Diese Gelegenheit MUSSTE sie nutzen. Sie sah, dass er vor dem Wagen stand. Mit dem Rücken zu ihr. Hannahs Herz klopfte wild. Ihre Hände wurden nass, ihre Finger begannen etwas zu zittern, ihre Beine wurden weich sogar im Sitzen.

„Jetzt greife ich zu“

dachte sie mutig. Jetzt war die beste Gelegenheit. Sie schaute von seinem Rücken draußen weg in den Wagen nach unten. Dorthin, wo ihre Hand gleich hinrutschen musste, um nach diesem Aspekt seines Lebens zu schnappen. Um diesen Aspekt mit ihren Augen zu durchdringen und ihn in ihrem Hirn zu verewigen. Sie wollte es wissen. Was sagte dieser Brief über diesen Drängler aus?

Sie schob sich noch etwas auf dem Sitz auf ihre linke Körperhälfte. Ihre linke Schulter drückte jetzt stark in die Haut des weißen Sitzes. Ihr Arm schwebte langsam nach hinten, verdrehte sich ein bisschen und jetzt hatte sie die günstigste Position erreicht, um das zu sehen, was sie sehen wollte. Hannah war sehr konzentriert. Sie tat nicht einfach irgendetwas, sondern sie operierte gerade. Mit höchster Präzision nämlich schnitt sie mit einem imaginären Skalpell einen Teil aus seinem Leben heraus, der am Boden des hinteren Wagens zum Liegen gekommen war. Jetzt hatte sie ihn in ihren Händen. Die Spannung stieg.

Sie steckte ihre Finger in den Umschlag, hatte ihn zu sich nach vorne gehoben. Ganz vorsichtig und lautlos. „Und, wie geht das weg?“ Hannah zuckte zusammen vor Entsetzen. Tausend Dinge gingen ihr durch den Kopf. Aber nicht bewusst, eher unbewusst. Augenblicklich ließ sie den Brief fallen und sagt: „Ganz einfach. Haben sie ein Tuch?“ Er ging zum Kofferraum und sagte dabei: „Muss ich suchen“. Jetzt hieß es beeil dich, Hannah. Das war ihre letzte Chance. Sie nahm den Brief wieder hoch.

Und der kam vom Gericht. Sie überflog das ganze während er seinen Kofferraum durchwühlte und zu Hannah rüber murmelte, dass er das Tuch bestimmt gleich habe, irgendwo müsse es ja sein. „Lassen Sie sich Zeit“, rief sie nach hinten. Währenddessen erfuhr sie, dass das eine Vorladung wegen eines Pfändungsbescheides war. Du meine Güte, dachte Hannah. Ihm wurde Verschleierung vorgeworfen. Dunkle Geschäfte mit kriminellen Gruppen und Geldwäsche.  Sie legte den Brief an seinen Platz zurück, jetzt wurde es ihr zu heikel. „Hier, versuchen sie es doch damit“, sagte er plötzlich vor ihr stehend. Und sie begann zu reiben bis die Schokolade verblasste und schließlich verschwand. Er freute sich wie ein kleines Kind, als er sah, dass sein Sitz in reinem Weiß erstrahlte. Ja, er wurde sogar recht freundlich und streckte ihr dankend seine Hand entgegen. Und damit war das Intermezzo am Straßenrand zu Ende. Insgesamt dauerte es rund 15 Minuten, Hannah kam es viel länger vor. Bevor sie weiter fuhr, sah sie ihm im Rückspiegel noch einmal nach und dachte an den kommenden Morgen, wenn er wieder von hinten angesaust kommen und von ihr verlangen würde, Platz zu machen. Irgendwie freute sie sich darauf. Denn am Nachmittag würde sie endlich ihren neuen Wagen vom Händler abholen. Damit konnte sie sicher sein, unerkannt zu bleiben.

Die Monate verstrichen und beide tanzten weiter auf der Autobahn ihren morgendlichen Tango. Bis zum Winter des darauffolgenden Jahres taten sie das. Einmal war er drei Wochen weg. Hannah reimte sich ihre eigene Begründung zusammen. Doch dann drängelte er sich wieder verlässlich durch den Autodschungel auf der Autobahn zu ihr durch. Das war kurz vor den Weihnachtsfeiertagen. Es regnete und sie musste irgendetwas an ihrem Radio einstellen, verlangsamte, fuhr aber noch immer auf der äußeren linken Fahrspur. Sie konzentrierte sich so sehr auf das, was sie am Radio zu schaffen hatte, dass sie ihn nicht bemerkte. Und weil sie nicht wich, entschloss er sich zum ersten Mal, sie rechts zu überholen. Zu allem Überfluss verlangsamte er auf Hannahs Augenhöhe und sah sie an.

