Der Strand

Eine Frau geht am Strand entlang, und jeder, der will, kann ihr dabei zuschauen, wie sie an diesem schönen Novembermorgen mit ihrer blauen, wetterfesten Daunenjacke und festgeschnürten, braunen Wanderschuhen zwischen Dünen und Meer spaziert, immer weiter Richtung Norden. Dem nur noch spärlich besiedelten Teil der Insel und einer heraufziehenden Wolkenfront strebt sie entgegen; nach und nach trübt sich der Himmel ein. So scheint das Wetter doch noch zur Jahreszeit zu finden, da sonst auch von einem verirrten Septembertag die Rede sein könnte. Denn es ist mild und die Daunenjacke eigentlich als Schutz gegen den Wind gedacht, der allerdings nur schwach von der Landseite wehend den trockenen Sand nicht anrührt und das Dünengras nur mäßig bewegt.

Die Kurpromenade der kleinen Inselhauptstadt mit ihren Buden, Läden und Bistros hat die Frau hinter sich gelassen, manchmal bleibt sie stehen, hebt eine Muschel auf oder einen Stein, überlegt, lässt alles wieder fallen, schaut Richtung Meer, und dann geht sie wieder, sie geht und geht, kreischende Möwen fliegen über sie hinweg, und von Zeit zu Zeit kommen Menschen am Strand entgegen, einzeln oder in kleinen Gruppen, dann wieder ein Paar mit großem oder kleinem Hund, und die Frau sieht auf die Hunde, die kreuz und quer über den Strand toben oder brav und treu ihrem Herrchen folgen oder Frauchens Ball mit Hingabe und Stolz apportieren.

Die Frau hatte auch mal einen Hund, Tramp, und sie liebte ihn sehr, aber als Tramp alt und grau wurde, konnte er schließlich weder gehen noch stehen, und sie hielt ihn im Arm, als er starb, der Tierarzt sagte, als er die Spritzen aufzog, das sind sie ihm schuldig, Frau Libeskind, halten Sie ihn, und die Frau weinte und hielt ihn. Nie wieder hatte sie einen Hund, und wenn sie andere Hunde sieht, denkt sie an Tramp.

Auf der Insel, die zu den schönsten und exklusivsten des Landes gehört, haben einige vermögende Großstädter eine Wohnung oder ein Haus mit Garten. Manche Gemeinden der Insel schreiben Reetdächer vor, um das äußere Erscheinungsbild der Dörfer zu erhalten. Wer hier wohnen möchte, im sogenannten Friesenstil allemal, muss tief in die Tasche greifen, neue Baugrundstücke sind kaum verfügbar, und die Preise steigen seit Jahren ins Unermessliche.

Die Frau weiß das, aber die Dörfer der Reichen interessieren sie nicht. Jedes Jahr, meist im Herbst oder gegen Ende des Winters kommt sie für einige Tage von weither angereist, und wohnt in einem der hässlichen Hochhäuser der kleinen Inselhauptstadt in einem winzigen Apartment, das einem Onkel gehört, der es in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Wertanlage gekauft hat, als die Insel noch Bausünden zuließ, die heute als ausgemachte Peinlichkeit gelten.

Jedes Jahr geht die Frau also mit ihrem Koffer vom kleinen Inselbahnhof durch die Fußgängerzone Richtung Westen, bis sie zum hässlichen Hochhaus kommt. Sie fährt mit dem Fahrstuhl in den achten Stock und öffnet mit Onkels Schlüssel die Wohnungstür, findet das Apartment mit frisch bezogenem Bett in reinlichem Zustand vor, lässt alles stehen und liegen und eilt hinunter zum Strand, zum nicht enden wollenden Strand und geht und geht, bis sie genug hat und umkehrt in Vorfreude auf einen erholsamen, traumlosen Schlaf. Nie bleibt sie länger als eine Woche, denn nach einer Woche spätestens zieht es sie dorthin zurück, wo sie gerne lebt und Pläne schmiedet, bis zum nächsten Mal. Die Insel, denkt sie, ist schön, aber die Insel ist der Tod.

