Besuchte Träume

Zum ersten Mal zurück kam er nach fast zehn Jahren. Nichts war wie damals.
Die beiden Flügel des Bahnhofes, der eine im Westen, der andere im Norden, umarmten einst jeden Besucher, jetzt wies der Bahnhof unbarmherzig alle zurück. Er hatte sich von Werbeplakaten einwickeln lassen, die an seinen Fassaden herunter baumelten und sich im Regen wiegten. Der Bahnhof war kaltherzig und trostlos geworden. Er war eine Qual für den, der ankam und Erlösung für den, der abfuhr. Da, wo ihm gegenüber früher das Kurzwarengeschäft vom alten Brenders war, standen jetzt Mülleimer, die zur Trennung zwangen. Sie fletschten ihre Glaszähne, die aus der Luke klafften, stanken aus ihren
Mäulern. Keiner traute sich, ihren Befehlen nicht Folge zu leisten. Betrunkene lagen neben ihnen, ein Kind war auch dabei oder war es nur ein viel zu kleiner Mensch, dem die Mülleimer die Arme angefressen hatten?

Kalt kroch der Wind durchs offene Fenster ihm von hinten in den Nacken rein. Aus dem Dorf war eine ekelige, alles verschlingende Stadt geworden, die sich wie ein Geschwür verzehn- oder verzwölffacht hatte. Der Bus stotterte die einzelnen Haltestelle ab. Auch den Busfahrer kannte er nicht, früher saß da Tüte, der sich vor einem Jahr entzogen hatte, selbst gewählt, selbst erwürgt. Das neue Einkaufszentrum zog am Bus vorbei; stand da, wo Bauer Lai sein Feld hatte. Jetzt gabs graue Autos, die – wer weiß wie lange schon – auf ihre
Fahrer warteten.

Rot war auch mal eines zwischendrin, aber egal. Weil der anthrazitfarbene Asphalt so oder so alles verschluckte. Alles was auf ihm Platz nahm in seinen dunklen, dröhnenden Schlund sog. Auch die paar Leute, die auf dem Vorplatz des Einkaufszentrums von einer in die andere Ecke eilten, entkamen ihm nicht. Und das wussten sie. Sie waren den Tränen nah,
blickten nach unten, wussten was sie erwartet, die Schultern nach unten zerfallen, die Rücken nach Vorne gebeugt, jämmerliche Gestalten.

Jetzt Vollbremsung, der Bus stand, Gutzkow fiel mit dem Kinn fast auf den Griff vorne, es polterte. Geschrei, Gejammer von draußen, ein alter Mensch lag regungslos auf der Straße, Gutzkow stieg aus und sah, wie der nasse Asphalt im Begriff war, sich die alte Haporzki einzuverleiben, er schmatzte und schlurfte vor Gier, die Hälfte ihres rechten Armes war weg. Sie schrie vor Angst, die Alte, helfen konnte ihr keiner. Wollte auch keiner. Man stieg wieder ein. Ihre flehenden Augen rollten wirr umher, das Weiß der Augäpfel quoll raus, Blut kam hervor. Es vermischte sich mit dem regen und floss in einen Gulli, vermengte sich mit dem Unrat und dem Gestank von diesen toten Lebenden.

Der Bus fuhr weiter, Gutzkow drehte sich um, sah die Alte wie sie langsam im Boden verschwand, sah die Freiwilligen noch herbei eilen, die ihr Glück mit ihr versuchten, dann bog der Bus um die Ecke, Gutzkow sah nach Vome, die kalten Lichter blendeten ihn, die nächste war seine, das Lämpchen an der Türe leuchtete auch bei ihm nicht auf. Draußen stand schon sein alter Herr, gestützt auf einem Stock, triefend, stinkend, zerfasert, verfettet. Gutzkow wurde übel, er sah dem alten tief in die leeren Augen, der lächelte, sich freute wie ein Kind. Aber der Bus gab den Sohn nicht frei, widerstandslos.

Als Gutzkow aus diesem Traum erwachte, schwor er sich, ein besserer Mensch zu werden.

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