Zweite Folge: Jetzt lernt ihr Gutzkows Fetisch kennen und trefft auf Dr. Wohl aus Tübingen. Er gibt ihm allerlei Ratschläge. So möge Gutzkow bitte die Gerti verlassen. Gerti ist seine erste Liebelei, die wie eine Weihnachtsgans zu sein scheint. Und die lässt er dann prompt im Matsch am Karussell zwischen Regenwürmern alleine zurück.  

[von Andrea Lumina]

Wo waren wir stehengeblieben (Teil 1 zum Nachlesen)? Gutzkow war in der Lehre, hatte viele Spannungen auszuhalten und fühlte sich in seinem jungen Leben gar nicht wohl. Denn sein Vorgesetzter und Ladeninhaber verlangte ein 1A Schraubensortiment. Da hatten die neun Millimeter Schrauben verflixt und zugenäht nichts, aber auch gar nichts unter den 7 Millimetern verloren. Und auch die Listenpflege der Bestellungen und Retouren war peinlichst genau einzuhalten. Toiletten putzen, Hof fegen sowie Flur und Eingangsbereich des Verkaufsraumes sollte er auch sauberhalten. Er musste sich, wenn Kundschaft kam, in ein hinteres Zimmer begeben, um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Er sollte der Frau des Ladenbesitzers beim Einkauf helfen.

Damit war gemeint, ihr die Taschen, Tüten und Kisten zu tragen. Dass er den Lieferwagen und auch ihr Auto putzen musste, gehörte ebenfalls zu den Pflichten eines Auszubildenden in einem kleinen Dorf. Kaffee kochen und kopieren musste Gutzkow aber nicht. Sein Vorgesetzter trank nur schwarzen Tee. Und Kopiergeräte gab es damals noch gar nicht. Was auch immer der trinken und kopieren wollte, darum kümmern musste Gutzkow sich nicht.

So mürrisch sah Gutzkow’s erster Vorgesetzter drein: der Ladenbesitzer.

Aber nicht nur das frustrierte ihn, auch Mutter und Freundin nahmen mehr, als sie gaben. Aus dieser Mühle wollte Gutzkow raus. Sein Appetit wurde immer schlechter, er magerte zusehends ab. Diese ganze Situation frustrierte unseren noch sehr jungen Helden sehr und bewahrte ihn vor einem runden Bauch. Und was ihn auch davor bewahrte, war, dass er eigentlich raus aus dieser Mühle und aus diesem Trott wollte. Er wollte es anders haben als sein Vater und seine Mutter, und vor allem wollte er es anders machen als seine Brüder. Aber wie sollte er das nur anstellen? Er hatte ja nur den Hauptschulabschluss und dementsprechend keine Bildung, seine dörfliche Herkunft verriet ihn auf Schritt und Tritt. Und noch dazu seine ausgeprägte dialektale Spracherziehung. Geld war auch keins da. Alles Ersparte hatte sein Vater entweder versoffen oder verspielt.

Um weiterzukommen brauchte man andere Voraussetzungen. Diese Weisheit hatte er aus den Magazinen gelernt. Was dem Vater der Alkohol und das Glücksspiel war, waren für unseren jungen Gutzkow seine Magazine, die er wie ein Neurotiker durchblätterte. Sie waren seine Sucht. Er las sie oft und viel. Es waren hauptsächlich Motorsport Magazine. Ab und zu waren auch mal zwielichtigere und doppeldeutigere dabei. Es spielt aber keine Rolle, welcher Natur sie waren. Festzuhalten ist, dass Gutzkow, alles glaubte, was er da las. Er kam gar nicht auf die Idee, den Inhalt seiner Glitzerwelt anzuzweifeln. Und so hatte er sich in den Jahren seiner Jugend ein Bild von seiner Zukunft gemacht, das er eisern verfolgte. In diesen Magazinen fuhr Jedermann mit teuren Autos herum. Jeder hatte eine tolle Frau an seiner Seite und jeder verdiente sehr viel Geld. Und Frauen sahen in seinen Augen bombastisch aus mit nur einer Funktion. Gutzkow dachte, wenn er nach Arbeitsschluss im Schraubenladen die neueste Ausgabe zu Hause durchblätterte, dass genau dies das Leben sei, das sich jenseits der engen Mauern seiner Welt abspielte. Eine tragische Annahme, die sein Leben verhunzte.

Er will raus aus dem Trott

Wir können festhalten, dass diese Magazine eine gewisse Vorbildfunktion für ihn hatten. Diese Magazine halfen ihm. Aus diesen Magazinen zog er seine Inspiration, wie er die Öde des Kleinstdorfs, des Kleinstlebens, der Kleinstliebe verlassen könnte. Nicht nur aus den tollen Hochglanzbildchen zog er sie. Auch die Geschichten und vor allem die Serviceseiten dieser Magazine hatten ihren inspirierenden Anteil daran.