Heute verbringt die Frau den letzten Tag hier, morgen wird sie mit ihrem Koffer wieder die Fußgängerzone in östlicher Richtung durchschreiten, wird hier und da vor einem der zahlreichen Schaufenster stehen bleiben, Handtaschen, Hosen, Türbeschläge oder Wollknäuel betrachten und  auf den Bahnhofsvorplatz mit den großen modernen Skulpturen zusteuern, windschiefen grünen Giganten, die ihr immer erst auf dem Rückweg auffallen, wenn die Tage am Strand hinter ihr liegen und sie an etwas Unbestimmtes denkt, das sie Heimkehr nennt oder auch die Rolle rückwärts.

Der Zug, mit dem sie die Insel verlässt, wird wie vor einer Woche, nur in entgegengesetzter Richtung über den großen, vor vielen Jahren aufgeschütteten Damm rollen, der das Wattenmeer teilt. Und die Frau wird denken, bald sehen wir uns wieder, bald, und dann wird der Zug mit der Frau an Bord auf dem Festland hinter der ersten Rechtskurve verschwinden und fahrplangemäß anderen, entgegenkommenden Zügen begegnen, die auf die Insel streben.

Doch die Frau möchte noch nicht an die Abreise denken, sie will diesen schönen Novembermorgen für eine ausgedehnte Wanderung am Meer nutzen, einen letzten langen Ausflug bis an das nördliche Ende der Insel, dem Ende von Zeit und Raum, wie sie morgens im winzigen Apartment des hässlichen Hochhauses gedacht hat, noch ganz unter dem Eindruck eines Romans stehend, den sie bis tief in die Nacht gelesen hat, ein Roman über Menschen an der Grenze ihrer Möglichkeiten, am Ende ihres Lebens, alte und junge Menschen, das Ende ist in Rufweite, hatte die Frau tatsächlich gedacht und war eingeschlafen.

Schlief ein und erwachte, und jetzt geht sie und geht, und wieder begegnen ihr Paare mit Hunden, diesmal auch einsame Gestalten mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen und Mützen oder hochgestellten Mantelkrägen und sie glaubt, dass jemand von weitem grüßt, aber das kann nicht sein, eine Sinnestäuschung, sie besinnt sich, hält nicht an und geht und geht.

Das nördliche Ende der Insel. Nie verlässt sie ihr winziges Apartment ohne eine ungefähre Vorstellung von dem, was sie erreichen möchte, wohin sie geht und was zu tun ist. Oft hält sie sich nicht an diese Ziele, bei der erstbesten Gelegenheit kann sie ihre Pläne ändern, oder sie vergisst sie einfach und folgt ihren Launen. Aber das nördliche Ende der Insel zu erreichen, ist ein zu ehrgeiziges Vorhaben, um es aufzugeben, und deshalb beschließt die Frau, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, unbedingt an ihrem Vorhaben festzuhalten und sich schließlich mit einem schönen Foto des alten Leuchtturms am Ende des Ellenbogens, wie man diesen Teil der Insel nennt, zu belohnen. Dieses Foto beweist nichts, denkt die Frau, aber ich werde mich an den Weg dorthin erinnern, wenn ich es betrachte nach meiner Rolle rückwärts, vor dem Einschlafen, dort, wo das Leben in geordneten Bahnen verläuft.
Nun hat die Wolkenfront die Insel erreicht, der Wind frischt auf, es ist kälter geworden, nur noch ganz vereinzelt kommen Menschen entgegen und ihre Hunde sind bei ihnen und bleiben stehen, wenn die Menschen stehenbleiben, und wenn die Menschen sich umsehen, sehen die Hunde die Menschen an und warten. Die Frau beachten sie nicht, und die Frau schaut nach vorn und denkt an den Leuchtturm. Aber der Leuchtturm ist weit und das Wetter wird schlechter. Jetzt ist es ein ganz normaler Novembertag geworden, denkt die Frau, und ein feines Lächeln umspielt ihre Gesichtszüge, als die ersten Regentropfen den Strand erreichen und die Daunenjacke treffen. Der Regen wird stärker und stärker, und das Meer verschwindet  hinter einer grauen Wand; der Wind hat sich zum Sturm entwickelt, von der Sonne ist nichts geblieben als die Hoffnung, sie im Süden wiederzusehen, vielleicht übermorgen schon, oder irgendwann, bei einer Reise in warme Regionen etwa, die die Frau so liebt, wie die Insel, ihre Insel, auf der es regnet und stürmt.