Diese sehr überhebliche Geste sollte Hannah am Ende für immer jegliche Lust am Pendeln mit dem Auto nehmen. Denn als er lachend mit einer unflätigen Handbewegung ins Innere ihrer Augen schaute, verhakten sich ihre Blicke, sie verkeilten sich regelrecht ineinander, zwar nur für eine Tausendstelsekunde, die aber reichte vollkommen aus. ln dieser fast nicht messbaren Zeitspanne nämlich wurde ihm alles klar. Mit einem Mal verstand er, wer sie war. Und auch Hannah reichte dieser Augenblick, um zu verstehen, dass er begriffen hatte. Hannah wurde wütend, denn jetzt war der Reiz an diesem Spiel vorbei. Sie ärgerte sich sehr, zuerst über ihr Radio, dann über den Regen und dann über seine Arroganz.

So ging die zweite Unüberlegtheit zwischen den beiden Rivalen an diesem winterlichen Regenmorgen von Hannah aus. Sie trat nämlich auf die Bremse, um zu verlangsamen, so dass er an ihr vorbeiziehen musste. Diese verständliche Reaktion war aber so stark, dass dem nächsten Ungeduldigen, der hinter ihr schon nervös schwenkte einfach nicht genug Zeit blieb, sich an ihr Verlangsamen anzupassen. Er krachte in Hannah rein. Das bekam sie, wenn überhaupt, nur halb mit, denn sie geriet ins Schleudern, dreht sich zwei Mal, überschlug sich und kam im Graben schließlich zum Erliegen.

Hannah erholte sich verhältnismäßig schnell von diesem Unfall. Dieses Erlebnis machte aber, ähnlich wie das Erlebnis damals am Bahnsteig, als die dicke Frau und der Hund in den Zwischenraum plumpsten, derart Eindruck auf sie, dass sie fortan nur die Bahn nahm, aber weniger, weil sie beinahe ihr Leben verloren hätte und deshalb Angst vor dem Autofahren hätte haben können, sondern vielmehr aus der Erkenntnis heraus, dass sie künftig nicht mehr allein wäre auf dieser Autobahn.

Die Kraft, die von solchem Katz-und-Maus-Spiel ausging, war unwiederbringlich verloren gegangen.

Und während sie an diesem Sommerabend verkrampft im Zug seine Blicke mied und an all das zurückdachte, begann er wieder wie damals auf dem Seitenstreifen von seinen Problemen zu berichten. Halt, das stimmt nicht ganz, denn er sprach zuerst mit der Schaffnerin, die die Tickets kontrollierte. Er machte der Schaffnerin sogar ein Kompliment wie freundlich sie doch sei. So was gebe es ja heute kaum noch. So freundliche Leute. Dann musste sie die nächsten Fahrkarten abstempeln, und so kam es, dass er das, was er noch zu sagen hatte, einfach an Hannah richtete.

Er sagte: „Ich bin früher nur mit dem Auto gefahren. Das waren alles namenlose Wesen, an denen ich da auf der Straße vorbeifuhr. Aber ich sag ihnen, ich habe mich geirrt. Einmal, als ich in die Augen einer Frau sah, ich überholte sie gerade rechts, erkannte ich sie wieder. Sie half mir mal viele Monate zuvor. Da war ich in einer sehr unangenehmen Lage auf dem Seitenstreifen meines Lebens. Ich war wirklich ein Ignorant, habe sie nur nach dem beurteilt, womit sie fuhr, so sah ich übrigens alle Menschen da auf der Straße. Das wollte ich nicht mehr und seitdem benutze ich den Zug. Ich habe damals ein schräges Leben geführt und meine ganze Wut beim Fahren meines Autos abgelassen.“

Ob er Hannah dann doch noch erkannt hat, weiß ich nicht. Das kann sein. Und ob sich beide dann im Zug besser kennenlernen konnten, weiß ich auch nicht. Mag auch sein. Jedenfalls dachten beide ganz intensiv an ihre gemeinsame Zeit auf der Autobahn zurück. Und Hannah wurde klar, dass die Anonymität auf der Straße nur eine Illusion ist. Wir alle kennen uns, wenn auch nur über unser Verhalten auf der Straße. Fremd jedoch sind wir uns nicht.

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