Der Berufsverband für freie Journalist/innen ist ein Verbandskasten mit allerlei Pflastern, Mullbinden und Desinfektionszeugs, aber auch mit Scheren. So wichtig wie ein Verband oft für den Alltag, so wichtig ist er für die Berufsgruppe der freien Journalist/innen. Denn der Berufsverband hat viele Aufgaben, weil Freie viele Nöte haben. Vorstandsmitglied Frank Keil erläutert mir das Warum in fast zwei Stunden Gespräch in der Hamburger SternChance.

Freischreiber e.V. – Die Freiheit der Freien im Viervierteltakt

Wenn es nach Frank Keil ginge, würden freie Journalist/innen im Einvierteltakt zu vier Teilen am Tag arbeiten. Einviertel ihrer Arbeitszeit täten sie Redaktionsdienst, Einviertel täten sie PR (public relations), Einviertel recherchierten und schrieben sie ambitioniert Texte und Geschichten und Einviertel täten sie Fleißarbeit. Mit diesem Bauchladen seien sie wahrlich unabhängig.

Wer ist Frank Keil? Er ist vieles zugleich. Dies ist einer, der seit langem im Vorstand des einzigen Verbandes für freie Journalist/innen in Deutschland ist. Er ist demnach ein Freischreiber, ein Hamburger und er ist ein Connaisseur des gepflegten Wortes für gepflegte journalistische Texte. Er ist ein Freier im Verbandskorsett. Widerspruch! Denn sind Journalisten nicht per Definition vom „Komm-wir-gründen-einen-Verein“ ausgeschlossen? Nein. Denn Frank Keil liebe sein Korsett und er begreife es als atmungsaktiven Neoprenanzug, mit dem er sicher durch die Dimensionen und Elemente der Medienbranche navigieren könne – wie ein Fisch.

Szenenwechsel: Was verbindet freischaffende Journalist/innen mit Stühlen, Betten und Regalen? Einiges! Denn so wie Friseure ihre Stühle in Salons, mieten Hersteller Regale in Supermärkten und Ärzte Betten in Krankenhäusern. Und ebenso mieten Redaktionen Freie, damit sie ihre Blätter voll kriegen mit Text und divers. Ok, an dieser Stelle hinkt der Vergleich etwas, aber das Prinzip ist klar geworden. Denn: Keiner käme auf die Idee, das Regal, den Stuhl oder das Bett nicht adäquat zu entlohnen. Bei den Freien aber verhält es sich so. Sie werden oftmals nicht entsprechend für das bezahlt, was sie abliefern.

Und dafür gibt es den Freischreiber e.V. Mit Erfolg. Wer Mitglied ist, kann auf ein fundiertes und vertrauensvolles Netzwerk zugreifen – er hat einen Verbandskasten im wahrsten Sinne des Wortes zur Hand. Dies Netzwerk hat vieles im Angebot. Hilfe bei der Recherche und bei Rechtsfragen oder auch bei organisatorischen Belangen. Das scheint nötig, denn der Blick auf die 8 Regeln des Klubs lässt tief blicken in Sachen Moral unserer Arbeitsgesellschaft. Da steht zum Beispiel: Pünktlich zahlen, Auftrag bestätigen, Bezahlen trotz kürzen, alle an den Erlösen beteiligen. Das sind doch Punkte, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.

„Das Leben in den Redaktionen hat sich drastisch verändert. Anstand und Ehre bleiben immer mehr auf der Strecke. Wie auch sonst im Leben. Handwerker können davon ein Lied singen.“

Doch Freischreiber e.V. ist nicht die Jeanne d’Arc für sprachlos gewordene Freie. Freischreiber e.V. begreift sich auch als Ratgeber für seine Mitglieder. Man möchte die Arbeitsbedingungen Freier verbessern und im Auge behalten. Ihre Zusammenkünfte bieten Diskussionen für diese Belange. Es gibt Workshops zu neuen Entwicklungen im Markt wie Crowdfunding. Doch bei aller Virtuosität im thematischen Offering des Klubs wie Steuer- und Sozialberatung, Altersvorsorge und Versicherung, Checklisten für Verträge, Beratung fürs Ausland, bleibt das Thema Honorare eines der zentralsten.