Das einsam gelegene Fischrestaurant Der große Strand ist erleuchtet  mit Kerzen und kleinen Tischlämpchen und die Frau überlegt, ob eine Pause ihr guttäte, ein heißer Tee vielleicht oder eine Fischsuppe, ja, eine Fischsuppe, aber der Weg bis zum nördlichen Ende der Insel ist weit, und heute will die Frau schaffen, was sie sich vornimmt und deshalb geht sie weiter und im Fischrestaurant bleiben gebräunte Männer zurück, die von Reetdächern schwärmen und junge Paare mit Hunden, die dem Wetter entkommen sind und nun zuschauen, wie das Regenwasser die Fenster hinunterläuft.

Und es regnet und stürmt ununterbrochen, und hohe Wellen brechen sich am Strand und die Frau geht und geht und denkt an den Roman der letzten Nacht und an die Grenze von Möglichkeiten und an Möglichkeiten überhaupt und an den Tod in Rufweite für jung und alt. Noch lange geht sie so, erst eine Stunde Richtung Norden, dann eine weitere Stunde den in östlicher Richtung abknickenden Ellenbogen entlang, am ersten von zwei gusseisernen Leuchttürmen vorbei, denn der erste ist zu nah, zu naheliegend, wie sie denkt, zu leicht zu erreichen, um ein sehnlicher Wunsch zu sein.

Längst sind Hose und Schuhe völlig durchnässt, aber die Daunenjacke wärmt. Zweimal bleibt die Frau stehen und sagt: der Leuchtturm. Dann geht sie weiter.
Schon weiß sie nicht mehr, wie lang sie unterwegs ist, als sie auf einer kleinen Anhöhe endlich den zweiten weiß-rötlich schimmernden Turm entdeckt. Nur noch wenige Meter sind es, und sie geht die Anhöhe hinauf, bis ein hoher Zaun aus  festem Maschendraht ihr den Weg versperrt. Ein schöner Leuchtturm, denkt die Frau, gleich will ich  ein Foto machen, gleich, aber zuerst werde ich im Meer ein Bad nehmen und dann zurückkommen. Doch, ich werde zurückkommen.

Sie legt die Jacke ab und geht wieder hinunter zum Strand. Jeder, der will, kann ihr dabei zuschauen, wie sie den Fotoapparat lange betrachtet und ihn bald darauf weit ausholend ins Meer wirft. Der Strand ist menschenleer. Die nächste große Welle, denkt die Frau, ein wachsendes Grollen in Rufweite, ein Zaun aus Draht, der Leuchtturm, erst einer, dann noch einer, ein sehnlicher Wunsch, jung und alt.

Der nächste Morgen ist mild und schön wie der Morgen zuvor. Spaziergänger finden im Sand eine offenbar von der Flut angetriebene Frauenleiche, die sie von weitem zunächst mit hölzernem Strandgut und beim Näherkommen mit einem von der Natur malerisch drapierten Knäuel Seetang verwechseln. Neben der Leiche, so kann man dem Polizeibericht entnehmen, kauert ein Hund ohne Hundemarke, der ins Insel-Tierheim nahe der mondänen Ortschaft K. verbracht wird.

Sie möchten den Autor kontaktieren? Um seine Privatsphäre zu wahren, gerne über hallo@andrealumina.com.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here