Ein Beispiel: Gutzkow las auch die SUPER. In der Super wurde wirklich alles als super dargestellt. Die Super war ein Männermagazin für solche Männer, die sich nicht trauten, den Palyboy zu kaufen. Weil sie vielleicht Angst hatten, am Kiosk beobachtet zu werden. Oder weil sie den Playboy nicht zuhause rumliegen lassen konnten, weil Frau und Kinder auch dort waren. Oder weil eine Mutter noch herumsprang. Oder oder oder. Die Super half genau solchen Männern. (Wenn sie, liebe Leser, sich für die Super interessieren, schreiben Sie mir eine Mail und ich schicke Ihnen eine detaillierte Beschreibung und wie und wo Sie sie beziehen können.)

Doch zurück zu diesem tollen Männermagazin. Damals gab es dort also auf der vorletzten Seite eine regelmäßige Kolumne mit Hotline. (Diese Hotline gibt es jetzt nicht mehr.) Rief man da an, klingelte es bei Herrn Dr. Wohl in Tübingen. Er beantwortete alle Männerfragen, wie zum Beispiel: Mein Opel stottert, woran kann das liegen? Meine Frau ist regelmäßig schlechter Laune, woran kann das liegen? Unser Hausverwalter will mehr Miete, woran kann das liegen? Ich will mehr als nur mit meiner Frau vorm Lichtausmachen reden, woran kann das liegen? Naja, für solche Themen war Dr. Wohl am anderen Ende der Leitung in Tübingen sitzend zuständig. Eines Tages griff also auch unser Gutzkow zum Telefonhörer und stellte ihm diese Frage: Ich fühle mich nicht wohl in meiner Haut, woran kann das liegen, Herr Dr. Wohl? Und das, was Herr Dr. Wohl dann sagte setzte Gutzkow um.

Dr. Wohl

Und das ging so: Zunächst möge er bitte die Freundin aus seinem Leben verschwinden lassen. Zu dieser Konklusion kam Dr. Wohl, nachdem der Gutzkow ihm die Situation en Detail beschrieben hatte: ((Eingehochdeutscht)) Drei Jahre sind wir jetzt schon ein „Paar“. Sie ist wie eine Weihnachtsgans, vollgestopft mit Plänen, die mir zuwider sind. Sie hat mich verplant: In einem Jahr die Vaterschaft, bald soll ich Besitzer eines Kleingartens und Mieter der oberen Etage im Elternhaus im Architekturstile der 50er Jahre sein.

Und so erzählte der Gutzkow dem Doktor in Tübingen an der Hotline haargenau von seinen Lebensverhältnissen. Ich möchte das Gesprochene mit meinen Worten wiedergeben, weil es kein Vergnügen wäre, den Gutzkow zu zitieren. Wie gesagt, ein Schwabe, den nur ein Schwabe versteht. Sogar eine Schwäbin hätte Schwierigkeiten.

Dr. Wohl aus Tübingen kann Mut zusprechen, auch dem Gutzkow

Was der Gutzkow dem Dr. Wohl erzählte, war dies hier: Der Vater meiner Freundin hat beim Bau im Jahr 1953 vorsorglich alle Stockwerke familiengerecht ausstaffiert. „Ma waas nie waas köömt“, damit rechtfertigte der Alte alle seine Taten. So also auch diese seine sehr frühe Wundertat im eigenen Hause für die Gerti, die noch anstand. Damals 1953 war ja an sie, die mal einen Gutzkow anschleppen würde, noch lange nicht zu denken. Denn dieses Töchterlein kündigte sich erst 13 Jahre nach gesagter Plattitüde des Vaters an, also 1966. Mitgeteilt von Irmtraud (Irmi), seiner Gattin und der Mutter des künftigen Lebensstricks von unserem verkorksten Helden. Dass diese Tochter käme, sagte die Irmi dem Alten (der übrigens Hochpa hieß) in der Küche des Mittags. Irmi blieb dabei nüchtern und hielt sich kurz: „De Dochda kimt bold doniedaa“. Ihr Bauch war schon lange rund, doch dem Hochpa war das entgangen. Irmi und Hochpa benannten das Töchterlein Gerti. Und Gerti war ja dann die Schlinge unseres Helden Gutzkow, aus der er auf Anraten von Dr. Wohl 16 Jahre später seinen Kopf beim Dorffest zog. Am Karussell im Mai 1982.

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