„Es beginnt schleichend“, so Keil. „Dass weniger gezahlt wird für die Texte ist ein fließender Prozess. Das merkt man zuerst gar nicht. Da ist in den Redaktionen auch keiner, der sich für die freien Kollege/innen einsetzt. Das müssen die selber verhandeln. Ich habe den Auftrag für 10.000 Zeichen vereinbart und geschrieben. Doch gedruckt werden nur 6.000 Zeichen. Was ok ist. Was aber nicht ok ist, ist, dass die restlichen 4.000 Zeichen stillschweigend nicht gezahlt werden. Das war früher anders. Freie brauchen eine gute Buchhaltung, damit sie den Überblick behalten: Was habe ich abgeliefert, was ist bezahlt worden?“

Ob man sich nicht unbeliebt mache, wenn man nachhakt, will ich wissen. „Finde ich nicht. Das ist auch ein Beleg für ein gewisses Standing. Emotionslos bei Redaktionen nachhaken ohne pampig zu werden, verleiht Respekt.“

Die Oma, die Mutter und auch die Tante nicht

„Meine Verwandtschaft fragt mich oft, warum ich denn nicht fest angestellt bin bei einer Zeitung. Dass die meisten Redaktionen alles über Freie abwickeln, wissen weder meine Tante, Oma oder Mutter, noch sonst welche, die keine JournalistInnen sind.“

Da muss man Frank Keil Recht geben. LesekonsumentInnen machen sich keine Vorstellung davon, dass auch die Produktion von Magazinen mittlerweile von den Freien erledigt wird. Festangestellt sei vielleicht noch der Führungskopf, so Keil.

„Auch deshalb rate ich zum Viervierteltakt.“

„Wer sich als Freier zu sehr spezialisiert, hat oftmals schlechtere Karten über die Runden zu kommen – es sei denn, man ist so spezialisiert und fachkundig, dass man als Fachmann  oder -frau unverzichtbar wird.“ Ohne freie JournalistInnen seien Medien in Deutschland nicht mehr denkbar. Tageszeitungsredaktionen hätten Mühe, ihre Seiten zu füllen, Rundfunkanstalten müssten den Betrieb einstellen und auch viele Magazine und Onlinemedien könnten ohne sie einpacken. Jeder brauche sie. Thematische Vielfalt sei in diesem Business das A & O, um frei zu bleiben.

Und dann, zum Schluss, plaudern wir über das, worüber alle gerne plaudern: Online versus offline. Sein Kommentar nun als schlichter Texter, der die Langstrecke liebt: „Online verdirbt den Charakter.“ Text und Recherche seien hier minder bewertet. Es gehe nur darum, die drei Fragen zu beantworten. Doch wir sind uns beide unsicher, ob dies Prinzip so stimmt. Der Onliner sagt: Mehr als die Antworten auf die drei Fragen wollen die Leser gar nicht wissen. Offensichtlich ist das nicht so. Schließlich lesen Sie, liebe Leser, gerade online weit über diese drei Antworten hinaus.

Ende 

„Wir sind einer der harmonischsten Vorstände, die es in Deutschland gibt“

Wie alles anfing erzählt uns Frank Keil am besten selber: „Da gab es vor zehn Jahren eine private Mail. Rund 100 meiner KollegInnen waren es Leid. Sie sahen sich nicht bei verdi und Co. Auch dort hieß es damals: Nur als Fester haste was drauf. Daraus hat sich die Idee entwickelt, selber etwas auf die Beine zu stellen. Die freiberuflichen Fotografen hatten sich damals schon in einem Verband namens Freelens organisiert, hatten eigene Räume, in denen wir uns netterweise treffen konnten. Dort kamen wir also zusammen und die Frage stand im Raum, wie wir weitermachen sollten. Lutz Fischmann, der damalige und heutige Geschäftsführer von Freelens, redete immer und immer wieder auf uns ein, wir müssten einen Verein gründen. Ja mit Satzung. Ja mit Vorstand, Ja mit Mitgliedern und Geldern und Homepage und allem Drum und Dran. Um ernst genommen zu werden, müssten wir Strukturen aufbauen. Das war die richtige Entscheidung. Wir zählen heute 700 Mitglieder. Und wir haben sehr starke Regionalgruppen in Hamburg, Berlin, München und Frankfurt. Weitere werden aufgebaut.“

Direkt zu den Regionalgruppen
Baden-Württemberg, Berin, Franken, Hamburg, Köln/Bonn/Düsseldorf, Leipzig, Rhein/Main, Rhein-Neckar

Kooperationspartner?
torial, Krautreporter, Netzwerk Recherche, Hostwriter, Freelens

Mitglied werden?
https://www.freischreiber.de/mitmachen/mitglied-werden/

Kontakt?
Tel: 040 – 22 86 71 52, Büro Freischreiber e.V., Hoheluftchaussee 53a, 20253 Hamburg

 

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